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Heizkostenableser : So werden Mieter geschröpft

Ein Wärmemengenmesser der Firma Ista Bild: Archiv

Heizkostenableser wie Ista und Techem machen Traumgewinne. Die Mieter sind machtlos. Was läuft da schief?

          In den vergangenen Wochen waren sie wieder unterwegs in deutschen Mehrfamilienhäusern: Heizungsableser, meist von den Firmen Techem oder Ista. Ein Zettel an der Haustür kündigt sie an - für einen bestimmten Zeitraum, typischerweise ein oder zwei Stunden an einem Werktag, zum Beispiel zwischen zwölf und ein Uhr mittags. „Bitte ermöglichen Sie uns unbedingt den Zugang zu Ihrer Wohnung während des gesamten angegebenen Zeitraums“, lesen etwa Techem-Versorgte in Frankfurt. „Sie vermeiden so unnötige Kosten.“ Es kann auch sein, dass die Ableser früher oder später kommen. „Zeitliche Verschiebungen sind nie ganz auszuschließen.“

          Klaus Max  Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Besuch selbst geht fix: Die Männer oder Frauen inspizieren Kästchen, die am Heizkörper montiert sind: in älterer Version ein Röhrchen mit Flüssigkeit, von der umso mehr verdunstet, je mehr man heizt; in neuerer Version ein elektronisches Messgerät. Fünf bis zehn Minuten, dann ist der Ableser in einer mittelgroßen Wohnung durch.

          Der Wettbewerb der Ableser funktioniert schlecht

          Schon mancher hat darüber gestöhnt: einen halben Tag frei nehmen, nur um die Ableser hereinzulassen. Dabei ist das meist noch zu regeln, wenn man sich mit den Nachbarn versteht und einem von ihnen den Schlüssel gibt. Viel weniger beachtet ist ein anderes Ärgernis: Techem und Ista arbeiten nach einem mieterfeindlichen Geschäftsmodell – in einem offenbar schlecht funktionierenden Wettbewerb. Ein Milliarden-Business mit Spitzenrenditen, wie Recherchen der F.A.S. ergeben. In Präsentationen für Anleger geben die Konzerne indirekt die schwache Position der Mieter zu und werben sogar damit – verhüllt in der Sprache der Investoren, denen sie ihre Anleihen schmackhaft machen wollen.

          Wer seine Heizung aufdreht, zahlt auch für den Heizkostenableser

          Ista legte voriges Jahr über ihre Holding eine Anleihe für Großinvestoren auf; der Emissionsprospekt liegt dieser Zeitung vor. Danach erzielte das Unternehmen 2012 bei 710 Millionen Euro Umsatz knapp 302 Millionen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) vor Sondereffekten, entsprechend 42,5 Prozent Rendite – nach knapp 41 und knapp 39 Prozent in den Jahren zuvor. Von solchen Werten können die meisten anderen Branchen nur träumen. Den größeren Teil der Erlöse – 55 Prozent – erzielt Ista im Heimatmarkt Deutschland.

          Nicht viel schlechter sieht es bei Techem aus: Im Geschäftsjahr 2012/13 (zu Ende März) fielen 240 Millionen Euro Ebitda vor Sonderposten bei 704 Millionen Euro Umsatz an: 34 Prozent Marge, nach 32 Prozent im Vorjahr. Sprecher beider Unternehmen machten dazu geltend, die Ablesefirmen hätten auch hohe Investitionen zu tätigen.

          Die Messdienstleister erfreuen sich hoher Marktanteile: Techem hat laut Unterlagen für seine Anleiheinvestoren in Deutschland 29 Prozent Marktanteil (am Gerätebestand gemessen), Konkurrent Ista 24 Prozent, die Firmengruppe Brunata-Metrona 17 Prozent. Der Ableser-Lobbyverband HeiWaKo verweist zwar stets auf die vielen kleinen örtlichen Anbieter, die es auch noch gibt. Aber wie die Ableser und ihre Berater selbst den Markt sehen, war vor einigen Jahren zu erkennen: Damals stand Ista zum Verkauf, die mandatierte Investmentbank schickte an Interessenten ein Informationsmemorandum, das dieser Zeitung ebenfalls vorliegt. „Der (deutsche) Markt hat sich zu einer oligopolistischen Struktur entwickelt“, heißt es darin. Ein Ista-Sprecher sagt heute, das Unternehmen verspüre sehr wohl Preisdruck. Auch der aktuelle Anleiheprospekt erwähnt das als Risiko, hält aber zugleich fest: „Unsere durchschnittlichen Servicepreise sind im vergangenen Jahrzehnt beständig gestiegen.“

          Was den Investoren nur recht sein kann, ist schlecht für die Mieter. „Wir würden uns mehr Wettbewerb wünschen“, sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer beim Deutschen Mieterbund. Das Kartellamt hat nach eigenen Angaben keine Handhabe, denn es müsste einen Missbrauch der Marktstellung über konkrete Preisabsprachen nachweisen.

          „Derjenige, der den Vertrag abschließt, bezahlt nicht“

          Die Mieter stehen den Rechnungen der Ableser weitgehend hilflos gegenüber. Denn die Kunden der Firmen sind die Vermieter, und die holen sich das Geld vom Mieter zurück. „Das Dilemma ist, dass derjenige, der den Vertrag abschließt, nicht bezahlt“, sagt Ropertz. Gegenüber ihren Anlegern preisen die Ablesefirmen das auch als Vorteil an: Techem-Finanzchef Steffen Bätjer warb bei einer Präsentation in London mit der „low price sensitivity“ (der geringen Preissensibilität) der Kunden und mit den „large switching disincentives“, also mangelnden Anreizen, den Anbieter zu wechseln. Nachzulesen ist das in den Unterlagen zu der Präsentation. Ista schreibt im Anleiheprospekt, die Fluktuation im Kundenstamm liege unter drei Prozent jährlich. Das liege auch an „dem begrenzten Interesse unserer Kunden, die Ablesefirma zu wechseln“.

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