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Nach Stuttgart 21 : Stuttgart plant ein neues Großprojekt

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Noch Brachland: In Bad Cannstatt soll ein neuer Stuttgarter Stadtteil entstehen. Bild: Oliver Schmale

Nach Stuttgart 21 nimmt die Stadt ein weiteres Großprojekt in Angriff: ein neues Quartier zum Wohnen und Arbeiten. Diesmal dürfte es friedlicher zugehen.

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          Einst sind auf dem Areal riesige Frachtcontainer gelagert und Güter umgeschlagen worden. Heute parken hier Eltern und holen für ihre Sprösslinge die BMX-Räder aus dem Kofferraum ihrer Autos, während sich die Kinder ihre Ellenbogen- und Schienbeinprotektoren anziehen, um auf einer modellierten Strecke mit ihren sportlichen Zweirädern zu fahren. Die Szene spielt sich nicht irgendwo auf einem Parkplatz mitten in der Natur ab, sondern auf einem riesigen Brachgelände in Stuttgart - am Rande des Stadtteils Bad Cannstatt, gegenüber dem Veranstaltungsgelände Neckarpark, auf dem alljährlich das über die Stadtgrenzen bekannte Cannstatter Volksfest stattfindet. Es handelt sich um das ehemalige Güterbahnhofsareal. Das Gelände steht seit Jahren leer. Nur ein geringer Teil der Fläche wird als Parkplatz genutzt, wenn entweder der Rummel ist oder auch Veranstaltungen in den beiden benachbarten großen Hallen sind.

          Nach Stuttgart 21, dem umstrittenen Umbau des Hauptbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation, ist die Aufsiedelung des 22 Hektar großen Bad Cannstatter Gebiets das zweitgrößte Infrastrukturprojekt der Stadt. Nach mehrjähriger Planung soll nun 2015 mit den ersten Bauarbeiten begonnen werden. Dort werden neben mindestens 450 Wohnungen gleichfalls Gewerbeflächen entstehen, erläutert Technikbürgermeister Dirk Thürnau, der für die Projektsteuerung zuständig ist. Ziel ist ein modellhafter Städtebau unter dem Motto „Wohnen und Arbeiten“. Weiterhin seien dort Parks, öffentliche Plätze, eine Schule und ein Sportbad geplant. „Mit der Erschließung des Neckarparks schaffen wir ein neues, modernes Quartier in Stuttgart.“

          Doch bevor die ersten Wohnungen und Grünflächen in Angriff genommen werden können, sind eine Menge Vorarbeiten notwendig. Zunächst soll mit dem Bau einer 600 Meter langen Lärmschutzwand begonnen werden. Sie entsteht südlich der Bahngleise und des Daimler-Motorenwerks. Denn mit dem Thema Lärm steht oder fällt das Gesamtvorhaben. Und damit dieser Aspekt nicht weiter als Hindernis im Wohnungsbau gesehen wird, werden zunächst rund 4,5 Millionen Euro investiert, damit es auf dem Gelände endlich vorangehen kann. Seit über zwei Jahrzehnten wird das Gelände nicht mehr von der Bahn genutzt und werden keine Güter mehr umgeschlagen. Nun ist die Brachfläche seit längerer Zeit frei von Mietern, und es kann durchgestartet werden. Einst hatte die Stuttgarter Stadtverwaltung das Gelände im Visier, um hier ein Olympisches Dorf zu bauen, falls die Region Stuttgart den Zuschlag für die Sommer-Olympiade 2012 bekommen hätte. Die Region Stuttgart war aber damals schon hochkant in der ersten Bewerbungsrunde unter den deutschen Städten rausgeflogen. Gut 40 Millionen Euro zahlte die Stadt später der Bahn für das Gelände.

          Während Stuttgart 21 weiterhin höchst umstritten ist, geht es bei dem anderen Projekt recht einvernehmlich zu. Da Wohnungen in der Stadt knapp sind, sollen dort auch Mietwohnungen entstehen. Ein großes Manko war und ist aber der Lärm vom Veranstaltungsgelände Neckarpark. Doch seit das Thema aktiv angegangen wird und der Pegel sinkt, sind die Chancen für die Wohnbebauung weiter gestiegen. Nun sollen hier einmal mindestens 450 Wohnungen entstehen. Zuerst waren 770 Wohneinheiten geplant. Wohnen soll praktisch im Inneren des Geländes stattfinden. Die geplanten Gebäude für Gewerbe sollen außen herum gebaut werden und einen Riegel gegen Schall bilden. Bei der Energieversorgung sollen neue Wege gegangen werden. Warmes Abwasser aus einem das Areal durchquerenden Kanal soll über ein Nahwärmenetz die im Quartier geplanten Niedrigenergiebauten versorgen. „Hier setzen wir auf nachhaltige Energieversorgung“, sagt Thürnau. Doch die Wärme aus dem Untergrund sorgte in der Vergangenheit für Wirbel, weil es zwar als durchaus innovativ gilt, aber keineswegs als wirtschaftlich. Das letzte Wort scheint da noch nicht gesprochen.

          Das Thema Hallenbad mit 50-Meter-Schwimmbecken für Schulen und Vereine ist schon weit gediehen. Das 27 Millionen Euro teure Sportbad soll die Trainingsmöglichkeiten für die Sportler vor Ort verbessern. Möglicherweise kann hier auch ein Leistungsstützpunkt betrieben werden. Was bei Stuttgart 21 der Juchtenkäfer im Schlossgarten war, ist auf der Brachfläche die geschützte Mauereidechse. Sie ist in großer Zahl vorhanden und muss umgesiedelt werden. Die Eidechsen leben vor allem in der Nähe des Bahndamms - auf rund 4,5 Hektar Fläche. Die einzelnen Baufelder müssen deshalb schrittweise behutsam von den Eidechsen befreit werden, der Fachmann spricht von „vergrämen“. Dafür setzen die Macher mehrere Jahre an. Auf dem Gelände soll weiterhin ein Platz für den Neubau einer Klinik gefunden werden, die sich vor allem um Sportverletzungen kümmert. Noch völlig unklar ist, wie die weitere und vor allem bessere Anbindung an den Nahverkehr mit Bus und Bahn erfolgen soll. So machen sich die Grünen seit längerer Zeit dafür stark, dass eine schon vorhandene Stadtbahnlinie, die bislang nur bei Großveranstaltungen in Betrieb ist, später bei kompletter Umsetzung des Projekts in den Regelbetrieb überführt wird. Doch die Haltung der Stadt ist auch hier noch vage.

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