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Finanzdienstleister : Der Kampf der Bausparkassen

Jörg Münning, Vorstandsvorsitzender der LBS West, spricht Klartext über seine Branche. Bild: dpa

Der Chef der LBS West, Jörg Münning, spricht über die Branche zwischen Kundenklagen und Nullzins.

          3 Min.

          Jammern ist Jörg Münnings Sache nicht. Aber wenn der Chef der Bausparkasse LBS West in Münster, immerhin einer der großen Bausparkassen Deutschlands, über die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank und deren Präsident Mario Draghi redet, dann bringt er schon einigen Unmut zum Ausdruck. Auch der Unternehmenschef ist offenkundig nicht glücklich mit der Situation, in der sich die Bauspar-Branche befindet: Auf der einen Seite kämpfen die Bausparkassen selbst mit dem äußerst niedrigen Zinsniveau. Auf der anderen Seite haben sie vor unzähligen Gerichten in Deutschland mit Klagen ihrer Kunden zu kämpfen, weil sie - zu Recht oder Unrecht - deren hoch verzinste alte Bausparverträge gekündigt haben.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Zinspolitik der EZB ist für mich gescheitert. Sie bringt nichts, geht am Ziel vorbei und ist gefährlich“, wettert Bausparkassen-Chef Münning, Jahrgang 1960, früher Vorstand einer Sparkasse. Er macht die Euro-Geldpolitik dafür verantwortlich, dass Deutschland im Augenblick zu niedrige Zinsen habe: „Wenn die Bundesbank heute autonom einen Leitzins für Deutschland festsetzen würde, läge der vermutlich zwischen 3 und 4 Prozent“, meint Münning. Entsprechend gibt der Bausparkassen-Chef der Notenbank eine Mitschuld auch an der Misere der Bausparkassen: „Natürlich sind die Bausparkassen von der Niedrigzinspolitik der EZB betroffen. Das sind keine leichten Zeiten für alle Finanzdienstleister. Darauf muss man sich einstellen.“

          Sich auf die Nullzinsphase einstellen, das heißt für die Bausparkassen offenbar: Einige fusionieren, alle treten auf die Kostenbremse - und zumindest viele versuchen, sich der hoch verzinsten alten Bausparverträge sogenannter „Fortsetzer-Kunden“ zu entledigen. Das sind solche Kunden, die das Bauspardarlehen nicht in Anspruch genommen haben und den Bausparvertrag über viele Jahre lediglich als Kapitalanlage nutzen.

          Die LBS West glaubt trotzdem weiter im Recht zu sein

          Während im Südwesten der Republik gerade durch eine Fusion die größte Landesbausparkasse Deutschlands entsteht, setzt die LBS West in Münster zumindest nicht vordringlich auf diesen Weg. „Wir haben 2014 erfolgreich mit der LBS Bremen fusioniert“, sagt Münning. „Auf der Suche sind wir jetzt nicht weiter. Aber wenn sich etwas ergeben sollte, wären wir durchaus offen.“

          In Stuttgart hat gerade das Oberlandesgericht entschieden, dass die Bausparkasse Wüstenrot dort einer Kundin zu Unrecht den hoch verzinsten alten Bausparvertrag gekündigt hatte. Jetzt dürfte der Fall vor dem Bundesgerichtshof landen. Die LBS West glaubt trotzdem weiter, mit ihren Kündigungen im Recht zu sein. „Die Verfahren der unterschiedlichen Bausparkassen sind aus meiner Sicht nicht unbedingt vergleichbar, weil die Verträge, Tarife und Allgemeinen Bausparbedingungen unterschiedlich sind“, sagt Vorstandschef Münning. „Das für uns zuständige Oberlandesgericht Hamm hat unsere Position bestätigt. Das dürfte für unsere sonstigen Fälle eine Signalwirkung haben.“ Bei der LBS West spreche man von einer Kündigungszahl „im Promillebereich“:

          „Von 2,6 Millionen Verträgen, die wir haben, wurden weniger als 0,5 Prozent oder 13 000 Stück gekündigt.“ Das betreffe rund 10 500 von 2,1 Millionen Kunden. „Die Verträge, die wir gekündigt haben, liefen im Durchschnitt bereits 24 Jahre. Und es ist mindestens zehn Jahre her, dass diese Verträge zuteilungsreif waren.“ Spekulationen in den Verbraucherzentralen, die Bausparkasse versuche neuerdings, mit Bereitstellungszinsen Bausparer aus Verträgen zu drängen, entbehrten jeder Grundlage, versichert Münning: „Wir nehmen solche Zinsen nur in gesetzlich geregelten und genau festgelegten Fällen, daran hat sich nichts verändert.“

          Das Geschäftsmodell Bausparen ist nicht tot

          Die Bausparkasse selbst muss auch kräftig sparen. Die LBS West habe in der Zentrale jetzt noch 630 Mitarbeiter, sagt Münning. Bis 2020 wolle man 100 Stellen durch „natürliche Fluktuation“ einsparen. Aus 13 Hauptabteilungen würden sieben. Nicht mehr genutzte Teile der repräsentativen Zentrale in Münster, die man einst von der West LB geerbt hatte, habe man schon in den letzten Jahren erfolgreich vermietet. Im Vertrieb arbeite die LBS mehr als bisher mit den Sparkassen zusammen: „Zum Teil haben unsere Außendienstmitarbeiter jetzt ihren Schreibtisch in der Sparkasse“, sagt Münning. Das Unternehmen reduziere die Zahl der Gebietsleitungen im Außendienst von 110 auf 55, auch die Zahl der Kundencenter nehme entsprechend ab: „Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen“, kündigte Münning an. „Zugleich suchen wir zur Stärkung des Vertriebs 100 weitere Mitarbeiter für den Außendienst.“ So, wie die Bausparkasse jetzt aufgestellt sei, bleibe sie rentabel, auch wenn das Zinsniveau noch viele Jahre so niedrig bleibe.

          Das Geschäftsmodell Bausparen sei auf jeden Fall nicht tot, meint der Unternehmenschef, es habe Zukunft. „Mit einem Bausparvertrag kann ein Kunde bei uns 0,1 Prozent Guthabenzins für die Ansparphase bekommen, und in der Darlehensphase ein Bauspardarlehen ab 1,3 Prozent, dessen Zinsen über 30 Jahre festgeschrieben werden können.“ Münning behauptet: „Bei Darlehen über 30 Jahre sind wir günstiger als jede Hypothekenbank.“ Hinzu komme die staatliche Förderung wie der Wohnriester, wenn der Kunde die Immobilie zur Altersvorsorge nutze. Dabei könne der Kunde die Belastung über die gesamte Laufzeit kalkulieren: „Bausparen ist die Zins-Versicherung.“

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