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Wohnungsnot : Die große Leere

  • -Aktualisiert am

Unbewohnt: Leerstehender Häuserblock in Anklam (Mecklenburg-Vorpommern) Bild: dpa

In vielen Großstädten herrscht Wohnungsnot. Doch ausgerechnet die Kommunen lassen viele ihrer eigenen Häuser verfallen. Die Bürger ergreifen jetzt die Initiative.

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          Anderswo fliegen Rauchbomben, wenn Bürger gegen die Wohnungsnot in Großstädten demonstrieren, wie zuletzt in Rom. In München zündet man lieber einen Adventskranz an. Ein paar Kerzen waren das Einzige, was brannte, als sich die Demonstranten vor dem unscheinbaren graubraunen Haus in der Pilotystraße trafen. Mit Kreidelettern schrieben sie noch „Vermietet mich“ an die Hauswand. Sie hofften, dass dadurch den Politikern endlich ein Lichtlein aufgeht. Die sitzen schließlich genau gegenüber: in der Bayerischen Staatskanzlei. Von dort aus schauen sie direkt auf das alte Haus. Doch dort hat sich jahrelang anscheinend niemand gewundert über die vielen kahlen Fenster des Gründerzeitbaus mitten im Herzen der Stadt.

          Dahinter liegen acht Wohnungen mit rund 800 Quadratmetern Wohnfläche und altem Fischgrätparkett, die langsam vor sich hin gammeln. Sieben der Wohnungen sind seit Jahren verwaist. Dabei weiß jeder Lokalpolitiker nur zu genau, dass München zwar vieles hat, aber eines inzwischen Mangelware ist: bezahlbarer Wohnraum. Nirgendwo in der Republik sind die Mieten höher als hier, weil so viele Zuzügler gerne in Stadt wohnen wollen und die Preise in die Höhe treiben. Leerstehende Wohnungen, noch dazu in zentraler Lage, sind da ein absolutes Unding.

          Man mag einwenden, dass die Politiker sich ja nicht um jedes Haus persönlich kümmern können. Für die meisten Privatimmobilien trifft das auch zu. Das Haus in der Pilotystraße 8 aber gehört der Stadt. Sie ist als Eigentümerin für den Leerstand verantwortlich und sieht dem Haus nun schon seit mehr als fünf Jahren bei seinem Verfall zu. Das ist der Grund, weswegen viele Münchner nicht von einem Unding sprechen - für sie ist es ein Skandal.

          Städte verschweigen genaue Zahlen

          Zumal die Pilotystraße längst nicht die einzige städtische Immobilie ist, die unbewohnt vor sich hin bröckelt: Auch in der Müllerstraße, im Szenebezirk „Glockenbachviertel“, in der Herterichstraße am idyllischen Forstenrieder Park, sogar in einem der teuersten Wohngebiete, in Altschwabing, gibt es ungenutzte städtische Häuser. Insgesamt sollen es 1200 Wohnungen sein, die München gehören und leer stehen, 700 davon schon länger als sechs Monate. Die bayerische Landeshauptstadt ist zwar die Stadt mit der größten Wohnungsnot, aber nicht alleiniger Spitzenreiter beim kommunalen Leerstand. Auch in Berlin, Düsseldorf und Essen befeuern Hunderte ähnlicher Fälle aktuell die politische Diskussion. In Hamburg stehen ebenfalls 1200 stadteigene Wohnungen leer, mit insgesamt 90.000 Quadratmetern, so musste der Senat jüngst offenlegen. Das ist jeder fünfte Quadratmeter Wohnfläche, den die Stadt Hamburg ihr Eigen nennt.

          Seit Jahrzehnten unbewohnt: Die Dienstvilla des Frankfurter Oberbürgermeisters

          Wie viel Wohnraum den Bundesbürgern auf diese Weise vorenthalten wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Denn die Kommunen geben diese Zahlen nicht gerade freiwillig heraus. Oft begründen sie das damit, dass sie „dem Vandalismus vorbeugen“ und den Leerstand deshalb nicht veröffentlichen wollten. Meist fördert erst zähes Ringen in den Stadtparlamenten die dazugehörigen Listen zutage, wie in Hamburg. Manche Kommunen behaupten gar, dass sie die Zahl freistehender Wohnungen in ihrem Besitz selbst gar nicht genau kennen, so wie München. Inklusive aller Privatwohnungen sind bundesweit rund 688.000 vermietbare Wohnungen unbewohnt, sagt der Leerstandsindex des Marktforschungsunternehmens Empirica. Rechnet man die bekannten Zahlen der Metropolen hoch, könnte das mehrere zehntausend Wohnungen in öffentlicher Hand bedeuten.

          Da drängt sich der Eindruck auf, dass so manche Debatte über Mietpreisbremsen hinfällig wäre, wenn sich zuerst einmal die Städte um ihre eigenen Liegenschaften kümmern würden und sie zu sozialverträglichen Preisen dem Markt zur Verfügung stellten. Nur wieso geschieht das nicht? Und wie konnte es überhaupt zu diesem Leerstand kommen? Mit den Antworten darauf tun sich die Städte noch schwerer als mit den Zahlen.

          Guerillahandwerker ergreifen die Initiative

          Viele Verantwortliche spielen solche Fälle als Einzelfälle herunter. So antwortete der Münchener SPD-Oberbürgermeister Christian Ude auf eine Bürgeranfrage: „Die Stadt und ihre Gesellschaften verfügen insgesamt über mehr als 60.000 Wohnungen. Gemessen an dieser enormen Zahl, ist der Leerstand gering. Der unvermeidbare Wohnungsleerstand resultiert zum einen Teil aus ganz normalem Mieterwechsel - zwischen Auszug und Einzug werden Schönheitsreparaturen und Modernisierungsmaßnahmen durchgeführt, weshalb die betreffende Wohnung kurzfristig leer steht. Dazu kommt noch der sogenannte strategische Leerstand, der dadurch entsteht, dass das betreffende Gebäude entweder im leergezogenen Zustand umfassend modernisiert oder abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt werden soll.“

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