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Geld und Partnerschaft : Küssen mit Kalkül

Doppelverdiener teilen das Bett, nicht aber ihr Geld. Sie sind „hochgradig geldorientiert“. Bild: Getty

Wenn Paare streiten, dann häufig übers Geld. Der eine will es ausgeben, der andere sparen. Wann hört beim Geld die Liebe auf?

          Manchmal beginnen die Probleme schon an der Käsetheke. Die Ehefrau, die einem wohlhabenden Elternhaus entstammt und von klein auf einen gehobenen Lebensstandard gewohnt ist, greift wie selbstverständlich zum edlen Schafskäse aus den Pyrenäen. Der Ehemann, in dessen Kindheit alle Haushaltsausgaben streng durchkalkuliert wurden und der bis heute auf jedes Preisschild achtet, will wie früher bei Muttern eine Packung vom günstigen Gouda.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und wer setzt sich nun durch samstags im Supermarkt? Gibt die Frau nach und nimmt mit einem schnöden Gouda vorlieb, verleugnet sie ihren individuellen Geldstil. Lenkt der Mann ein, weil er nicht als Erbsenzähler dastehen will, wird er trotzdem mehr oder weniger unbewusst die Verschwendung beklagen. „Der Habitus wird von den Eltern vererbt und kann so gut wie nie abgestreift werden“, sagt die Bochumer Arbeitswissenschaftlerin Carolin Ruiner, die jahrelang Doppelverdiener-Paare untersucht hat. Was beim Käse anfängt, setzt sich bei der Vermögensplanung fort. Im Hintergrund lauert immer die Frage: Geld oder Liebe?

          Über Geld spricht man nicht

          29 Prozent der deutschen Paare, so hat eine Postbank-Studie ergeben, streiten wegen ihrer Finanzen. „Irrational, verbissen und kindisch“ verhielten sich die Partner beim Streit ums liebe Geld, behaupten Wissenschaftler der Universität von Wisconsin. Konfliktpotential gibt es genug, unabhängig davon, wie viel Geld insgesamt zur Verfügung steht. Zum einen: Wer trägt wie viel zum Einkommen bei? Zum Zweiten: Wie wird darüber entschieden, wie das Geld bei Anschaffungen verteilt wird? Und zuletzt: Wer entscheidet über Ausgaben?

          Fragen über Fragen, die Paare sich selten stellen und nur widerwillig beantworten. Sie haben das Gefühl, dass der letzte Funken Romantik erlischt, sobald die nervige Diskussion um Einnahmen, Ausgaben und ums Sparen beginnt. Außerdem schleppen die meisten ein weiteres Erbe ihrer Kindheit mit sich herum: Über Geld spricht man nicht. „Die Paare sprechen von sich aus eher über Intimität und Sex als übers Geld“, sagt Arbeitspsychologin Ruiner. Das ist nicht typisch deutsch, sondern gilt in verschiedener Ausprägung rund um die Welt.

          Selbst in den Vereinigten Staaten, wo Erfolgstypen wie Donald Trump gerne mit ihrem Reichtum prahlen, ist das Thema Geld unter Paaren und Familien oft tabu. Als Ermutigung, das Stillschweigen zu unterbrechen, will die amerikanische TD Bank die Ergebnisse ihrer jüngst veröffentlichten „Love&Money“-Studie verstanden wissen. Die Umfrage hat ergeben: Die Mehrheit der Paare, die ihre Beziehung als besonders glücklich bezeichnen, spricht mindestens einmal wöchentlich über Geld. Es waren vorwiegend Frauen, die darüber reden wollten. „Man sollte über Geld reden, bevor eine Beziehung knirscht“, sagt Ruiner.

          Welcher Geldtyp bin ich?

          Leichter gesagt als getan. Bevor sich Partner überwinden und ihre Finanzplanung durchgehen, sollten sie sich darüber klarwerden, was für Geldtypen sie eigentlich sind. Haben sie, was das Finanzielle betrifft, eher ein kollektivistisches Verständnis oder ein individualistisches? Für die einen steht das „Wir“ über allem, sie führen gemeinsame Konten, womöglich ein Haushaltsbuch und teilen gemeinsam den Besitz. Die anderen verstehen sich mehr als „doppeltes Ich“, ihnen ist eine gewisse Unabhängigkeit wichtig: Die Partner haben jeweils ein eigenes Konto und führen mitunter Excel-Tabellen darüber, wer welches Möbelstück zu welchem Preis gekauft hat.

          Zu alltäglichen Meinungsverschiedenheiten kommt es zwar bei den einen wie den anderen Paaren. Doch schnell droht eine Zerreißprobe, wenn zwei Menschen aus verschiedenen Sphären zusammenkommen. „Das beginnt schon bei der ersten Begegnung: wer das Bier bezahlt“, sagt Monika Müller, die als Finanzcoach Paare berät. Wenn der Mann die Restaurantrechnung an sich reißt, um sie gönnerhaft zu begleichen, die Frau aber auf ihre finanzielle Unabhängigkeit stolz ist, droht der erste Liebestest. Entpuppt sich der Auserwählte nach der ersten Verliebtheit als knauserig, folgt der nächste. „Das Thema Geld zieht sich wie ein roter Faden durch jede Beziehung“, sagt Müller. Über alltägliche Ausgaben, beispielsweise im Supermarkt, mögen sich selbst unterschiedliche Paare recht reibungslos verständigen, wenn sie die Einstellung des Partners tolerieren. Vier Euro für ein 100-Gramm-Stück Käse bringen eine intakte Ehe nicht gleich in Gefahr.

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