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Leben in der Großstadt : Familien in Raumnot

Die deutschen Großstädte geben sich große Mühe kinderfreundlicher zu werden. Bezahlbarer Wohnraum ist für sie aber noch immer schwer zu ergattern. Bild: Theodor Barth/laif

Junge Familien haben es in den großen Städten schwer. Große Wohnungen sind rar, Kinder bei Vermietern unbeliebt. Auch die Politik kümmert sich lieber um den Schutz alteingesessener Mieter.

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          Spätestens mit Anfang 30 setzt die große Wanderung ein. Statistisch gesehen bekommen Frauen mit etwa 31 Jahren ihr erstes Kind. Dann wird schnell klar, dass die gemütliche Zweizimmerwohnung, 70 Quadratmeter in der Nähe der Altstadt, zu klein wird. Es fehlt mindestens ein Zimmer, eigentlich zwei. Schließlich soll der Nachwuchs kein Einzelkind bleiben. Und weil der Mann als freischaffender Grafiker tätig ist, sollte es auch noch ein Arbeitszimmer sein. Fünf Zimmer also, am besten in der Innenstadt, wo man es sich doch schon so schön eingerichtet hat.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Mit dem Blick in die Immobilienportale setzt die große Ernüchterung ein. Eine Wohnung - zentral, mit Balkon, vielleicht mit Gartennutzung (Altbau muss es ja schon gar nicht mehr sein) - ist entweder nicht bezahlbar oder gar nicht vorhanden. Tausende Familien in Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt machen derzeit diese Erfahrungen. Die Erklärung ist denkbar einfach: In Ballungszentren gibt es schlicht zu wenig Wohnungen.

          Für einen entspannten Mietmarkt müssten zwei Prozent des Bestandes leer stehen, nur so sei sichergestellt, dass jeder, der eine Wohnung sucht, auch schnell eine findet, rechnet der erfahrene Städteplaner Martin Wentz vor. In den neunziger Jahren war er Stadtplanungsdezernent in Frankfurt, bevor er 2001 eine Beratungsfirma gründete. In den großen Städten sind wir davon aber weit entfernt. In Frankfurt etwa gibt es derzeit etwa 30.000 Mietwohnungen zu wenig, damit ist die Versorgung nur zu 94 Prozent gesichert - und nicht etwa zu 102 Prozent. Deshalb regelt sich derzeit alles über den Preis: Immobilienmakler formulieren es deshalb gerne so: „Wohnraum ist da“, sagt etwa Dirk Metz. „Nur eben nicht zum gewünschten Preis.“

          Die Familien reihen sich ein in die Gruppe der vielen anderen Wohnungssuchenden, die unter dem knappen Immobilienangebot leiden. Nur ist ihre Situation noch etwas hoffnungsloser: Die Zahl der Wohnungen mit vier oder mehr Zimmern ist in Deutschland sehr beschränkt. Im Jahr 2011 war nur jede zehnte leerstehende Wohnung größer als 120 Quadratmeter.

          Außerdem können sie sich mit der Wohnungssuche nur dann ewig Zeit lassen, wenn sie gewillt sind, die Strapazen eines Umzugs auch noch mit einem Neugeborenen durchzustehen. Und es gilt noch immer: Familien sind nicht gern gesehen. Die Kinder zu laut und zu dreckig, welchem alteingesessenen Mieter kann man das schon zumuten? Vermietern eines Neubaus mit schönem Parkett erzähle man besser nicht, dass Nachwuchs im Anmarsch ist, erzählt einer, der schon seit Monaten eine Wohnung sucht. „Sonst bekommt man auf seine E-Mail-Anfrage nicht einmal eine Antwort.“

          Auf dem Wohnungsmarkt tobt gerade ein Konflikt, den niemand gerne offen anspricht: alteingesessene Mieter gegen junge Familien. Denn hinter dem bösen Wort der „Gentrifizierung“, der Verdrängung von ärmeren Haushalten aus einem Stadtteil, stecken nicht nur Immobilienhaie und Finanzbosse. Sondern eben auch viele junge Familien, meistens in der Kombination mit zwei arbeitenden Akademikern. Rechtsanwälte, Banker oder auch IMMs (Irgendwas mit Medien) drängen in die hippen Gegenden. Der Prenzlauer Berg in Berlin ist voller schwäbischer Kleinfamilien, die in der Metropole Großstadtluft schnuppern wollen - und es sich auch leisten können.

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