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Private Krankenversicherung : Was Versicherte beim Wechsel wissen müssen

Altersrückstellungen und Neuzugänge in der PKV Bild: F.A.Z.

Viele Kunden privater Krankenversicherungen äußern Frust über horrende Steigerungen ihrer Beiträge. Spezialisierte Berater locken mit dem Tarifwechsel. Der muss gut überlegt werden.

          Es raschelt mal wieder im Blätterwald. Die Diskussion über die private Krankenversicherung (PKV) füllt seitenweise Magazine und Zeitungen. Wechselwillige Mitglieder sind in den Fokus gerückt, seit die 47 Gesellschaften ihre Beitragssteigerungen bekannt gegeben haben - zuletzt wurde sogar über eine wachsende Zahl von Kunden berichtet, die bereit seien, vollständig in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zurückzukehren - und dabei geringere Leistungen in Kauf zu nehmen. Der PKV-Verband und viele Unternehmen haben dem vehement widersprochen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der gefühlte Wucher fand sich zumindest in den Statistiken nicht wieder. Das Analysehaus Morgen & Morgen, das Bilanzzahlen und Tarife analysiert, überschrieb seine jährliche Meldung über Beitragsanpassungen von Neutarifen im Dezember mit den Worten „Beitragssünder scheinen größtenteils geläutert“. Es habe zwar Tarife gegeben, die um 32 Prozent teurer wurden. Im Durchschnitt aber habe die Anpassung mit 4,4 Prozent unter der des Vorjahres (7 Prozent) gelegen. Seien Ende 2010 noch 65 Prozent der Tarife erhöht worden, sei diese Zahl nun auf 55 Prozent gefallen. Berichte der Unternehmen über die Anpassung bereits laufender Verträge hören sich ähnlich an.

          Dennoch bleibt bei vielen Kunden der Eindruck haften, dass die Steigerungen unerfreuliche Ausmaße angenommen haben. Da der Wechsel in die GKV nur mit Tricks oder einem freiwilligen Abrutschen unter die Versicherungspflichtgrenze (50.850 Euro) möglich ist, erscheint der Wechsel innerhalb des Systems als einzige Option. Kurioserweise ist es der staatliche und nicht der private Sektor, in dem der Wechsel zwischen Kassen leichter möglich ist. Wer dagegen seinen PKV-Vertrag umdeckt, verliert alle Alterungsrückstellungen. Es sei denn, er hat ihn nach 2009 abgeschlossen. Dann darf er sie auf Höhe des Basistarifs mitnehmen. Ein Verlustgeschäft ist aber auch das.

          Deshalb kommt als Variante fast nur der Tarifwechsel innerhalb der eigenen Gesellschaft in Frage. In den vergangenen Jahren sind viele spezialisierte Anbieter auf den Markt gestoßen, die bei dieser Absicht beraten. Doch was auf den ersten Blick gut klingen mag, kann auch mit Risiken behaftet sein. Selbst ein Tarifwechsel muss sorgfältig überlegt werden.

          Warum steigen die Beiträge trotz der Alterungsrückstellungen?

          Die offizielle Antwort der Branche klingt so plausibel wie langweilig: Der medizinische Fortschritt kann in die Tarife nicht einkalkuliert werden. Er trifft auch gesetzliche Kassen. Bei PKV-Unternehmen schlagen Ärzte aber gern noch etwas mehr drauf. Dass der Kunde älter wird, führt an sich nicht zu höheren Beiträgen, denn die Tarife sind kohortengerecht kalkuliert: Kunden eines Jahrgangs bilden ein Kollektiv, eine Art Solidargemeinschaft, die mit ihren Prämien für die Leistungen der Kranken aufkommt. Dass man im Alter häufiger krank ist, wird über die Alterungsrückstellungen aufgefangen.

          Die inoffizielle Antwort, die Branchenbeobachter liefern, klingt so: Ein Teil der Beitragssteigerungen ist hausgemacht. Versicherer haben so viele Tarife auf den Markt geworfen, dass sich die „guten Risiken“ in einigen von ihnen tummeln, die „schlechten Risiken“ (die häufig Kranken) in den anderen. Häufig ist die Rede von „Vergreisung“ eines Tarifs. Wegen der kohortengerechten Kalkulation ist der Begriff aber irreführend. Dass einige stärker von Anpassungen betroffen sind, hat mit der Vielzahl schlecht durchmischter Tarife zu tun. Zudem drückt die zu enge Kalkulation von Tarifen. Vor allem Anbietern von Einsteigerpolicen wird vorgehalten, wenig Alterungsrückstellungen zu bilden und so eines Tages hohe Anpassungen verlangen zu müssen. Die Grafik zeigt, wie sich Versicherer durch Rückstellungen gegen Prämienerhöhungen im Alter schützen. Einige preisaggressive Anbieter mit entsprechend hohem Wachstum finden sich unten in der Liste. Ein weiteres Problem ist die wachsende Menge an Nichtzahlern. Aber auch das ist zum Teil hausgemacht, weil es auch auf mangelnde Bonitätsprüfungen in der Vergangenheit zurückzuführen ist.

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