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Stadtentwicklung : Wie München hip und glamourös bleiben will

  • -Aktualisiert am

Zwischen Hightech und Puppenstube - München muss sich neu erfinden. Bild: dpa

Bayerns Hauptstadt droht nach langer Prosperität etwa bei „Glamour und Hightech“ hinter Berlin zurückzufallen. Stadtentwickler glauben, dass Arbeit und Wohnen wieder enger zusammengehören. Sonst droht München zum satten Museum zu werden.

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          München dient mit seiner gesunden Stadt-, Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur als Vorbild für viele Städte. Was will man mehr? Doch, wie Thomas Sevcik, Chef der auf Standortentwicklung spezialisierten Beratungsfirma Arthesia, Querdenker und Kosmopolit auf dem Immobilienforum des Management Circle in München hervorhob: Es bleibt keine Zeit, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Die Welt ist so schnelllebig wie nie zuvor und auch deutsche Städte stehen im harten internationalen Wettbewerb.

          Auf München kommen derzeit viele neue Herausforderungen zu. Hierzu zählen nicht nur die Digitalisierung, die immer stärker das Leben der Menschen beeinflusst, sondern auch die zunehmenden Gegensätze zwischen Stadt und Land und ein verändertes Mobilitätsverständnis in der Bevölkerung. Diese Entwicklungen erfordern eine größere Flexibilität und Mut zu schnellen Lösungen. „München muss sich bewegen, sonst bewegen andere München“, mahnt Sevcik.

          Auch die vielgerühmte Branchenvielfalt, auf der die Münchner Wirtschaftsstruktur basiert, bietet da keinen Schutz. Schließlich stehen zahlreiche Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie, Versicherungen, die Medien- und TV-Branche oder auch große Technologiekonzerne derzeit unter hohem Anpassungsdruck.

          Supertanker auf neuem Kurs

          „Die Stadt muss wieder in die Agilität der Gründerzeitjahre hineinkommen“, fasst Sevcik seine Ausführungen zusammen. Die Flächennutzungspläne spiegelten noch den Geist des 20. Jahrhunderts wider. Dabei sei es an der Zeit, über eine Neudefinition von Arbeit und Wohnen nachzudenken und alle Funktionen wieder stärker zusammenzuführen. „München ist dabei, nach seinem Glamour-Image nun auch sein ,Tech-Image‘ an Berlin zu verlieren“, mahnt Sevcik. Hinzu komme, dass es in der Umgebung von München viele starke Städte wie zum Beispiel Wien oder Zürich gebe, die international sehr gut positioniert seien. Umso wichtiger sei es, in München wieder Fragen zu stellen und bereit zu sein, „Stadt“ neu zu denken, damit aus einer prosperierenden Metropole nicht irgendwann ein Museum werde.

          Wie langwierig und mühsam es ist, einen Supertanker auf neuen Kurs zu bringen, weiß nicht nur die Immobilienbranche, sondern auch die Politik, die im engen Korsett aus rechtlichen, finanziellen und parteipolitischen Vorgaben handeln muss. Dabei sind viele der großen Herausforderungen bekannt wie zum Beispiel der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, der sich inzwischen für die Münchener Wirtschaft zu einem limitierenden Faktor entwickelt hat. Doch wie kann es gelingen, dass sich neben etablierten Branchen auch Start-ups, Kreative und Vordenker in einer so wohlhabenden und gesättigten Stadt wohl fühlen? Wo ist Raum für Neues, Spannendes, Provozierendes? Wie bleiben Gewerbeflächen für das Handwerk bezahlbar? Wo stehen Reformen an?

          Die Politik ist dabei, ihre Hausaufgaben zu machen, wie Josef Schmid (CSU), Zweiter Bürgermeister Münchens, erläuterte. Neben großen Investitionen in die Lebensqualität, wie zum Beispiel die Sanierung der Münchener Kliniken, eine Schulbauoffensive oder den weiteren Ausbau des U-Bahn-Netzes, soll auch die Verwaltungsreform angegangen werden, um die Planungsverfahren zu beschleunigen. Da immer mehr Unternehmen an ihren Standorten an Entwicklungsgrenzen stoßen, ist auch die Ausweisung von Gewerbegebieten als wichtige Aufgabe erkannt. Allerdings ist dies in der Münchener Regierungskoalition nicht unumstritten. Zudem soll die Zusammenarbeit mit dem Umland vorangebracht werden.

          All das hörten die Vertreter der Immobilienwirtschaft mit großem Interesse. Schließlich sind sie es, die die Wohn- und Arbeitsflächen für die zukünftige Entwicklung der Stadt liefern sollen. Wie knapp moderne Büroflächen in zentralen Lagen inzwischen geworden sind, erläuterte Ferdinand Rock, Niederlassungsleiter des Immobilienberatungsunternehmens JLL in München. „Wir verzeichneten 2014 in sieben von sechzehn Teilmärkten einen Umsatzrückgang“, sagte Rock. Auch habe der Jahresflächenumsatz des Bürovermietungsmarktes mit 641.000 Quadratmeter unter dem Zehn-Jahres-Durchschnitt gelegen. Das habe nicht an der Nachfrage gelegen, die weiterhin hoch sei, sondern an fehlenden Produkten.

          Rock sieht die Zeit für spekulative Bauvorhaben gekommen, doch noch hielten sich die Banken bei der Finanzierung solcher Projekte zurück. Somit geht die Entkoppelung des Miet- und Investmentmarktes weiter. Dieser erlebte 2014 mit einem Transaktionsvolumen von 5 Milliarden Euro einen weiteren Höhenflug. „Es ist viel Liquidität im Markt, und es gibt ein ausreichendes Angebot“, fasste Rock die Lage auf dem Investmentmarkt zusammen. Er beobachtet zudem eine steigende Risikobereitschaft bei den Käufern. „Wir werden in diesem Jahr sicherlich einige interessante Transaktionen von Immobilien mit Wertsteigerungspotential sehen“, prognostizierte er. Auch die Höhe der Mietpreise sei noch nicht ausgereizt.

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