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Private Krankenkassen : Otto von Bismarcks digitale Erben

In Amerika versucht gerade die digitale Krankenversicherung Oscar Ähnliches. Die Firma ist immerhin mit drei Milliarden Dollar bewertet. Sie macht aber Verlust. „Die haben schlecht kalkuliert“, sagt Rittweger. Ottonova soll das nicht passieren, dafür hätten die Aktuare sehr vorsichtig gerechnet. Aber Verluste für die Investoren erwartet auch er in den ersten Jahren, weil die Fixkosten hoch sind, die Kundenzahl aber noch klein.

Für den renommierten Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen kann Ottonova erfolgreich werden: „Mir erscheint das Konzept kreativ und durchdacht.“ Zwar arbeiteten alle Krankenversicherungen derzeit an der Digitalisierung und Automatisierung der Verwaltung, vor allem bei der Rechnungsbearbeitung. „Aber ein Neuling wie Ottonova hat es dabei viel leichter, weil er die ganzen Altlasten von jahrzehntelang eingeübten, aber nicht mehr zeitgemäßen Verwaltungsprozessen nicht mit sich herumschleppen muss.“

Immer weniger Versicherte gehören zu einer privaten Krankenkasse.

Was hat Ottonova nun genau vor? Die neue Versicherung will es einfach halten, sie bietet nur zwei Tarife, die beide eher viele Leistungen bieten. Wer sich also möglichst günstig privat versichern und dafür auf vieles verzichten will, sollte eine andere Versicherung wählen. Ottonovas Tarif „Business Class“ bezahlt im Krankenhaus ein Zweitbettzimmer, bei Zahnersatz werden 80 Prozent erstattet. Der Hausarzt entscheidet, ob der Patient zum Facharzt geschickt werden muss. Im teureren Tarif „First Class“ darf der Versicherte direkt zum Facharzt, bezahlt werden ein Einbettzimmer und 90 Prozent bei Zahnersatz. Beide Tarife zahlen auch für Kuren, psychologische Behandlungen und Reha-Maßnahmen, bei denen sich die privaten Anbieter eher knausrig zeigen.

Tarife nach First und Business Class

Business Class für einen 25-Jährigen kostet 392 Euro, für einen 40-Jährigen 550 Euro im Monat, First Class kostet 432 Euro oder 594 Euro. Angenommen wurde eine Selbstbeteiligung bis 500 Euro. Die Kunden sollen dabei nicht wie bei anderen Versicherern in einem Schuhkarton Rechnungen horten und erst dann abgeben, wenn die Grenze für die Selbstbeteiligung überschritten ist. Sondern sie sollen jede Rechnung sofort einreichen, was durch die Digitalisierung kostengünstig zu verarbeiten ist.

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Von jeder Rechnung müssen die Versicherten dann zehn Prozent selbst tragen, bis 500 Euro erreicht sind. Damit sollen sie zu kostenbewusstem Verhalten erzogen werden. Zudem erhält Ottonova so einen vollständigeren Überblick über den Gesundheitszustand seiner Kunden und will so gezielte Gesundheitsangebote zum Beispiel zur Vorsorge machen. Die Vorsorge steht anfänglich im Mittelpunkt von Ottonova. Denn die Versicherung geht davon aus, dass ihre Kunden eher jung und gesund sind. Spezielle Behandlungsverträge mit Ärzten und Krankenhäusern sind daher am Anfang noch nicht nötig. Sie will Rittweger dann später zusammen mit anderen Versicherungen, darunter auch gesetzlichen Kassen, abschließen. Erst dann wird Ottonova in der Welt der privaten Krankenversicherungen voll angekommen sein.

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