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Rezension : Überdrehte Betrachtungen eines ehemaligen Investmentbankers

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Bild: Klett - Cotta

Ein Investmentbanker bespricht das Buch eines ehemaligen Investmentbankers: Wie realistisch ist Schimmelbuschs Roman? Und was will der Dichter uns damit sagen?

          Wer das Buch von Alexander Schimmelbusch zur Hand nimmt, den setzt der Klappentext unter Hochspannung: Schimmelbusch, heißt es da, stelle „die zentralen Fragen unserer Zeit“: Ob das „System kaputt“ ist, „was Elite ist“, ob es Zeit ist für einen „radikalen Neuanfang“, „für eine Stunde null, wie nach einem Krieg“.

          Victor, die Hauptfigur, ist ein arrivierter Banker, der es zu einer lukrativen Partnerschaft in einer M&A-Boutique mit Sitz in Frankfurt gebracht hat. Aber er ist dem Deutschland seiner Kindheit zunehmend entfremdet. „Riesige Flat-Rate-Bordelle“ säumen Logistikzentren, und „mit Groschen klimpernde Rentner“ stehen vor Biergärten, während auf „Nordseeinseln Angebervillen“ nur so sprießen und die einstige Elite Deutschlands auf „Zuhälter-Niveau“ abgefallen ist. In einem sprachlich versierten Wirbelsturm, der sich gelegentlich in Metaphern-Konstruktionen verfängt, nimmt Victor sein Publikum mit auf eine High-Speed-Tour in seinem Elektro-Porsche.

          Die neue Deutschland AG

          Befeuert von extensivem Triebleben und kaum gebremst von grüblerischen Reflexionen, verfolgt Victor zielstrebig seine Ideen. Kein Problem ist zu groß, keine Frage zu komplex, kein Thema zu sensibel, als dass es nicht in einen der branchenüblichen „Pitches“ passen könnte, mit denen er mühelos potentielle Auftraggeber überzeugt.

          Und so gelingt ihm ebenso mühelos eine Transformation zum Weltverbesserer, der mit einem an einem einzigen Nachmittag niedergeschriebenen Manifest – ein „Pitch direkt an den Souverain“ – die Republik vor ihrem Untergang bewahrt. Von einem charismatischen grünen Politikerfreund unterstützt, errichtet er im Handstreich ein Technokraten-Regime mit einer zentralen Investitionsagentur.

          Unter diesem feiert die Mittelstandsgesellschaft eine Art Wiederauferstehung, nachdem in einem jahrzehntelangen Kampf der herrschende Geldadel sie um Teilhabe und Chancengerechtigkeit gebracht hat. In diesem System, der neuen „Deutschland AG“, in der dem „Wir“ mit Hilfe des freien Durchgriffs auf Vermögen zur Geltung verholfen werden soll, findet auch das Unvereinbare zusammen: Sozialistisch-libertäre Utopien, Silicon Valley und das Konzept chinesischer Zentral-Lenkung verbinden sich mit dem Geist Ludwig Erhards und erzwingen die Gemeinwohlorientierung deutschen Unternehmertums.

          Großspurige Oberflächlichkeit

          Zwar bleibt uns eine „Vom Saulus zum Paulus“-Story erspart. Denn den Banker eint mit dem Weltverbesserer die Überzeugung, kursorische Analysen oder die einmalige Begegnung mit der unterprivilegierten Mehrheit auf der Frankfurter Kaufhausmeile Zeil reichten für die Entwicklung großer Würfe völlig aus.

          Der Preis dafür ist eine großspurige Oberflächlichkeit, in der die Wirklichkeit allenfalls als Anregungsrahmen dient. Der brutalstmögliche „neoliberale Diskurs“, wie ihn Victor zur Legitimation seiner Umsturzpläne referenziert, scheint, wenn überhaupt, dem altliberalen Ideologienschatz des vorvergangenen Jahrhunderts zu entstammen.

          Die behauptete Auflösung der einstigen gesellschaftlichen Idylle vor den Trinkhallen Frankfurts ist nicht mehr als ein nostalgisch-pseudobiographisches Grundmotiv, untermauert aber sicher nicht seine Verarmungsthese. Überhaupt hält sich die Empathie mit den Objekten seiner gesellschaftlichen Heilungsvision in engen Grenzen: Bei der Reflexion über die Zufälligkeit seines, gemessen an der Normalität, astronomischen Gehaltsvielfachen fallen ihm als berufliche Vergleichsgruppen nur „das Blasen oder das Schreiben oder die Unterwasser-Korbflechterei“ ein.

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