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Private Krankenkassen : Otto von Bismarcks digitale Erben

Ottonova setzt voll auf Onlinekommunikation mit Kunden, unter anderem mit eigener App. Bild: Rüchel, Dieter

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es eine neue private Krankenversicherung. Bei Ottonova läuft alles digital, vom Vertragsabschluss bis zur Rechnung. Dadurch soll es für Versicherte billiger werden.

          Roman Rittweger liebt die Symbolik. Für sein neuestes Projekt hat er sich den kommenden Mittwoch ausgesucht, den 21. Juni. Es ist der Tag, an dem 1883 Otto von Bismarck in Deutschland die Krankenversicherung einführte. Rittweger will exakt 134 Jahre später seine private Krankenversicherung starten, Ende des Jahres sollen dann noch private Zusatzversicherungen zum Beispiel für Zahnersatz für die gesetzlich Versicherten hinzukommen. Den Namen hat er passend gewählt: Ottonova. Es ist die erste Neugründung einer Krankenversicherung seit 17 Jahren.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rittweger verspricht wie viele Start-ups Visionäres: „Ich will die erste vollständig digitale Krankenversicherung anbieten.“ Und er will damit die Branche aufmischen. Zielgruppe: die jungen, internetbegeisterten Anwälte, Wirtschaftsprüfer oder Berater zwischen 25 und 40 Jahren. Was die Fintechs für die Bankenwelt, will er für die Krankenversicherungen sein. Die Aufnahme von Neukunden erfolgt nur online, ganz ohne Makler und Filialen, der Kunde kommuniziert über die Ottonova-App im Smartphone, Rechnungen und Kostenvoranschläge von Ärzten sollen bis zu bestimmten Summen vollautomatisch geprüft und verarbeitet werden. Die vollelektronische Ausrichtung soll neue Dienstleistungen für den Versicherten ermöglichen – zum Beispiel eine persönliche elektronische Patientenakte – und die Verwaltungskosten reduzieren. Die Beiträge sollen dadurch niedriger als bei den meisten Konkurrenten liegen.

          Aufsichtsbehörde Bafin prüft das Start-up

          Solche Versprechen sind nicht leicht umzusetzen. Die Auflagen für die Gründung einer Krankenversicherung sind hoch, nicht ohne Grund hat es so lange niemand mehr geschafft. Das geht schon mit dem Geld los. Die Finanzierung für die ersten drei Jahre muss gesichert sein. Dazu musste Rittweger 40 Millionen Euro einsammeln. Er hat das mit sechs namhaften Investoren geschafft, darunter Tengelmann Ventures, STS Ventures des Onvista-Finanzportal-Gründers Stephan Schubert und Holtzbrinck Ventures, die ihr Geld unter anderem in Zalando und Flixbus gesteckt haben. Sie halten drei Viertel der Anteile, den Rest die Gründer – neben dem Chef Rittweger noch zwei andere – und die leitenden Mitarbeiter von Ottonova.

          Ob dieses Geld wirklich drei Jahre reicht, das wurde sehr intensiv mit der Aufsichtsbehörde Bafin diskutiert. Die Bafin will auch wissen, ob die Tarife auskömmlich kalkuliert sind, so dass nicht baldige Preiserhöhungen drohen. Dazu schätzt Ottonova mit ihren Aktuaren die zu erwartenden Ausgaben, indem sie für ihre erwarteten Versicherten Krankheitswahrscheinlichkeiten annimmt, die die Bafin aufgrund von Branchenerfahrungen vorgibt. Da die neue Versicherung noch keine Kunden hat, können auch nicht die Beiträge der einen Versicherten alle Krankheiten der anderen bezahlen, wie das bei etablierten Konkurrenten der Fall ist. So muss eine Rückversicherung verpflichtet werden, die bei großen Erkrankungen die Finanzierung übernimmt.

          Hinzu kommen die persönliche Eignung des Vorstands und Erfahrung im Gesundheitsbereich, die die Bafin ebenfalls prüft. Der 53 Jahre alte Rittweger zum Beispiel ist Arzt, hat aber zusätzlich an der renommierten französischen Elitehochschule Insead einen MBA-Abschluss gemacht. Er hat für AT Kearney und McKinsey gearbeitet. Gründungserfahrung hat er Ende der 1990er Jahre mit dem Start-up Almeda gesammelt, das Krankenversicherungen ein „Gesundheitstelefon“ und Unterstützung für chronisch Kranke anbietet. Danach hat er zwölf Jahre lang Krankenkassen und andere Unternehmen im Gesundheitswesen bei neuen Projekten beraten.

          Gründungsgenehmigung steht noch aus

          Am Ende muss die Bafin die Gründung genehmigen. Das erfolgt für Ottonova in den nächsten Tagen, nach eineinhalb Jahren Gründungsvorbereitung. Der Neuling hat sich noch drei weitere Hürden aufgehalst: Man startet in einer Zeit absoluter Niedrigzinsen. Der Rechnungszins beträgt nur 1,25 Prozent, der geringste der Branche. Damit verzinsen sich die Beiträge und die Altersrückstellungen niedriger als bei der Konkurrenz, die noch höherverzinste Kapitalanlagen aus besseren Zinszeiten im Bestand hat – ein Kostennachteil von Ottonova, der einen großen Teil dessen auffrisst, was durch die Rundumdigitalisierung gespart wird. Allerdings wird dieser Zinsnachteil des Neulings zunehmend schrumpfen, denn auch die Wettbewerber werden immer weniger mit ihren Kapitalanlagen erwirtschaften.

          Roman Rittweger, 53, ist Arzt und Gründer des Start-ups Ottonova.

          Zweite Hürde: Immer weniger Menschen wollen sich privat versichern. Die politische Diskussion über eine Integration in die gesetzlichen Kassen, üppige Beitragssteigerungen, hohe Beiträge und fehlende Wechselmöglichkeit im Alter sowie hohe Kosten für Familien schrecken ab. Ottonova versucht, dem etwas entgegenzuhalten: Mit einem Lebensrechner können Interessenten kalkulieren, unter welchen Bedingungen sich eine private Versicherung auch bei hohen Beiträgen im Alter rechnet. Die Parameter können sie selbst vorgeben. Zudem will Ottonova vor allem Familien gewinnen. „Unsere Tarife sind besonders kinder- und familienfreundlich“, sagt Rittweger. So bietet Ottonova bei Schwangerschaft, Geburt und Pflege kranker Kinder mehr als die Konkurrenz.

          Und schließlich verzichtet Ottonova auf den üblichen Verkauf der Versicherung über Makler. Das spart Provisionen, was die Beiträge niedrig hält. Aber der Absatz wird dadurch schwerer, gerade für einen Neuling, den keiner kennt. Fernsehwerbung soll es keine geben, Rittweger will über die sozialen Netzwerke auf sich aufmerksam machen. Und zahlt eine kleine Provision, wenn Makler über ihre Internetseiten Interessenten zu Ottonova weiterleiten.

          Stetig neue digitale Dienstleistungen geplant

          Große Sprünge wird die Versicherung damit nicht machen können. Rittweger plant daher auch nur mit 12 000 Kunden nach den ersten drei Jahren. Den Vorteil der Digitalisierung will er aber voll ausschöpfen. „Unsere Mitarbeiter sind zum großen Teil Informatiker. Wir werden ständig neue digitale Dienstleistungen anbieten. Bis die Konkurrenz diese auch hat, sind wir schon wieder einen Schritt weiter“, sagt Rittweger. Es ist die typische Sprache des Neulings, der die Etablierten herausfordert.

          In Amerika versucht gerade die digitale Krankenversicherung Oscar Ähnliches. Die Firma ist immerhin mit drei Milliarden Dollar bewertet. Sie macht aber Verlust. „Die haben schlecht kalkuliert“, sagt Rittweger. Ottonova soll das nicht passieren, dafür hätten die Aktuare sehr vorsichtig gerechnet. Aber Verluste für die Investoren erwartet auch er in den ersten Jahren, weil die Fixkosten hoch sind, die Kundenzahl aber noch klein.

          Für den renommierten Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen kann Ottonova erfolgreich werden: „Mir erscheint das Konzept kreativ und durchdacht.“ Zwar arbeiteten alle Krankenversicherungen derzeit an der Digitalisierung und Automatisierung der Verwaltung, vor allem bei der Rechnungsbearbeitung. „Aber ein Neuling wie Ottonova hat es dabei viel leichter, weil er die ganzen Altlasten von jahrzehntelang eingeübten, aber nicht mehr zeitgemäßen Verwaltungsprozessen nicht mit sich herumschleppen muss.“

          Immer weniger Versicherte gehören zu einer privaten Krankenkasse.

          Was hat Ottonova nun genau vor? Die neue Versicherung will es einfach halten, sie bietet nur zwei Tarife, die beide eher viele Leistungen bieten. Wer sich also möglichst günstig privat versichern und dafür auf vieles verzichten will, sollte eine andere Versicherung wählen. Ottonovas Tarif „Business Class“ bezahlt im Krankenhaus ein Zweitbettzimmer, bei Zahnersatz werden 80 Prozent erstattet. Der Hausarzt entscheidet, ob der Patient zum Facharzt geschickt werden muss. Im teureren Tarif „First Class“ darf der Versicherte direkt zum Facharzt, bezahlt werden ein Einbettzimmer und 90 Prozent bei Zahnersatz. Beide Tarife zahlen auch für Kuren, psychologische Behandlungen und Reha-Maßnahmen, bei denen sich die privaten Anbieter eher knausrig zeigen.

          Tarife nach First und Business Class

          Business Class für einen 25-Jährigen kostet 392 Euro, für einen 40-Jährigen 550 Euro im Monat, First Class kostet 432 Euro oder 594 Euro. Angenommen wurde eine Selbstbeteiligung bis 500 Euro. Die Kunden sollen dabei nicht wie bei anderen Versicherern in einem Schuhkarton Rechnungen horten und erst dann abgeben, wenn die Grenze für die Selbstbeteiligung überschritten ist. Sondern sie sollen jede Rechnung sofort einreichen, was durch die Digitalisierung kostengünstig zu verarbeiten ist.

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          Von jeder Rechnung müssen die Versicherten dann zehn Prozent selbst tragen, bis 500 Euro erreicht sind. Damit sollen sie zu kostenbewusstem Verhalten erzogen werden. Zudem erhält Ottonova so einen vollständigeren Überblick über den Gesundheitszustand seiner Kunden und will so gezielte Gesundheitsangebote zum Beispiel zur Vorsorge machen. Die Vorsorge steht anfänglich im Mittelpunkt von Ottonova. Denn die Versicherung geht davon aus, dass ihre Kunden eher jung und gesund sind. Spezielle Behandlungsverträge mit Ärzten und Krankenhäusern sind daher am Anfang noch nicht nötig. Sie will Rittweger dann später zusammen mit anderen Versicherungen, darunter auch gesetzlichen Kassen, abschließen. Erst dann wird Ottonova in der Welt der privaten Krankenversicherungen voll angekommen sein.

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