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Privatinsolvenz : Raus aus der Pleite

Wer in die Insolvenz geht muss eisern sparen, doch nach sechs Jahren greift der Restschuldenerlass. Bild: dpa

Nie war es so einfach für Privatleute, sich von ihren Schulden zu befreien. Nach einer Insolvenz bekommt jeder seine zweite Chance. Doch der Weg dorthin ist ein langer und beschwerlicher Weg mit vielen Einbußen.

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          Schulden haben etwas Unerbittliches: Jeder Kontoauszug führt das eigene Scheitern vor Augen. Das Klingeln an der Tür sorgt für eine Schrecksekunde, es könnte der Gerichtsvollzieher sein. Mahnschreiben verstopfen den Briefkasten, der Mobilfunkbetreiber kündigt den Handy-Vertrag, die Bank sperrt das Konto.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Dieses Szenario kann jeden treffen. Im vergangenen Jahr beantragten 91 200 Menschen das Verbraucherinsolvenzverfahren, 6,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Nicht einmal überragender Erfolg kann einen vor dem großen Absturz bewahren, deshalb landen auch Prominente immer wieder vor dem Insolvenzverwalter. Jahrelang schwamm Sandra Völker von Medaille zu Medaille und hatte lukrative Werbeverträge. Jetzt sitzt sie auf einem Schuldenberg von 100 000 Euro, den sie gerade mühselig abträgt. Euro für Euro.

          Früher konnte das endlos so gehen. Nicht selten brauchte man ein ganzes Leben, um die Scherben eines unüberlegten Investments, einer waghalsigen Geschäftsidee oder eines sinnlosen Konsumrausches wieder zusammenzukehren. Keine Chance auf ein bisschen Luxus hier und da. Ein Leben im Schuldentunnel, ohne Licht an dessen Ende.

          Die große Insolvenzrechtsreform 1999 brachte das Licht. Sie war getragen vom Gedanken, dass jeder eine zweite Chance verdient. Das Versprechen war simpel, auch wenn es nicht so klang: Am Ende einer „Wohlverhaltensperiode“ steht die „Restschuldbefreiung“. Sechs Jahre lang muss man seither durch ein Tal der Tränen gehen. Ein kleiner Freibetrag in Höhe von 1045 Euro sichert das eigene bescheidene Einkommen, darüber hinaus muss man große Teile seines Gehaltes an die Gläubiger weiterreichen. Wer so eisern spart, bekommt danach die Chance auf ein neues Leben. Mit Handyvertrag und Girokonto und ohne Schulden. Ein echter Neuanfang.

          Eva Herman beim Landesarbeitsgericht in Hamburg (Archivbild von 2009) Bilderstrecke

          Das System hat sich bewährt, inzwischen gibt es niemanden, der es ernsthaft in Frage stellt. „Das Insolvenzverfahren hat auch eine reinigende Funktion für alle Beteiligten“, sagt Völkers Insolvenzverwalterin Verena Vogt aus Hamburg. „Die Gläubiger wissen, dass der Insolvenzverwalter das Vermögen prüft. Und nach einem geordneten Verfahren können sie den Aktendeckel schließen.“

          Das System ist so bewährt, dass es von Juli an sogar eine Turboversion der Restschuldbefreiung gibt. Wer sich besonders anstrengt, darf schon nach drei Jahren Wohlverhaltensperiode ein neues Leben ohne Schulden beginnen. Allerdings muss er dafür auch viel Geld auftreiben: 35 Prozent der Schulden muss er an seine Gläubiger zurückzahlen, außerdem die Kosten für das Verfahren tragen. Das ist eine hohe Hürde, über die wohl nur die Leistungsstärksten unter den Schuldnern springen dürften. Der Leistungsgedanke im Schuldensumpf klingt nach einer Paradoxie, ist es aber nicht: Ein gut ausgebildeter Akademiker, der mit seiner Geschäftsidee krachend gescheitert ist, kann sich nach seinem tiefen Fall in einen gut bezahlten Job retten und seine Schulden schneller abstottern als andere. Für diese Klientel ist die Reform gemacht, ein letzter Gruß aus vergangenen Regierungszeiten der FDP. Jugendliche, die im Konsumrausch Tausende Euro in den Wind geschossen haben, können dagegen nicht auf eine schnelle Rehabilitation hoffen.

          Forderungen, die niemals beglichen werden, bringen niemandem etwas

          Die Logik hinter der Idee der Restschuldbefreiung ist bestechend. „Es ist sinnlos, jemanden auf seinem Schuldenberg sitzenzulassen, denn die Forderungen sind für die Gläubiger schlicht nichts mehr wert“, sagt Hugo Grote, Professor an der Hochschule Koblenz. Forderungen, die niemals beglichen werden, bringen niemandem etwas.

          Für die Schuldner sind sie dagegen eine immense Bürde. Sie stehen unter extremem Druck und haben Angst - vor dem Gerichtsvollzieher und vor den ewigen Mahnschreiben. In der Welt der Schulden gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem Wert der Forderung und der Belastung für den Einzelnen. „Es ist wichtig, dass Schuldner auch mal Ruhe bekommen“, sagt Grote.

          Gesellschaftlich bedeutsamer ist allerdings der Resozialisierungseffekt: „Ohne Restschuldbefreiung ist man wirtschaftlich ausgebürgert“, sagt der Insolvenzrechtler. Früher bedeutete die Pleite häufig auch das Ende der bürgerlichen Existenz, bis hin zu Jobverlust und Obdachlosigkeit. Dabei bekommt im deutschen Rechtssystem selbst der Mörder eine zweite Chance.

          So gesehen könnte man die Schulden freilich auch gleich erlassen, doch das setzt die falschen Anreize. Jeder Steuerzahler, der schon mal taumelnde Banken nach ihren risikoreichen Eskapaden herauspauken musste, weiß das. Das Dilemma liegt auch bei der private Krise auf der Hand: Auf der einen Seite macht es wirtschaftlich keinen Sinn, jemanden in der Überschuldung zu lassen, auf der anderen Seite will der Staat natürlich einen Anreiz geben, sich vertragstreu zu verhalten: Wer einen Fernseher kauft, soll den auch bezahlen. Wer an diesem Prinzip rüttelt, bringt das ganze System ins Wanken.

          Deshalb muss die Rehabilitation auch weh tun. Die Schwimmerin Sandra Völker spürt das im Moment am eigenen Leib. Für ihre Gläubiger opferte sie sogar ihre 400 Medaillen: In einem großen Schwung ließ sie sie im Mai versteigern. Allein ihre Silbermedaille aus Atlanta erlöste 28 000 Euro.

          GEWUSST WIE: So befreit man sich von seinen Schulden

          1. Sich beraten lassen. Je länger man wartet, desto höher wird der Schuldenberg. Wer befürchtet, seine Rechnungen bald nicht mehr bezahlen zu können, sollte deshalb möglichst früh zu einem Schuldnerberater oder einem Insolvenzverwalter gehen.

          2. Mit Gläubigern verhandeln. Die Berater versuchen zunächst einmal, mit den Gläubigern eine Einigung zu erzielen. Dazu müssen die Gläubiger eine Liste ihrer Forderungen erstellen, damit ein Schuldenbereinigungsplan erstellt werden kann.

          3. Den Insolvenzantrag stellen. Gelingt die Einigung nicht, beantragt der Schuldner beim Gericht das Verbraucherinsolvenzverfahren. Und stellt einen Antrag auf Restschuldbefreiung.

          4. Anständig bleiben. Bevor die Forderungen endgültig erlassen werden können, muss der Schuldner eine Wohlverhaltensperiode durchlaufen. In dieser Phase muss er sich um Einkommen bemühen, das er in weiten Teilen an den Treuhänder abzugeben hat. 1045 Euro darf er im Monat behalten. Außerdem noch 30 Prozent des Einkommens, was darüber liegt. Verdient er mehr als 3200 Euro, geht ab dieser Grenze alles an die Gläubiger. Bei Unterhaltspflichten bleibt entsprechend mehr.

          5. Forderungen begleichen. Die Zeit für diese Wohlverhaltensperiode wird ab Juli erheblich verkürzt: Im Idealfall kann man schon nach drei Jahren ein neues Leben beginnen. Dazu muss man allerdings 35 Prozent der Forderungen begleichen. Wesentlich realistischer ist es deshalb, dass man den Regelfall durchläuft. Danach ist man nach fünf Jahren schuldenfrei.

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