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Lebensversicherungen : Die Kündigung ist teuer

Steht in der Kritik: die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bild: dpa

Eine Studie der Universität Bamberg beziffert Schäden auf 160 Milliarden Euro in zehn Jahren. Die Branche hält sie für nicht repräsentativ.

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          Lebensversicherungen zur Altersvorsorge haben einen entscheidenden Nachteil: Werden sie vorzeitig gekündigt, werfen sie deutlich weniger ab, als wenn der Kunde bis zum Laufzeitende durchhält. Das ist ein Teil der Vereinbarung, denn weil der Kunde dem Versicherer regelmäßig Beiträge überweist, kann der das Geld langfristiger anlegen als eine Bank. Deshalb werfen seine Kapitalanlagen ohne mehr Risiko höhere Renditen ab, die dem Kunden zugute kommen - wenn er nicht vorzeitig aussteigt. Denn in die Rückkaufswerte sind unter anderem Abschlusskosten eingerechnet, die auf die ersten Jahre statt die gesamte Laufzeit gestreckt werden.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Bislang fehlte es an einer seriösen Untersuchung, welchen Gesamtverlust Kunden erleiden, wenn sie vor Laufzeitende ihren Vertrag beenden. Andreas Oehler, Lehrstuhlinhaber für Finanzwirtschaft an der Universität Bamberg, hat am Freitag eine Studie vorgelegt, die eine Annäherung bieten soll. Er kommt für das vergangene Jahrzehnt auf einen Schaden von 160 Milliarden Euro, der den Versicherungsvermittlern und den Kunden zugute komme, die ihren Vertrag halten. Denn die sogenannten Stornogewinne sind eine der Quellen für die Renditen der bleibenden Verbraucher.

          Angemessen vor dem Risiko warnen

          „Wenn das Geschäftsmodell aber so notleidend geworden sein sollte, dass man auf die Kündigungen angewiesen ist, ist das ein Armutszeugnis für die Branche“, kritisiert Oehler. Für seine unabhängige Untersuchung hat er Daten der Verbraucherzentralen von 1115 gekündigten Verträgen der vergangenen zehn Jahre verwendet. Den durchschnittlichen Verlust von 4000 Euro hat er auf Branchenzahlen hochgerechnet und dafür eine Stornoquote von 6 Prozent aller Verträge jährlich angenommen. In einem alternativen Szenario mit 4 Prozent Storno kommt er auf einen Verlust von 100 Milliarden Euro. Würde die Verlustgefahr auf einem Produktinformationsblatt ganz oben erkennbar sein, könnte der Verbraucher vor diesem Risiko angemessen gewarnt werden, sagt Oehler. „Gäbe es aber diese Transparenz, würden viele Geschäftsmodelle der Versicherungsbranche nicht mehr funktionieren.“

          Beträchtliche Verluste: anteil der einbehaltenen Prämie und des Rücklaufwertes zum jeweiligen Stornozeitraum, klassische und fondsgebundene Renten- und Kapitalslebensversicherungen (in Prozent)

          Die Versicherer indes zweifeln die Zahlen an. „Die Studie ist nicht repräsentativ, weil von Einzelfällen auf die gesamte Branche geschlossen wird“, sagt ein Sprecher des Branchenverbands GDV. Die Daten der Verbraucherzentralen seien verzerrt, weil diese vor allem Kunden anzögen, die besonders stark gelitten hätten. Der Verlust je gekündigtem Vertrag sei mit 4000 Euro zu hoch veranschlagt, wenn man bedenke, dass die Abschlussprovision einer Police mit 30 Jahren Laufzeit und 100 Euro monatlicher Zahlung branchenüblich 1440 Euro betrage. Dabei sind allerdings nicht die anteiligen Verwaltungskosten eingerechnet. Zudem seien die Erträge höher ausgefallen als der unterstellte Anlageertrag, für den die Verzinsung von Bundesobligationen zugrunde gelegt wurde. Außerdem verwies der Sprecher darauf, dass die Stornoquoten in den vergangenen drei Jahren von 4 auf zuletzt 3,6 Prozent sanken.

          Die Verbraucherzentralen halten dagegen. Sie haben die Studie zwar nicht finanziert, waren aber bei der Präsentation am Freitag dabei. „Wir haben es mit einem gigantischen Schaden für den Verbraucher zu tun und sehen dringenden Handlungsbedarf“, sagt Gerd Billen, Vorsitzender von deren Bundesverband. Er fordert, die Provisionen auf die gesamte Laufzeit zu verteilen, damit nicht der Verkäufer seinen Gewinn schon zu Beginn einstreicht, während der Kunde ihn erst zum Schluss des Vertrags erhalte. Zudem müsste die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht mehr Kompetenzen erhalten. „Warum muss erst Professor Oehler kommen und die Daten zusammentragen? Bei der Bafin müsste eine rote Lampe angehen!“, sagt Billen.

          Die Versicherer halten es für eine „absurde Forderung“, die Provisionen zu strecken. „Das wäre nicht gerecht für die Existenzsicherung der Vermittler“, sagt der GDV-Sprecher. Einem 60 Jahre alten Vermittler sei nicht zuzumuten, erst in 30 Jahren die Vergütung eingesammelt zu haben. Oehler dagegen unterstützt die Forderung. Nur so wären Chancen und Risiken zwischen Verkäufer und Kunde gleich verteilt und der Vermittler habe ein Interesse an einer langen Laufzeit.

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