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Heizkostenableser : So werden Mieter geschröpft

Theoretisch kann sich der Mieter wehren, weil die Einzelabrechnung der Heizkosten nach dem Gesetz nicht unverhältnismäßig viel kosten darf. Doch in der Praxis ist nicht viel zu machen. „Der Mieter kann ja meist gar nicht erkennen, ob die Kosten angemessen sind – und ob der Vermieter das günstigste Angebot eingeholt hat“, sagt Hans Weinreuter, Energiereferent der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Kaum jemand fange deswegen Streit mit dem Vermieter an. Zu den Kunden der Messfirmen zählen übrigens auch Eigentümer in Wohnanlagen; die dürften tendenziell mehr auf die Kosten achten.

Dass Heizkosten nach persönlichem Verbrauch abgerechnet werden und nicht etwa nach Wohnungsgröße, geht auf die Heizkostenverordnung von 1981 zurück – und das ist im Grundsatz positiv: Erstens sinkt wohl generell der Energieverbrauch, weil es einen Anreiz zum Sparen gibt – auch wenn umstritten ist, um wie viel. Rund 15 bis 20 Prozent, meint Techem. Zweitens zahlt der sparsame Bewohner nun nicht mehr für den verschwenderischen Nachbarn mit.

Die Frage aber ist, welchen Anteil die Messfirmen als zwischengeschaltete Dienstleister von der Ersparnis abschöpfen. Nach einem Gerichtsurteil vor einigen Jahren dürfen es nicht regelmäßig mehr als 15 Prozent der Gesamtkosten für Heizen und Warmwasser sein – weswegen dieser Wert in der Ablesebranche als Grenzwert betrachtet wird. Der Ista-Sprecher sagt, der Anteil variiere von Rechnung zu Rechnung stark, abhängig unter anderem von Ausstattung und Technik der Wohnung. Im Schnitt liege er aber „knapp unter der Hälfte“ der 15 Prozent. Interpretiert man das mal als rund sieben Prozent, so heißt das: Wer für 1000 Euro im Jahr heizt, zahlt im Schnitt 70 Euro an Ista. Verbraucherschützer Weinreuter stieß bei einer Auswertung von Ableserechnungen auf eine Spanne von vier bis 19 Prozent – also 40 bis 190 Euro je 1000 Euro Heizkosten.

Die Firmen profitieren doppelt

Für den Mieter mag das nicht das ganz große Geld sein. Aber die Masse macht’s: Die gemeinnützige Gesellschaft CO2Online schätzte 2010, deutsche Mieter zahlten jährlich 195 Millionen Euro zu viel fürs Ablesen. „Schuld sind intransparente Marktverhältnisse der Messdienstleister und Versäumnisse der Hausverwaltungen“, urteilte sie.

Kein Wunder, dass die Firmen begehrte Ziele von Finanzinvestoren sind. Die beiden Marktführer wechselten in den vergangenen Jahren für Milliardenbeträge die Besitzer; Ista gehört der Beteiligungsgesellschaft CVC, Techem einem Fonds der australischen Bank Macquarie. Und es locken weitere Geschäfte – durch neue Verordnungen: So will die EU mit einer Richtlinie die verbrauchsorientierte Heizkostenerfassung bis 2016 europaweit durchsetzen. Und in Deutschland haben die Ableser die Rauchmelder entdeckt, die jetzt in den meisten Bundesländern vorgeschrieben sind: Die wollen installiert und jährlich überprüft werden.

Vor allem aber gilt es im Stammgeschäft Heizkostenablesen noch eine Goldgrube zu erschließen: Zunehmend gehen die Messfirmen zu einer neuen Technik über und erfassen die Heizstände aus der Ferne per Funk. Der Mieter muss dann zwar auf keinen Ableser mehr warten – aber das kostet ihn deutlich mehr als bisher. Im Schnitt zehn Prozent, sagte Ex-Techem-Chef Horst Enzelmüller einmal. Ista argumentiert, die Technik mache es möglich, dem Bewohner gegen geringen Aufpreis den Verbrauch monatlich mitzuteilen. Das diszipliniere beim Heizen.

Die Firmen profitieren dabei doppelt: Sie erhöhen die Preise und sparen dazu noch Personal ein. Jede dritte von Ista betreute Wohnung ist laut Anleiheprospekt schon mit den neuen Geräten ausgestattet, und es würden voraussichtlich immer mehr: „Das führt zu höheren Umsätzen je Wohnung und zu Kostenvorteilen wegen niedrigerer Ablesekosten.“ Ähnlich äußert sich Techem.

Mehr noch: Techem baut dem Kunden so eine zusätzliche Barriere, den Anbieter zu wechseln. Damit wirbt das Unternehmen im Herbstbericht an Investoren: „Unsere funkkontrollierten Geräte sind nicht kompatibel mit jenen unserer Wettbewerber, was in einer relativ stabilen Marktposition für uns resultiert.“

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