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Ungebetene Erbschaften : 10.000 Häuser, die keiner will

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So manches Haus will keiner haben. Bild: dpa

So manches Bundesland wäre froh, wenn es nichts erben müsste. Vor allem keine Immobilien.

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          Der Staat ist mittlerweile der größte Erbe von Wohnhäusern in Deutschland. Rund 10.000 Wohnhäuser und private Liegenschaften sind den Bundesländer auf dem Wege der Erbschaft mittlerweile zugefallen. Mehr als drei Viertel davon befinden sich im Besitz des Freistaats Bayern. Nach Angaben des Finanzministeriums sind es derzeit 7251 Wohnhäuser, mehr als die Hälfte davon im Alleineigentum.

          Erbschaften fallen an den Staat, wenn die Erben entweder ihr Erbe ausschlagen oder keine Erben zu ermitteln sind. Der Verkauf dieser Fiskalerbschaften bringt den Länderhaushalten in der Regel zwar geringfügige Einnahmen. Doch rechte Freude will nicht aufkommen.

          Überschuldet und unbewohnbar

          Zum einen sei der Verwaltungsaufwand sehr hoch, heißt es in den Ministerien mehrerer Länder übereinstimmend. Besonders lästig sind Erbengemeinschaften - etwa die Eigentumsrechte an einem Drittel Reihenhaus. Zum anderen sind die Immobilien selten werthaltig. Im Januar etwa antwortete die rheinland-pfälzische Finanzministerin Doris Ahnen auf eine entsprechende Anfrage der CDU-Opposition mit ziemlicher Unmissverständlichkeit.

          „Da die gesetzlichen Erben in fast allen Fällen die Erbschaft wegen Überschuldung des Nachlasses ausschlagen, sind enthaltene Immobilien regelmäßig mit Grundpfandrechten wertübersteigend belastet. Aktuell ist kein Nachlassfall bekannt, zu dem eine für das Land werthaltige Immobilie gehört. Es besteht in der Regel ein unwirtschaftlicher Sanierungsbedarf, um sie möglicherweise bewohnbar zu machen.“ Langer Rede, kurzer Sinn: Die Immobilien sind Schrott - überschuldet und unbewohnbar.

          Allerorten steigt anscheinend die Zahl der Fälle. So erbte Bayern im Jahr 2005 noch 351 Häuser - 2015 waren es schon 535. Rheinland-Pfalz erbte 2015 374 Immobilien, 2013 waren es hundert weniger gewesen. Die Fachleute in den Behörden werten die Zahlen als Indiz des demografischen Wandels. „Der Anteil älterer Menschen ohne Angehörige steigt“, sagt eine Sprecherin der Bezirksregierung im westfälischen Münster.

          Zu viel Wohnraum am falschen Platz

          Eine große Rolle spielen auch ökonomische Faktoren: So boomt in Bayern zwar die Wirtschaft im Großraum München, doch in vielen ländlichen Landesteilen schwindet die Bevölkerung. Dementsprechend lassen sich dort nur mit Mühe Käufer finden, die Immobilienpreise sinken. Ein Beispiel: Im oberfränkischen Landkreis Kronach im Nordosten Bayerns ist ein gebrauchtes Ein- oder Zweifamilienhaus laut Immobilienmarktbericht der Staatsregierung im Schnitt für nur noch 85.000 Euro zu haben - im Landkreis München kostet eine vergleichbare Immobilie dagegen 1,5 Millionen.

          Nicht anders sieht es in Rheinland-Pfalz aus. Während in der Landeshauptstadt Mainz Wohnraum knapp und teuer ist, gibt es im Hunsrück oder der Südpfalz gleich reihenweise Häuser für fünstellige Beträge zu kaufen. Insgesamt stehen in Deutschland nach einer Schätzung des Bundes zwei Millionen Wohnungen leer, die meisten davon aber in strukturschwachen ländlichen Regionen. „Wir haben eigentlich genug Wohnraum in Deutschland - aber wir haben ihn an der falschen Stelle“, sagt Andreas Ibel, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Immobilienwirtschaft.

          Kein Problem mit vererbten Häusern haben daher auch die Stadtstaaten, da dort sinkende Immobilienpreise unbekannt sind: Berlin meldet lediglich Einzelfälle, ebenso Hamburg. Auch Bremen ist hier ausnahmsweise problemfreie Zone. „Wir haben keine Gebäude in Bremen geerbt“, sagt eine Sprecherin von Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne). Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind die Besitzverhältnisse überschaubar, wiewohl das Land an der Ostsee eine ländlich strukturierte Region ist: Die Landesregierung ist laut Schweriner Finanzministerium Besitzer einer einzigen Eigentumswohnung.

          Die Zahlen liefern Indizien der Verhältnisse, sind aber nicht präzise - nicht alle Bundesländer treiben den gleichen statistischen Aufwand. Das niedersächsische Finanzministerium nannte gar keine Zahlen, Baden-Württemberg übermittelte zwar einen Durchschnittswert von 34 geerbten Häusern pro Jahr, nicht aber den aktuellen Stand. Manche Bundesländer erfassen zudem nicht die Zahl der Häuser, sondern lediglich geerbte Grund- und Flurstücke - ob bebaut oder unbebaut.

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