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Gentherapie : Wenn die Künstliche Intelligenz Aktien auswählt

Ein Schritt des CRISPR/Cas9-Verfahrens ist in einem Labor am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in vielfacher Vergrößerung auf einem Monitor zu sehen. Bild: dpa

Was wie ein Zukunftsszenario klingt, ist bei JP Morgan AM schon Wirklichkeit. Dort sucht die KI Themebot nach attraktiven Unternehmen. Das kann die Kosten für Anleger drücken, lohnt sich aber nicht für jedes Thema.

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          „Unnatural Selection“, zu Deutsch: „Unnatürliche Auswahl“, heißt eine auf Netflix laufende Dokumentation über Gentherapien. In ihr werden Wissenschaftler, Hobby-Biologen und Menschen, die an einer genetischen Erkrankung leiden, begleitet. In sehr dramatischen Zügen wird in der Serie ein Zukunftsbild gezeichnet, in dem durch Gentherapien Übermenschen entstehen könnten und Personen nach Lust und Laune Genome modifizieren. Die Entdeckung des Enzyms Crispr-Cas9 im Jahr 2012, besser bekannt als Genschere, war für viele Forscher der Beginn eines neuen Zeitalters für die Medizin. Auch immer mehr Unternehmen haben den Weckruf gehört.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Mittlerweile gibt es auch einige börsennotierte Unternehmen, die zum Thema Gentherapie forschen und daher auch für Anleger interessant sind. Zu ihnen gehören unter anderem Editas Medicine oder Crispr-Therapeutics. „Das Interesse der Kunden an dem Thema ist riesig“, sagt Sherene Ban, Produktspezialistin bei JP Morgan Asset Management. Sie betreut einen der ersten aktiv verwalteten Fonds, der durch eine Künstliche Intelligenz (KI) zusammengestellt wird, den „Genetic-Therapies-Fund“. Eine „unnatürliche Selektion“ findet denn auch bei der Vorauswahl der Unternehmen für den Themenfonds statt. Gefunden werden diese von einer KI.

          Arbeit am Genom mithilfe der Genschere Crispr-Cas9.
          Arbeit am Genom mithilfe der Genschere Crispr-Cas9. : Bild: Massih Media für Max-Planck-Gesellschaft

          Aktien suchen wie bei Google

          Doch wie arbeitet solch ein Programm genau? Während die meisten Gespräche über KI in der Vermögensverwaltung sehr vage bleiben und der exakte Einsatz nicht selten nebulös bleibt, wirft Sherene Ban während des Gesprächs mit der F.A.Z. den Projektor an, der mit ihrem Laptop verbunden ist. Sie könne das Programm erklären, sagt die Princeton-Absolventin. Es zu zeigen, sei aber eingängiger – und eindrucksvoller.

          Ban tippt den Begriff „Genetic Therapies“ in die Suchzeile des Programms. Dabei wählt sie nicht nur das übergeordnete Thema Gentherapien aus, sondern auch, welche Begriffe sie exakt mit ein- oder explizit ausschließen will. Themebot, so heißt das thematische Anlagesystem von J.P. Morgan AM, sucht dann aus einem Anlageuniversum von mehr als 10.000 Aktien und fünf Terabyte Daten die gewünschten Unternehmen heraus. Dabei filtert das System unter anderem Nachrichtenartikel, Unternehmensprofile, Forschungsergebnisse und Zulassungsunterlagen. Am Ende bleiben dann nur rund 200 Unternehmen übrig, die in die engere Auswahl gelangen.

          „Themebot funktioniert im Prinzip wie die Suche bei Google“, sagt Ban. Es wird das gewünschte Anlagethema in das Suchfeld eingegeben, und die Maschine spuckt alle möglichen Antworten aus. Nur dass die KI wie ein Mensch denke, ergänzt Ban. Denn sie gewichte und bewerte die Unternehmen direkt – nach zwei Kriterien: inhaltlicher Relevanz und Umsatz. Je nachdem wie diese ausfallen, werden die Papiere der jeweiligen Unternehmen dann entweder über- oder untergewichtet.

          Dass nach beiden Kriterien gesucht werde, ergebe sich aus den möglichen Fallstricken, ergänzt Ban und sagt, dass man sogenannte False Positives vermeiden wolle. Zum Beispiel wenn der Name von Unternehmen aufgrund einer bestimmten Berichterstattung besonders oft in der Suche vorkomme. „Facebook war beispielsweise immer wieder Opfer von Cyber-Attacken“, erklärt sie. Dementsprechend oft traten die beiden Begriffe im Tandem auf: Facebook und „Cyber“. Wenn man nach einem Cyber-Security-Unternehmen suche, bekomme Facebook plötzlich ein besonders hohes Gewicht, obwohl der Konzern natürlich gar kein Cyber-Security-Unternehmen sei. Daher suche Themebot auch nach einem weiteren Kriterium, dem Umsatz, den das Unternehmen in dem gesuchten Bereich erwirtschafte.

          Crispr-Therapeutics

          CRISPR THERAPEUT. SF -,03

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          Editas Medicine

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          Fonds zu allen Themen möglich

          Doch auch die Umsätze allein seien nicht aussagekräftig genug, sagt Ban. Die Unternehmen lediglich nach ihren Gesamtumsätzen zu gewichten liefere ein verzerrtes Bild. Dann hätten schnell große Pharmakonzerne wie Roche und Novartis ein entsprechend hohes Gewicht im Portfolio. Wie viel sie aber genau mit dem Teilbereich Gentechnik verdienten, sei damit nicht geklärt. In vielen Mischkonzernen sei nicht immer klar ausgewiesen, wie viel genau in den einzelnen Sparten verdient werde. Themebot schätzt die Einnahmen.

          Darüber hinaus seien den Kundenwünschen mit dem Themebot keine Grenzen gesetzt. Man verfolge dabei keine besondere Philosophie, sagt Ban. Nahezu jedes Anlagethema sei mit dem Programm umsetzbar, nicht nur Gentherapien. Beispiele sind E-Sports und Bildung. Themenfonds werden in der Regel aktiv von Fondsmanagern zusammengestellt und verwaltet. Zu detailliert und kleinteilig ist die Suche. Die menschliche Komponente macht aktives Management vergleichsweise teuer. Für Kunden belaufen sich die laufenden Gebühren für den Gentherapie-Fonds denn auch irgendwo zwischen aktivem und passivem Management; sie betragen 1,02 Prozent.

          KI kann Menschen nicht ersetzen

          Zwar kann KI den Fondsmanagern einen großen Teil der Arbeit abnehmen. Alles jedoch nie, ergänzt Ban. „Sie ist ein unterstützendes Werkzeug und ersetzt den Portfoliomanager nicht.“ Ban bleibt pragmatisch: Es ist ein skalierbares Werkzeug und ist viel effizienter als der Mensch. So könne man schneller individualisierte Portfolios erstellen.

          Nicht alle Wünsche und Forderungen von Kunden seien für diese Art des Fondsmanagements jedoch sinnvoll, betont Ban. Themebot zu nutzen, um einen Large-Cap-Fonds mit großen Unternehmen aufzusetzen, sei unsinnig. „Wir schauen auf kleine Unternehmen, bei den großen ist die Arbeit schon getan.“ Für Mainstream-Fonds lohne sich der Einsatz des Themebots also nicht, für Anlagethemen wie Gentherapie schon, sagt Ban. Wer genau das Rennen mache und sich vor allen anderen Unternehmen durchsetze, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, sagt Ban. „Wir investieren in das Thema und nicht in einzelne Werte.“

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