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Autofreie Quartiere : Vor dem Einzug muss das Auto weg

  • -Aktualisiert am

Bild: Andreas Wandres

Immer mehr Bauträger und Städte entwickeln autofreie Quartiere. Das Interesse an dieser Wohnform ist groß. Die Gefahr zu scheitern aber auch.

          Manche können nur davon träumen und sehen die Bilder vorm inneren Auge in Schwarzweiß ablaufen. Weil die Zeiten schon so lange her sind, in denen Kinder noch auf der Straße spielten. Es gibt aber tatsächlich Orte in Deutschland, an denen das geht. In denen Halbwüchsige auf der Straße kicken, während ihre Geschwister auf allen vieren mit Malkreide dem Asphalt zuleibe rücken. Und es ist nicht die Rede von 500-Einwohner-Dörfern im Harz oder Bayerischen Wald, sondern sogar von Großstädten. In Hamburg und München geht das, in Berlin demnächst auch - überall dort, wo es bereits autofreie Quartiere gibt.

          In solchen Stadtteilen müssen motorisierte Blechkisten draußen bleiben. Hier stört kein Verkehr, es gibt wenig Lärm außer Kindergeschrei, und weniger Abgase verpesten die Luft. Statt Parkstreifen ist Platz für Spielstraßen und Grünflächen. Und viele Besucher, die zum ersten Mal durch so ein Viertel schlendern, wundern sich, weil überall Tretroller und Bälle herumliegen und weil man instinktiv denkt, das alles müsse doch jemand wegräumen, falls ein Auto kommt. Tatsächlich fährt hier höchstens mal ein Paketdienst durch, oder ein Rettungswagen im Einsatzfall. Alle anderen Pkws bleiben auf Sammelparkplätzen außerhalb der Siedlungen stehen, was die Bewohner aber nicht groß stört - denn die meisten von ihnen besitzen gar kein Auto.

          Bisher gibt es zwar nur ein knappes Dutzend autofreier Wohnquartiere. Doch was in den neunziger Jahren als fixe Idee einiger Stadtplaner und Baugruppen begann - etwa in Freiburg-Vauban oder der Siedlung Weißenburg in Münster - das nimmt langsam richtig Fahrt auf. Es werden laufend mehr Projekte, und sie werden immer größer. Früher ging es oft um wenige Häuser, in deren Mitte kein Verkehr erlaubt war. Inzwischen planen Bauträger ganze Stadtteile, durch die kein Auto rollen soll. In Hamburg-Lokstedt sollen 3600 Wohnungen errichtet werden, in München-Riem und am Schwabinger Tor leben bald 16.000 Menschen ohne Auto, auf der Lohmühleninsel in Berlin-Kreuzberg auch Hunderte. Dass so etwas im großen Rahmen funktioniert, zeigen seit Jahren Europas Vorzeigeviertel: Amsterdam-Westerpark und Wien-Floridsorf.

          Längst finden am Leben ohne Auto auch nicht nur oberkorrekte Ökobewegte großen Gefallen. Im Schnitt ist bereits jeder fünfte Haushalt hierzulande autolos, in Großstädten sind es rund 40 Prozent, sagt das Statistische Bundesamt. Zwar verzichten vor allem Ältere auf ein Fahrzeug, aus Ängstlichkeit vorm immer hektischer werdenden Verkehr oder aus Kostengründen. Doch die Zahl der Jüngeren ohne Wagen wächst rasant, bei der Generation unter 30 taugt das eigene Auto nicht mehr als Statussymbol. Dafür nutzen sie gern Carsharing per Smartphone. Sie alle wollen Planer mit solchen Siedlungen ansprechen.

          Die Versprechen klingen gut: Ruhiger, stressfreier und abgasärmer leben würde schließlich gern jeder. Zudem sagen die Planer: Wenn sie auf den Bau von Parkhäusern und Stellplätzen verzichten, können sie die Flächen besser ausnutzen, mehr Gemeinschaftsflächen einplanen und insgesamt billiger bauen. „Wohnungen in autofreien Zonen sind so oft erschwinglicher“, bekräftigt denn auch die Interessengemeinschaft autofrei leben e.V.

          Eigener Wagen verboten

          Doch ist die Umsetzung nicht so leicht, wie viele denken. Streng genommen, gilt für jeden, der in einer solchen Siedlung wohnt: Er darf kein Auto besitzen. Er muss also entweder bestätigen, dass er ohnehin keines besitzt (was die Hälfte der Interessenten tut), oder sich verpflichten, den Wagen beim Einzug abzuschaffen. Genau daran sind viele Projekte gescheitert.

          „Im Grunde hat fast jede größere Stadt schon einmal so ein Projekt geplant“, sagt Ulrike Reutter, Professorin am Institut für Mobilität der TU Kaiserslautern und eine der wenigen, die das Phänomen wissenschaftlich untersuchen: „Viele ambitionierte Projekte wurden aber nie umgesetzt.“ Bremen, Aachen, Wuppertal, Bielefeld oder Hannover träumten laut Umweltbundesamt bereits von verkehrsberuhigten Neubauvierteln. Brachten sie aber nicht an den Start. Was sie hinderte? Meist ist eines das Problem, sagt Gunhild Preuß-Bayer von der Münchener Initiative Wohnen ohne Auto: „Die größten Schwierigkeiten bereitet immer wieder die Reduzierung von Stellplätzen.“

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