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Geld und Partnerschaft : Küssen mit Kalkül

41 Prozent der Paare wissen nicht, was der andere verdient

Heikel wird es bei größeren Beträgen: wenn es darum geht, was der nächste Urlaub oder das neue Auto kosten darf, ob eine Immobilie erworben werden soll oder wie das Vermögen aufgebaut und verwaltet wird. Manche Bankberater hören und staunen, was sich vor ihnen abspielt. Thorsten Hens, Verhaltensökonom an der Universität Zürich, ist ein älteres Paar besonders in Erinnerung, das sich beim Beratungsgespräch heftig gestritten hat. Sie war sehr risikobereit und wollte unbedingt in brasilianische Banken und andere Aktien aus Schwellenländern investieren; er achtete auf die Sicherheit und hatte dividendenstarke Titel Schweizer Konzerne im Blick. Nach einigem Hickhack war die Lösung gefunden: Jeder bekommt sein eigenes Portfolio. „Die Ehe war gerettet“, sagt Professor Hens. Und beide Eheleute haben mit ihren Depots bislang in etwa gleich viel verdient – wobei die Frau bis heute mit höheren Kursschwankungen klarkommen muss.

Finanzberater weisen indes darauf hin, dass zwei getrennte Portfolios keine Paradelösung sind, weil manche Eheleute die Wertentwicklung des anderen Depots womöglich argwöhnisch beobachten, über Verluste mäkeln und dadurch die Beziehung strapazieren. Aber wer sagt denn, dass der eine das Portfolio des anderen unbedingt kennen muss? „Mental accounting“, also eine rein gedankliche Kontoführung über die ungefähren Kursverluste und Kursgewinne des Partners, wäre ein Ausweg. 41 Prozent der deutschen Paare wissen ja nicht einmal, was der andere verdient, wie eine Studie der Consorsbank ergab.

Sie teilen das Bett, aber nicht ihr Geld

Rein rational, so behaupten Verhaltensökonomen, fällen Menschen Entscheidungen nie, weder bei der Geldanlage noch bei der Partnerwahl. Sie erliegen Reizen, beim Blick auf eine attraktive Person ebenso wie beim Kauf einer Apple-Aktie. Doch besonders jüngere Paare, vor allem wenn sie Doppelverdiener sind, gehen zunehmend kalkuliert vor. Sie vermarkten sich, schätzen den Nutzen des Partners für die eigene Selbstoptimierung ein. Als Liebespaar im romantischen Sinne verstehen sie sich nicht. Sie teilen das Bett, aber nicht ihr Geld. Unter den 30- bis 39-Jährigen, die in einer Beziehung leben, haben nur 44 Prozent ein gemeinsames Konto. Vor allem Doppelverdiener seien „hochgradig geldorientiert“, sagt die Berliner Soziologieprofessorin Christine Wimbauer, deren Dissertation „Geld und Liebe“ schon vor Jahren ausgezeichnet wurde.

Welche Rolle das Geld bei der Partnersuche spielt, zeigen auch die Dating-Plattformen. Im Allgemeinen erhalten Frauen nur Profile von Männern, die gleich viel verdienen wie sie oder mehr. Männer sehen zunächst virtuelle Frauen mit gleichem oder geringerem Einkommen. Auf einer anderen Plattform können sich Frauen einen Mann auswählen wie ein Stück Seife; „Shop a Man“ heißt das Dating-Portal. Für solche Phänomene hat die israelische Soziologin Eva Illouz den Begriff „emotionalen Kapitalismus“ geprägt.

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Je kreditwürdiger die Partner, desto stabiler die Beziehung

Amerikanische Wissenschaftler haben in einem Arbeitspapier für die amerikanische Notenbank kürzlich herausgefunden, dass es sich lohnt, vor der Gründung eines gemeinsamen Haushalts auf die Bonität des Partners zu achten. Ein Ergebnis lautet: Je kreditwürdiger die Partner sind, desto stabiler ist ihre Beziehung. Ein anderes Resultat: Sind die Unterschiede in der Bonitätseinstufung deutlich, wird eine Trennung selbst dann wahrscheinlicher, wenn finanzielle Gründe keine große Rolle spielen. Das Kreditscoring „verrät einiges über die Vertrauenswürdigkeit im Allgemeinen“, schreiben die Autorinnen Jane Dokko, Geng Li und Jessica Hayes. Sollen Deutsche nun vor dem ersten Kuss die Schufa fragen?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass Frauen nur etwa 47 Prozent des Bruttoeinkommens der Männer erzielen. Konflikte drohen in einer Partnerschaft häufiger, wenn die Frau mehr verdient als der Ehemann. Das ist in jeder zehnten Beziehung der Fall. Wer mehr Geld nach Hause bringt, verfügt über mehr Finanzmacht; aber Männer, die sich mehr über ihr Einkommen definieren, mögen Macht nicht gerne abgeben.

„Geld ist auch ein symbolisches Medium“, sagt Arbeitspsychologin Ruiner. Es ist mit Bedeutung überladen, steht für Freiheit, für Sicherheit, für Schutz. Wo bleibt da die Liebe? Der Frankfurter Psychologe Rolf Haubl macht Hoffnung und sagt, dass für Frauen wie Männer „die Verfügung über Geld einen stimulierenden Effekt hat“. Mehr noch: Geld macht auch erotisch. Reden wir also übers Geld. Je öfter, desto lieber.

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