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Wann werden Immobilien teurer? : Frankfurt wartet auf die Brexit-Folgen

Bald fertig: Der neue Henninger-Turm vergrößert das Angebot teurer Frankfurter Wohnungen. Bild: dpa

Noch immer ist nicht abzusehen, was der Brexit für den Frankfurter Immobilienmarkt bedeuten wird. Nur eines ist klar: Ein Segment könnte einen Schub gut gebrauchen.

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          Der jüngste Immobilienbericht des Forschungsinstituts Empirica ist ernüchternd. „Keine Anzeichen für eine Sonderkonjunktur in Frankfurt“, schreibt Immobilienfachmann Rainer Braun. Zwar liegt Frankfurt im Ranking des Instituts bei den Mieten mit 11,89 Euro je Quadratmeter auf dem zweiten Platz unter den deutschen Großstädten nach München. Bei den Kaufpreisen liegt die Mainmetropole aber mit 4041 Euro je Quadratmeter für neue Etagenwohnungen mit gehobener Ausstattung nicht mal mehr unter den ersten zehn Großstädten. Von einem Anstieg der Preise als Vorgriff auf einen Massenumzug von der Themse an den Main jedenfalls sei nichts zu spüren.

          Michael Psotta
          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Ganz anderes lässt eine aktuelle Studie des Immobilienverbandes Deutschland (IVD) vermuten. Demnach sind in Frankfurt die Preise für Eigentumswohnungen im Bestand innerhalb eines Jahres so stark gestiegen wie nirgends sonst in Deutschland. Für eine Eigentumswohnung mit mittlerem Wohnwert legten die Preise innerhalb eines Jahres um knapp 19 Prozent zu auf 2200 Euro pro Quadratmeter. Die durchschnittliche Steigerung in diesem Segment in den Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern betrug 9,42 Prozent. Für Eigentumswohnungen mit gutem Wohnwert hat der IVD sogar eine Steigerung von fast 30 Prozent gemessen, auf 3500 Euro pro Quadratmeter. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der Großstädte.

          Auch das Internetportal „Immobilienscout 24“ registrierte seit der Brexit-Entscheidung mehr Suchanfragen aus Großbritannien nach Immobilien in Deutschland. „Die Exposé-Aufrufe von Großbritannien aus haben nach dem Votum um 6 Prozent zugenommen“, sagt Jan Hebecker von „Immoscout“. Das Interesse an deutschen Immobilien konzentriere sich dabei auf die Metropolregionen Frankfurt und Berlin: „Im Hochtaunuskreis sind die Aufrufe von einem moderaten Niveau um 47 Prozent gestiegen.“ Das Interesse schwanke jedoch – es sei wohl zu früh, von einem Trend zu sprechen.

          Zeitpunkt und Umfang sind unklar

          Trotzdem ist es eine Frage, die viele Immobilienfachleute in Frankfurt und Umgebung beschäftigt: Was passiert, wenn die Banken in London als Reaktion auf den Brexit bald kleinere oder größere Abteilungen nach Frankfurt verlegen? Der Zeitpunkt, zu dem das geschehen könnte, ist noch ebenso unklar wie die Zahl der Menschen, die das betrifft. Mit der russischen VTB Bank hatte in dieser Woche erstmals ein Institut konkrete Verlagerungspläne weg aus London bekanntgegeben – aber noch offengelassen, ob es nach Frankfurt geht. „Ein Tsunami von Flüchtlingen aus England wird es wohl nicht werden“, meint Jürgen Conzelmann vom Eigentümerverband Haus und Grund.

          Die Schätzungen reichen von gut 10.000 bis zu mehr als 100.000 Umzugskandidaten. Der Frankfurter Mieterschutzverein hat einmal angenommen, 15.000 Banker könnten wechseln, etwa zwei Prozent der Beschäftigten der Finanzbranche im Großraum London. Das wären dann ungefähr noch einmal so viele Menschen, wie jedes Jahr nach Frankfurt ziehen.

          Anruf aus London : Top-Immobilien in Frankfurt gefragt

          Luxusproblem Wachstum

          Ähnlich kalkuliert Rainer Ballwanz, Makler in Frankfurt. „Es gibt noch keinen statistisch nachweisbaren neuen Nachfragedruck aus England“, sagt er. Aber richtig sei natürlich auch, dass sich die seit einigen Jahren durch Zuzug steigende Nachfrage nach Wohnimmobilien in Frankfurt in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter verschärften könnte. Unterstellt, dass Frankfurt weiterhin um 15.000 Einwohner im Jahr wachse, könnten durch den Brexit verteilt über die nächsten Jahre noch einmal 10.000 bis 15.000 Menschen hinzukommen. „Das Luxusproblem des Wachstums bekäme also quasi einen weiteren Katalysator hinzu“, sagt der Makler.

          Die ersten Preise, die dann steigen würden, wären aber nicht die von Villen in Bad Homburg, meint Manfred Neuhöfer vom Immobilieninstitut F+B. Ohnehin werde das nicht so schnell vor sich gehen, wie viele nach der Brexit-Entscheidung gemeint hätten. „Es wird nicht die Mengeneffekte geben, die viele erwartet haben“, glaubt Neuhöfer. Wenn die ersten Banken Arbeitsplätze von London nach Frankfurt verlegen, dürften die Banker vermutlich erst mal pendeln. „Kein Brite verlagert so schnell seinen Lebensmittelpunkt nach Deutschland“, sagt Neuhöfer. Die ersten sechs bis 18 Monate sei deshalb vor allem eine verstärkte Nachfrage nach hochpreisigen, teils möblierten Apartments in Innenstadt-Nähe zu erwarten. Die aber seien jetzt schon knapp und stünden zudem in enger Konkurrenz mit gewerblichen Nutzungen.

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