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Demographischer Wandel : Wenn Orte wachsen oder schrumpfen

Im Strom der Zeit: Ilvesheim wächst mit dem Neubaugebiet „Im Mahrgrund“ weiter an den Neckar heran. Bild: Kühfuss, Patricia

Deutschland driftet auseinander, wie Hiddenhausen und Ilvesheim. Hier verwaisen Häuser, dort fehlen sie. Doch der Wandel lässt sich gestalten. Ein Besuch in Ostwestfalen und Baden.

          7 Min.

          Es war ein kühler Februartag vor zehn Jahren, als Ulrich Rolfsmeyer bewusst wurde, dass es nicht so weitergehen konnte wie bisher. Der damals neugewählte Bürgermeister von Hiddenhausen in Ostwestfalen hatte bei Stadtplanern einen „Altersatlas“ in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wer denn überhaupt in seiner knapp 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde wohnt. Das Ergebnis zeigt ein Schaubild: Ein Plan des Ortes, der zeigt, wo Hochbetagte, Rentner und kleine Kinder wohnen. Das Bild ist bevölkert von Menschen mit Rollator und auf der Bank - den Symbolen für Hochbetagte und Rentner. Krabbelkinder muss man in diesem Wimmelbild mit der Lupe suchen. „Da war uns allen im Gemeinderat klar, dass wir etwas tun müssen. Sonst stehen hier in ein paar Jahren überall Häuser leer“, sagt Rolfsmeyer.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Etwa 300 Kilometer weiter südlich parkt Andreas Metz sein Auto vor einer Baustelle. Der Rohbau ist fertig, in ein paar Monaten werden hier, wo früher ein Einzelhaus stand, fünf Parteien in den Neubau einziehen. „Bislang hatten wir kaum Geschosswohnungsbau in Ilvesheim“, sagt der Bürgermeister des 6000 Einwohner zählenden Ortes zwischen Heidelberg und Mannheim. „Aber wir haben so einen Zuzug, dass wir nachverdichten müssen.“

          Hiddenhausen und Ilvesheim, zwei Gemeinden wie es in Deutschland Hunderte gibt: ländlich, aber ohne Kuhglockenromantik im Einzugsgebiet von Großstädten gelegen. Dicht an dicht stehen Häuser aus den sechziger Jahren, für Familien gebaut, deren Väter zum Arbeiten in die Stadt pendelten. Mit ihren Bewohnern sind die Gebäude alt geworden. Doch während in Ilvesheim jedes Haus, dessen Besitzer stirbt oder wegzieht, einen neuen Eigentümer findet, blieben sie in Hiddenhausen lange leer. Das formt den Charakter der Orte. In Ilvesheim sind viele der Siedlungshäuser modernisiert worden: Die Fassaden sind frisch gestrichen, die Dächer neu gedeckt, es wurde angebaut. In Hiddenhausen gibt es Straßen, in denen sich ein unsaniertes Haus an das andere reiht. Straßen, in denen sich „der Siebzigjährige wie das Küken fühlt“, wie Bürgermeister Rolfsmeyer sagt.

          Herausforderungen für Gemeinden: Zuwanderung und Alterung

          Deutschland wächst. Im vergangenen Jahr zogen 470.000 Menschen mehr nach Deutschland als auswanderten, das ist der höchste Stand seit 22 Jahren. Doch die Zuwanderer gehen vor allem in die Großstädte und in deren Speckgürtel, wo interessante Arbeitsplätze und ein breites Freizeitangebot locken. Auch junge Erwachsene und ältere Menschen zieht es vom Land in die großen Städte oder deren direkte Nachbarschaft, weil dort die Ausbildung gut ist und Ärzte und Einzelhändler fußläufig zu erreichen sind. Deutschland altert. Jedes Jahr sterben 200.000 Personen mehr, als hier geboren werden. Gleichzeitig leben die Menschen immer länger.

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          Zuwanderung, Binnenwanderung und Alterung stellen die Gemeinden vor große Herausforderungen. „Manche Kommunen in diesem Land müssen mit Bevölkerungswachstum umgehen, andere sind mit drastischer Schrumpfung konfrontiert“, sagt Carsten Große Starmann, der für die Bertelsmann Stiftung die Folgen des demographischen Wandels untersucht. Diese Entwicklung zeichnet sich schon länger ab, doch selbst Forscher sind erstaunt, wie schnell sie sich vollzieht: „Es ist überraschend, mit welcher Intensität sich wachsende und schrumpfende Regionen auseinanderentwickeln“, sagt Harald Herrmann, Leiter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt-, und Raumforschung, das gerade eine Studie zu dem Thema veröffentlicht hat. Diesen Wandel zu gestalten ist eine Herkulesaufgabe für die Kommunen - der sich nach Ansicht von Forschern noch viel zu wenige stellen. Dabei sind es nicht nur Großstädte, die wachsen, und der Osten, der Einwohner verliert.

          Auch viele Orte in Westdeutschland gehören zu den Verlierern der Veränderung und kleine Gemeinden können durchaus Profiteure sein - wie Ilvesheim: Zwischen 2008 und 2012 stieg die Bevölkerung der Gemeinde im prosperierenden Rhein-Neckar-Kreis um 840 Menschen, also um mehr als 10 Prozent. Außerdem ist die Gemeinde überdurchschnittlich jung: Die Geburten gleichen die Sterbefälle fast aus, und der Anteil an Kleinkindern ist sehr hoch.

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