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Neue Tarifmodelle : Bausparkassen trotzen niedrigen Zinsen

Der Einnahmenüberhang lässt die Bausparkassen der langen Niedrigzinsphase trotzen Bild: dpa

Auch wenn die niedrigen Zinsen den Bausparkassen zu schaffen machen, die Branche hat schon vor Jahren mit neuen Tarifmodellen auf die Entwicklung reagiert.

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          Die niedrigen Zinsen machen auch den 23 deutschen Bausparkassen zu schaffen. Doch weder in der Finanzaufsicht Bafin noch in der Branche herrscht Krisenstimmung. Das Neugeschäft im ersten Halbjahr war robust: Die 13 privaten Bausparkassen haben in den ersten sechs Monaten ein Neugeschäft von 31 Milliarden Euro abgeschlossen. Zwar wird damit der Vorjahreswert um 2,8 Prozent verfehlt, aber der Vergleichswert aus dem Jahr 2010 um mehr als 3 Milliarden Euro übertroffen. Der Spargeldeingang belief sich in der ersten Jahreshälfte auf stabile 9,1 Milliarden Euro. Dies lässt auf ein weiterhin hohes Vertrauen der Deutschen in den Bausparvertrag gerade im gegenwärtigen Umfeld der europäischen Staatsschulden- und Bankenkrise schließen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch die Bausparkassen haben ähnlich wie die Versicherungen ein Problem in der nun schon länger andauernden Niedrigzinsphase, weil sie die Gelder ihrer Kunden laut Bauspargesetz in sehr sichere Anlagen investieren müssen. Zudem haben die Kunden, die Bausparverträge vor Jahren noch zu höheren Zinskonditionen abgeschlossen haben, eher ein Interesse daran, weiter zu sparen als Darlehen abzurufen. Nach Daten der Bundesbank haben die 23 Bausparkassen, davon zehn öffentlich-rechtliche Landesbausparkassen, Ende Juni Darlehen über knapp 112 Milliarden Euro vergeben, während die Einlagen 138 Milliarden Euro betrugen.

          Reserven sind vorhanden

          Doch der Einlagenüberhang ist kein neues Phänomen für die Bausparkassen und belegt zudem deren komfortable Finanzierungssituation. Zudem verfolgen sie in ihren Wertpapieranlagen teilweise auch eine langfristige Strategie. Das bedeutet, dass sie noch über Reserven aus den Phasen höherer Zinsen verfügen. Darüber hinaus haben die Bausparkassen vor Jahren schon auf die rückläufigen Zinsen reagiert und stärker auf sogenannte Finanzierungstarife gesetzt: wenig attraktiver Einlagenzins, aber günstiger Darlehenszins. Die Bausparkasse Schwäbisch Hall zahlt im Tarif „Fuchs Bau“ in der Sparphase 0,5 Prozent, dafür ist der Darlehenszins mit 2,75 Prozent günstiger als bei anderen Bausparverträgen.

          Für etwas Irritationen sorgte in dieser Woche ein Vorabbericht des „Manager Magazin“, wonach die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) einen Stresstest der Bausparkassen vorbereitet. „Untersuchungen der Bafin, bei denen die Auswirkungen unterschiedlicher Szenarien durchgerechnet werden, gehören für die Kreditinstitute - und damit auch für die Bausparkassen - zum normalen Alltagsgeschäft“, sagte ein Sprecher des Verbandes der Privaten Bausparkassen. Ähnlich äußerte sich ein Vertreter der Landesbausparkassen. Einem Bafin-Sprecher zufolge handelt es sich bei der als „Stresstest“ bezeichneten Übung um eine Zinsrisikoumfrage, die für Bausparkassen aufsichtliche Routine seien. Die Umfrage will die Bafin im Herbst durchführen. Einzelheiten zum Untersuchungsumfang sind den Bausparkassen noch nicht bekannt. In den regelmäßig vierteljährlich durchgeführten Zinstests prüft die Bafin bei den Bausparkassen die Tragfähigkeit plötzlicher Zinsänderungen. Dabei wird eine Änderung von 2 Prozentpunkten unterstellt.

          Verbesserung des Zinsüberschuss

          Die seit einiger Zeit sehr niedrigen Zinsen auf Bundesanleihen oder Pfandbriefen drücken gleichwohl auf die Erträge. Doch im vergangenen Jahr konnten die Marktführer ihren Zinsüberschuss steigern. Schwäbisch Hall - die Bausparkasse der Volks- und Raiffeisenbanken ist mit einem Marktanteil von 30 Prozent die Nummer eins der Branche - verbesserte den Zinsüberschuss um 1,1 Prozent auf 945 Millionen Euro. Wüstenrot, die in den vergangenen Jahren ihren Marktanteil auf 14 Prozent verdoppelt hat, steigerte den Zinsüberschuss um 12,5 Prozent auf 460 Millionen Euro. Die LBS Bayern als größte Landesbausparkasse verbesserten den Zinsüberschuss um 8 Prozent auf 209 Millionen Euro.

          Probleme bereiten den Bausparkassen die vor Jahren aufgelegten Renditetarife. So hat das BHW, das inzwischen zum Konzern der Deutschen Bank gehört, in den neunziger Jahren den Dispo-Plus-Tarif aufgelegt. In der Spitze wurden Einlagenzinsen von 5 Prozent gezahlt. Es dürften noch einige Verträge laufen mit einem Guthabenzins zwischen 3 und 4 Prozent. Allerdings müssen Sparer damit rechnen, dass die Bausparkasse ihnen den Bausparvertrag kündigt, wenn sie kein Darlehen abrufen und die vertraglich vereinbarte Bausparsumme erreicht wird. Dann können die Bausparkassen die Verträge auflösen und das Guthaben den Sparern auszahlen. Da das Bausparen an den wohnwirtschaftlichen Zweck gebunden ist, dürfen Bausparverträge, deren festgelegte Sparsumme erreicht oder sogar überschritten wurde, gekündigt werden. Auch so können sich Bausparkassen schützen. (Kommentar Seite 20.)

          Günstige Immobilien, riskanter finanziert

          Die jüngsten Daten vom Markt für Baufinanzierungen zeigen, dass immer mehr Kunden günstige Immobilien erwerben und diese risikoreicher finanzieren. Nach Angaben des Finanzdienstleisters Dr. Klein ist die durchschnittliche Darlehenshöhe im Juli gegenüber Juni um 10 000 Euro auf 154 000 Euro gesunken. Wer wenig Erspartes in die Finanzierung einbringen könne, werde beim Erwerb seiner Immobilie gerade angesichts bundesweit steigender Immobilienpreise Abstriche machen müssen, sagt Stephan Gawarecki, Vorstandssprecher von Dr. Klein. Die Entscheidung falle daher zugunsten eines kleineres Heims, weniger guter Lagen oder einer älteren Immobilie, die durch Eigenleistung saniert und modernisiert werden könne. Der Anteil des Kaufpreises, der durch Darlehen finanziert wird, ist im Monatsvergleich im Durchschnitt leicht auf fast 79 Prozent gestiegen. So niedrig sei der Eigenkapitalanteil zuletzt im November 2010 gewesen, heißt es von Dr. Klein. Einiges spreche dafür, dass nicht nur das eingebrachte Eigenkapital geringer sei, sondern sich Käufer im Durchschnitt für niedrigere Monatsraten entschieden. Die Stellschrauben hierfür, der Tilgungssatz, die Sollzinsbindung und der Anteil fester Zinsen, seien im Durchschnitt im Monatsvergleich gesunken, eine Immobilie werde damit erschwinglicher, sagt Gawarecki. Die Standardrate (Darlehen 150 000 Euro, Tilgung 2 Prozent, Beleihung 80 Prozent und zehn Jahre feste Zinsen) ist mit fast 600 Euro gegenüber Juni fast unverändert geblieben. Im Vergleich zum Vorjahr bezahlen Kreditnehmer jedoch 166 Euro weniger. Sie sichern sich das aktuell niedrige Zinsniveau deutlich länger als früher. Die durchschnittliche Sollzinsbindung hat sich im Vergleich zum Juni zwar um neun Monate reduziert, ist aber mit zwölf Jahren und einem Monat immer noch anderthalb Jahre länger als im Vorjahr. Die Daten von Dr. Klein basieren auf 20 000 Finanzierungen. kpa.

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