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Private Rentenversicherung : Die Vorsorge-Lüge

Sie ist derzeit besser als ihr Ruf. Denn sie schützt besser vor Inflation als die private Rentenversicherung. Denn die gesetzliche Rente arbeitet nach dem Umlageprinzip. Heutige Arbeitnehmer zahlen für heutige Rentner, Geld wird nicht am Kapitalmarkt angelegt und kann daher auch nicht über die Jahre von der Preissteigerung aufgefressen werden. Bei der privaten Rente liegen die Gelder hingegen über Jahrzehnte überwiegend in festverzinslichen Wertpapieren, die derzeit weniger Zinsen als die Inflationsrate abwerfen und daher ständig - real betrachtet - an Wert verlieren.

Weitere Einnahmequellen sind auch künftig nötig

Dieser Effekt dürfte sich sogar noch verschlimmern. Denn die Inflation wird in Zukunft noch zunehmen, wenn sich die Wirtschaft erholt. Die Zinsen aber könnten angesichts der Euro-Krise noch lange niedrig bleiben, um damit den Schuldenabbau der Staaten zu erleichtern. Also machen wir jetzt die 180-Grad-Drehung, verzichten ganz auf die private Vorsorge und setzen nur noch auf die Staatsrente? Das wäre übertrieben. Nach wie vor leidet die gesetzliche Rente unter der Alterung der Gesellschaft. Sie wird auch in Zukunft nicht genug auszahlen können, damit die Ruheständler von ihr alleine leben können.

Weitere Einnahmequellen sind auch künftig nötig. Wer Glück hat, kann auf ein üppiges Erbe hoffen. Verlassen sollte sich darauf niemand. Vielleicht ziehen es die Eltern vor, einen Großteil des Geldes auszugeben. Oder sie brauchen es selbst, weil sie zum Pflegefall werden. Was als Geldquelle bleibt, sind Betriebsrenten vom eigenen Arbeitgeber. Doch nur selten ist deren Höhe fix vereinbart. Darum leiden auch Betriebsrenten unter den niedrigen Zinsen - und bringen weniger ein als ursprünglich gedacht. Die Rente vom Chef speist sich zum Großteil nämlich ebenfalls aus Versicherungen, die mit den Mini-Zinsen am Markt zu kämpfen haben.

Also auf die eigene Immobilie setzen? Sie spart im Alter zwar viel Miete. Aber sie ist ein enormes Risiko. Im Regelfall steckt darin fast das gesamte Vermögen. Ein Fehlkauf hat enorm teure Folgen. Und das familiengerechte Haus mit Garten auf dem Land ist nicht unbedingt die ideale Unterkunft für den Ruhestand - wenn es viele Rentner wieder in die Großstadt zieht und sie weniger Zimmer brauchen. Wer dann verkauft, muss schon ein Haus in guter Lage besitzen, das eine Wertsteigerung mit sich bringt.

Größter Renditezuwachs mit Aktien

Den größten Renditezuwachs erzielen Sparer an anderer Stelle: mit Aktien. Diese Papiere gehören in jedes Vorsorgedepot - auch wenn viele davor zurückschrecken, weil sie Angst vor Kursverlusten haben. Zum einen fehlt es ohne ausreichende Renditebringer im Alter an Geld. Zum anderen sind die Risiken kleiner als gedacht. Nicht die kurzfristigen Verluste sind entscheidend, sondern die langfristigen Aussichten.

Dabei ist klar: Wer mindestens 15 Jahre lang im Dax und nicht nur in wenigen Einzelwerten anlegt, hat bisher nie einen Verlust gemacht - das haben Berechnungen ergeben. Den Nachteil, genau dann Aktien zu kaufen, wenn sie gerade teuer sind, gleicht monatliches Sparen aus. Schließlich ist auch die Sorge unberechtigt, große Verluste zu erleiden, wenn die Aktienkurse bei Rentenbeginn gerade im Keller sind. Mit 67 Jahren braucht man erst einen ganz kleinen Teil seines angesparten Vermögens. Also können sich auch Ruheständler noch einen Aktienanteil von 40 Prozent des Gesamtvermögens leisten. Schließlich haben die meisten Neurentner noch mindestens 20 Jahre Ruhestand vor sich.

Und da kommt Walter Riester wieder ins Spiel. Denn Aktienfonds gibt es auch vom Staat gefördert: als Riesterfonds. Es muss ja nicht immer die klassische Versicherung sein. So hat die private Vorsorge doch noch ihren Sinn. Aber nur im Zusammenspiel mit der staatlichen Rente und - wohl oder übel - längerem Arbeiten. Mit 67 wird in Zukunft wohl nicht mehr Schluss sein.

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