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Das Haus in Zeiten steigender Preise : Versuchen Sie einmal, ein Haus wegzutragen

Trautes Heim, Glück allein Bild: plainpicture/apply pictures

Immobilien sind eine ganz eigene Art von Eigentum: Man kann sie nicht verpflanzen, kann nicht einfach die Mieter feuern, und wenn es ganz schlimm kommt, werden sie auch noch Objekte von Spekulationsblasen. Ein Essay.

          Darf man sein Elternhaus verkaufen? Viele Leute zwischen Mitte 40 und Anfang 60 stehen irgendwann vor dieser Gewissensfrage. Die Eltern haben auf dem Land im eigenen Haus gelebt, die Kinder sind weit weggezogen. Wenn die Eltern sterben oder ins Altenheim wechseln, müssen die Nachfahren überlegen, was mit dem Haus passieren soll.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Verkaufen ist emotional nicht einfach. Dazu hängen zu viele Gefühle an dem Haus. Haben die Eltern sich dafür in der Nachkriegszeit nicht jeden Bissen vom Munde abgespart? Gibt es nicht noch das Kinderzimmer, mit dem man viele Erinnerungen verbindet? Selbst wieder in ihren Geburtsort zurückziehen, das wollen nur wenige. Und selbst wenn sie es wollten, fänden sie dort noch lange keinen entsprechenden Arbeitsplatz.

          Vermieten ist auch nicht sehr attraktiv. Jeder kennt aus seinem Bekanntenkreis die Geschichten von den Mietnomaden. Von Leuten, die das Haus herunterkommen lassen, den Garten ruinieren, Werte vernichten und das Eigentum zerstören. Man darf als Vermieter immer nur reparieren und investieren. Und wenn diese Mieter ihre Miete nicht regelmäßig zahlen, bekommt man sie nicht los. Ein Vermieter, der weit weg wohnt, hat es dabei ganz besonders schwer.

          Über das Wesen von Immobilien

          Was für Sorgen! All diese Schwierigkeiten hätte man nicht, wenn es sich um etwas anderes aus dem Hab und Gut der Eltern handeln würde als ausgerechnet ein Haus. Ein Auto, ein Möbel oder ein Wertpapier würden kaum Kopfzerbrechen bereiten. Offenbar gibt es Besonderheiten, wenn jemand ein Haus oder eine Wohnung sein Eigen nennt. Was ist das für eine besondere Art von Eigentum, das Wohneigentum?

          Viele Philosophen, Ökonomen und Juristen haben sich darüber Gedanken gemacht - und Eigentümlichkeiten herausgefunden.

          Ein Eigentümer ist in der langen liberalen Tradition von John Locke bis Friedrich August von Hayek jemand, der ein wichtiges Freiheitsrecht ausübt: Es umfasst vor allem die Verfügungsgewalt über das Eigentum. Einschließlich des Rechts zur physischen Kontrolle („right to possess“), der Nutzung („right to use“), dem Recht, das Eigentum zu verändern („right to modify“), es zu veräußern („right to alienate“) und es gegebenenfalls auch zu verbrauchen und zu zerstören („right to consume“).

          Die erste Besonderheit beim Wohneigentum nun ist ebenso trivial wie entscheidend: Ein Haus kann man nicht mitnehmen. Die Verfügungsgewalt, sonst das vornehmste Recht des Eigentümers, stößt hier unmittelbar an Grenzen. Wenn ich eine Uhr besitze, ein Schmuckstück oder ein Auto, kann ich diese bringen, wohin ich will. Beim Haus geht das nicht. „Immobilität“ - Unveränderbarkeit des Standortes - ist sogar gleichsam das Wesen von Immobilien. Die Kinder, die das Haus geerbt haben, können es nicht einfach in die Stadt holen, in der sie jetzt leben.

          Für den Staat eine sichere Sache

          Auch wenn einem die Nachbarn nicht passen, irgendwo zu viel Häuser gebaut wurden oder man womöglich den Niedergang der ganzen Region bemerkt - man kann das Haus nicht verlegen. Einmal abgesehen von wenigen Ausnahmen, bei denen historisch bedeutsame Denkmäler abgerissen und woanders mit viel Aufwand wieder aufgebaut wurden. Jeder Makler kann deshalb die drei Kriterien für den Preis einer Immobilie herunterbeten, an denen der Eigentümer nichts ändern kann: Lage, Lage, Lage.

          Gern macht sich der Staat diese Unflexibilität der Wohneigentümer zunutze: Wenn er Steuern oder Sonderabgaben auf Immobilien erhebt, so weiß er, dass die Steuerpflichtigen sich dem nicht so einfach entziehen können, indem sie ins Ausland gehen. Als Fluchtwährung sind Immobilien ungeeignet. Der Zugriff auf das Vermögen der Immobilienbesitzer in Krisenzeiten ist deshalb für den Staat eine ziemlich sichere Sache - und für die Eigentümer eine ständig lauernde Gefahr.

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