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Private Krankenkassen : Otto von Bismarcks digitale Erben

Hinzu kommen die persönliche Eignung des Vorstands und Erfahrung im Gesundheitsbereich, die die Bafin ebenfalls prüft. Der 53 Jahre alte Rittweger zum Beispiel ist Arzt, hat aber zusätzlich an der renommierten französischen Elitehochschule Insead einen MBA-Abschluss gemacht. Er hat für AT Kearney und McKinsey gearbeitet. Gründungserfahrung hat er Ende der 1990er Jahre mit dem Start-up Almeda gesammelt, das Krankenversicherungen ein „Gesundheitstelefon“ und Unterstützung für chronisch Kranke anbietet. Danach hat er zwölf Jahre lang Krankenkassen und andere Unternehmen im Gesundheitswesen bei neuen Projekten beraten.

Gründungsgenehmigung steht noch aus

Am Ende muss die Bafin die Gründung genehmigen. Das erfolgt für Ottonova in den nächsten Tagen, nach eineinhalb Jahren Gründungsvorbereitung. Der Neuling hat sich noch drei weitere Hürden aufgehalst: Man startet in einer Zeit absoluter Niedrigzinsen. Der Rechnungszins beträgt nur 1,25 Prozent, der geringste der Branche. Damit verzinsen sich die Beiträge und die Altersrückstellungen niedriger als bei der Konkurrenz, die noch höherverzinste Kapitalanlagen aus besseren Zinszeiten im Bestand hat – ein Kostennachteil von Ottonova, der einen großen Teil dessen auffrisst, was durch die Rundumdigitalisierung gespart wird. Allerdings wird dieser Zinsnachteil des Neulings zunehmend schrumpfen, denn auch die Wettbewerber werden immer weniger mit ihren Kapitalanlagen erwirtschaften.

Roman Rittweger, 53, ist Arzt und Gründer des Start-ups Ottonova.

Zweite Hürde: Immer weniger Menschen wollen sich privat versichern. Die politische Diskussion über eine Integration in die gesetzlichen Kassen, üppige Beitragssteigerungen, hohe Beiträge und fehlende Wechselmöglichkeit im Alter sowie hohe Kosten für Familien schrecken ab. Ottonova versucht, dem etwas entgegenzuhalten: Mit einem Lebensrechner können Interessenten kalkulieren, unter welchen Bedingungen sich eine private Versicherung auch bei hohen Beiträgen im Alter rechnet. Die Parameter können sie selbst vorgeben. Zudem will Ottonova vor allem Familien gewinnen. „Unsere Tarife sind besonders kinder- und familienfreundlich“, sagt Rittweger. So bietet Ottonova bei Schwangerschaft, Geburt und Pflege kranker Kinder mehr als die Konkurrenz.

Und schließlich verzichtet Ottonova auf den üblichen Verkauf der Versicherung über Makler. Das spart Provisionen, was die Beiträge niedrig hält. Aber der Absatz wird dadurch schwerer, gerade für einen Neuling, den keiner kennt. Fernsehwerbung soll es keine geben, Rittweger will über die sozialen Netzwerke auf sich aufmerksam machen. Und zahlt eine kleine Provision, wenn Makler über ihre Internetseiten Interessenten zu Ottonova weiterleiten.

Stetig neue digitale Dienstleistungen geplant

Große Sprünge wird die Versicherung damit nicht machen können. Rittweger plant daher auch nur mit 12 000 Kunden nach den ersten drei Jahren. Den Vorteil der Digitalisierung will er aber voll ausschöpfen. „Unsere Mitarbeiter sind zum großen Teil Informatiker. Wir werden ständig neue digitale Dienstleistungen anbieten. Bis die Konkurrenz diese auch hat, sind wir schon wieder einen Schritt weiter“, sagt Rittweger. Es ist die typische Sprache des Neulings, der die Etablierten herausfordert.

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