https://www.faz.net/-gv6-7534y

Private Rentenversicherung : Die Vorsorge-Lüge

Der Soziologe Christoph Deutschmann spricht vom „kollektiven Buddenbrooks-Effekt“: Wie einst die Lübecker Kaufmannsfamilie, so legen auch die heutigen Mittelschichten der westlichen Gesellschaften immer mehr Spargroschen zurück. Aber statt sie in eigene Unternehmen zu investieren, kaufen sie vermeintlich sichere Anleihen. Das drückt die Renditen. Doch nicht nur die niedrigen Zinsen enttäuschen nun die Sparer. Als die Parteien 2001 die Riester-Rente beschlossen, wollten sie die Versorgungslücke stopfen, ohne das politisch heikle Renteneintrittsalter anheben zu müssen.

Doch einige Jahre später hat die große Koalition dann doch die „Rente mit 67“ beschlossen. Denn in einer Welt, in der die Menschen älter werden als früher, müssen sie auch länger arbeiten. Rot-grüne Politiker und ihre Berater ramponierten das Ansehen der privaten Vorsorge auch dadurch, dass sie sich anschließend von der Finanzbranche bezahlen ließen.

Bilderstrecke

Nachdem Riester 2002 sein Ministeramt verlor, hielt er bei Banken Vorträge zum Thema Altersvorsorge - und wurde damit zum Peer Steinbrück des vergangenen Jahrzehnts: Bis 2009 nahm er rund 300.000 Euro an Honoraren ein. Und Regierungsberater Bert Rürup, der das Riester-Pendant für Selbständige ersann, gründete eine lukrative Beratungsfirma.

Dass die Riester-Rente allein auf Druck der Finanzbranche eingeführt wurde, wird man trotzdem nicht behaupten können. Fast alle Experten waren damals überzeugt, dass es nötig sei, die Bürger für die Privatvorsorge zu gewinnen. Speziell gegen die Riester-Rente wurde zwar immer wieder eingewandt, sie lohne sich wegen der Zulagen nur für arme, kinderreiche Familien. Doch auch Singles und Wohlhabendere profitierten zunächst - zwar nicht über die Zulagen, aber über den höheren Steuernachlass.

Nach jahrelangem Zögern glaubten irgendwann auch die Bürger die Botschaft. Sie gehorchten den ständigen Mahnungen der Politik nach privater Vorsorge und kauften endlich die geförderten Riester-Produkte. Die Zahl der Sparer verdreifachte sich allein von 2005 bis 2009. Mittlerweile hat sie fast 16 Millionen erreicht. Elf Millionen Menschen sparen über Versicherungen, drei Millionen über Fonds. Unbedeutend sind Banksparpläne und der Wohn-Riester.

Niemand kann die Plausibilität der Versicherungen überprüfen

Für die Versicherungswirtschaft kam die Einführung der Riester-Policen goldrichtig. Denn als 2005 das Steuerprivileg für Lebensversicherungen abgeschafft wurde und dadurch die Neuabschlüsse einbrachen, wurde ein guter Ersatz benötigt. Doch der Anstieg kam in diesem Jahr fast zum Erliegen. Das liegt nicht nur an den niedrigen Zinsen und den hohen Kosten der Versicherungen. Auch die Debatte um die Rentabilität der Riester-Rente schreckte potentielle neue Käufer ab. So argumentierte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Riester-kritischen Studie mit dem Fallbeispiel einer 35-jährigen Frau, die erst im Alter von 78 Jahren ihre Einzahlungen samt staatlicher Zuschüsse zurückerhalten habe.

Stichhaltig ist das allerdings nicht. Angesichts einer statistischen Lebenserwartung, die weit darüber liegt, erscheint die Kalkulation nämlich nicht als verwerflich. Wahr ist aber auch: Viele Versicherer legen ihren Berechnungen einen starken Anstieg des durchschnittlichen Lebensalters zugrunde, dessen Plausibilität niemand überprüfen kann. Nun stehen Sparer, Politiker und Finanzbranche vor einer völlig paradoxen Situation, die sie sich vor zehn Jahren nicht hätten vorstellen können: Die private Vorsorge ist teuer und wirft weniger Rendite ab als versprochen. Und die staatliche Rente?

Weitere Themen

Ein neues Renten-Narrativ

Standpunkt : Ein neues Renten-Narrativ

Auf das Narrativ „Die Rente ist sicher“ folgte das Narrativ Riester-Rente. Doch es stößt an seine Grenzen. Ein „Deutschlandfonds“ soll sich durch niedrige Kosten und eine breite Risikostreuung auszeichnen. Ein Gastbeitrag.

Topmeldungen

Ein Airbus der Lufthansa landet im November 2020 auf dem Berliner Flughafen Tegel.

Klimaschutz : Rettet die Inlandsflüge

Ein Verbot von Inlandsflügen, wie es zuletzt in Frankreich beschlossen wurde, ist der falsche Weg zum Klimaschutz. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten.
Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.
Der russische Kosmonaut Juri Gagarin umrundet 1961 in 108 die Erde und ist damit bis heute vielgefeiert in seiner Heimat.

Raumfahrt : Wie Russland mit Chinas Unterstützung den Rückstand im All aufholt

Während die Amerikaner privat ins All reisen können, ist von der ruhmreichen russischen Raumfahrt nicht mehr viel übrig – auch hier bekommen sie Sanktionen zu spüren. Um wieder groß zu werden, braucht es Unterstützung vom Nachbarn China.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.