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Krankenversicherung : Lohnt sich die Privatversicherung noch?

Zurück in die Gesetzliche: Die Kosten der Privaten steigen noch schneller als die der gesetzlichen Krankenkasse Bild: dapd

Berechnungen über das ganze Leben sind nicht einfach: Als junger Mensch steigt man mit niedrigen Beiträgen ein, doch im Alter kann die Privatversicherung unbezahlbar werden.

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          Dieses Jahr kann Gesundheit richtig teuer werden. Nicht für alle, aber für viele der fast 9 Millionen Menschen, die sich privat krankenversichert haben. Die großen Krankenversicherungen haben ihre Beiträge zum Teil drastisch erhöht. So manche Versicherung kassiert 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Das gilt längst nicht für alle Tarife. Aber es reicht, um bei den Versicherten das Gefühl zu schüren, sie seien ihrer Krankenversicherung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Im Grunde sind sie es auch.

          Inge Kloepfer
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch wenn die privaten Krankenversicherer nicht immer so gierig sind - die Beitragssteigerungen sind durchweg ordentlich. Nach Berechnungen des unabhängigen Versicherungsanalysten Morgen & Morgen liegen die Prämienerhöhungen einschließlich der gestiegenen Selbstbehalte im Branchendurchschnitt bei 4,4 Prozent - nach 7 Prozent in 2011.

          Sparsam sind die Menschen gerade nicht

          Was im öffentlichen Gesundheitssystem seit jeher ein Thema ist, ereilt auch die privaten Versicherungen: die Kostensteigerungen. In den vergangenen zehn Jahren seien die Leistungsausgaben deutlich stärker gestiegen als in der gesetzlichen Krankenversicherung und auch als die allgemeine Preissteigerungsrate, sagt der Verband der Privaten Krankenversicherungen. Die Kalkulationen der Versicherungen müssten eben die Realität abbilden. Und die zeige: Privatversicherte nehmen immer mehr Leistungen in Anspruch.

          Durchschnittliche Erhöhung seit 2002 für eine(n) 40-jährigen Versicherte(n)
          Durchschnittliche Erhöhung seit 2002 für eine(n) 40-jährigen Versicherte(n) : Bild: F.A.Z.

          Dieser Trend lässt sich kaum drehen. Denn das Verhalten von Ärzten und Versicherten können die Versicherungen kaum ändern. Stefan Bause, Krankenversicherungsexperte der Beratungsgesellschaft Towers Watson, sieht zwei Schuldige: erstens die Privatversicherten, die für ihre steigenden Prämien von ihrer Krankenversicherung eine optimale Versorgung erwarten; und zweitens die Ärzte. Für die nämlich besteht angesichts der Kostendeckelung im staatlichen System ein gewisser Anreiz, über Privatpatienten mehr abzurechnen. Eine private Krankenversicherung lohne sich im Grunde nur, wenn alle sparsam seien - so lautet das Fazit des Experten. Aber sparsam sind die Menschen gerade nicht.

          Unter den Kostensteigerungen ächzen allerdings nicht nur die privaten Versicherungen, sondern natürlich auch die gesetzlichen Kassen. Da bekommt der Versicherte die fortdauernde Kostenexplosion allerdings weniger als Beitragserhöhung zu spüren - stattdessen werden die Leistungen gekürzt, die Wartezeit bis zum Termin steigt, Praxisgebühr und Zuzahlung werden erhoben. Entkommen also können die Menschen den Kostensteigerungen im Gesundheitssystem weder hier noch da. Die Frage bleibt, wo sie glimpflicher davonkommen: bei der privaten Krankenversicherung oder im gesetzlichen System.

          Rückkehr in die Obhut das Staates

          Von 50.850 Euro Jahreseinkommen an kann sich jeder Bürger für eine private Krankenversicherung entscheiden. Das taten im vergangenen Jahr 236.000 Menschen und damit 76.300 mehr, als in die Gesetzliche zurückkehrten. Dieser Trend ist seit Jahren ungebrochen. Wer auch heute noch wechseln will, muss aber ein paar Dinge bedenken. Ganz grob gerechnet, kann er über die Versicherungsdauer mit Beitragssteigerungen von durchschnittlich fünf Prozent im Jahr rechnen. Über ein ganzes Leben gerechnet, ist das alles andere als harmlos. Steigt man als junger Mensch mit einem Tarif von 100 Euro in die Privatversicherung ein, dann zahlt man nach 10 Jahren bereits 163 Euro, nach 20 Jahren fast 265 Euro und am Ende - bei durchschnittlicher Lebenserwartung - über 1300 Euro. Hajo Köster, Justitiar beim Bund der Versicherten, sagt es sehr deutlich: „Ein Wechsel aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung sollte nur erwägen, wer neben seinen Arbeitseinkünften noch andere stabile Einkommensquellen hat.“ Mit anderen Worten: nur Menschen mit Vermögen.

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