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Nach Pleite von Thomas Cook : Zurich verlangt klarere Regeln für insolvente Reiseanbieter

Bei der insolventen Deutschland-Tochter des Reisekonzerns Thomas Cook in Oberursel gehen die Lichter aus. Bild: dpa

Wenn große Reise-Veranstalter insolvent gehen, reicht die Haftungsgrenze von 110 Millionen Euro dann oft nicht aus. Die Tochtergesellschaft des Schweizer Versicherers will das ändern.

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          Die Kunden des insolventen Reiseveranstalters Thomas Cook werden noch vor Weihnachten erfahren, welche Ansprüche ihnen aus dessen Reisepreisabsicherung zustehen. Die Zurich Deutschland, die den Pauschalreiseanbieter über einen Insolvenzschutz versichert hat, wird in den kommenden Tagen bekanntgeben, in welchem Ausmaß ihnen Zahlungen aus der auf 110 Millionen Euro gedeckelten Police zustehen. „Wir können nicht mehr länger warten mit unserer Auszahlung, wir müssen auszahlen, sobald die Quoten feststehen“, sagte Zurich-Schadenvorstand Horst Nussbaumer der F.A.Z.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Tochtergesellschaft des Schweizer Versicherers verbindet diese Ankündigung mit der Hoffnung, der unzureichende Deckel von 110 Millionen Euro je Reiseanbieter werde neu geregelt. In dieser Woche hat das Bundesministerium für Verbraucherschutz mit Reiseanbietern und Versicherern Gespräche aufgenommen, um aus der unbefriedigenden Unterstützung für Thomas-Cook-Kunden im September zu lernen. Die derzeitige Regelung zwingt Versicherer, Reisende zurückzuholen. In Großbritannien organisiere eine staatliche Stelle ihre Rückführung. Zudem gebe es die Varianten, die Reisenden selbst ihre Rückreise organisieren und bezahlen zu lassen oder durch Garantien sicherzustellen, dass sie ihren Urlaub regulär beenden können.

          Tatsächlich komme nur eine Variante in Frage. Das zwinge Versicherer, bis zur Verpflichtungssumme von 110 Millionen Euro für Kunden geradezustehen. Wie in solchen Verträgen üblich trägt der Versicherer einen Selbstbehalt, von einer zuvor festgelegten Schadensgrenze an springt ein Rückversicherer ein. Wenn der Haftungsdeckel durch den Insolvenzfall überschritten wird, müsse der Versicherer alle Betroffenen gleich behandeln. „Die Rückführung ist eine Ja/Nein-Entscheidung. Wir können Reisende ja nicht zu 30 Prozent zurückholen“, sagt Nussbaumer. Die gesetzlich verlangte Gleichbehandlung lasse sich nicht so leicht erfüllen. Deshalb regt der Zurich-Vorstand an festzulegen, dass Reiseveranstalter für die Rückreise verantwortlich sind und Insolvenzversicherer den Teil des Schadens begleichen, der innerhalb des Limits liegt.

          Im Fall der Thomas-Cook-Insolvenz habe der Versicherer innerhalb von zwölf Stunden reagieren und ohne fachliche Netzwerke helfen müssen. „Es gab kaum Vorbereitungen durch den Reiseveranstalter“, sagt Nussbaumer. „Wir sprachen Garantien für die Reisenden in den Hotels und für die Kosten der Rückflüge aus.“ 100.000 von 140.000 betroffenen Urlaubern besaßen den Schutz durch die Zurich. Hotelbetreiber und Tourismusverbände in den Reiseländern seien nur zu beruhigen gewesen, indem ihnen der Versicherer 50 Prozent aller garantierten Verpflichtungen (keine Barzahlung vor Ort, Rückflug durch die Fluglinien) als Anzahlung überwiesen hat. Zudem half das Kriseninterventionszentrum der Bundesregierung. „Das muss repariert werden, weil es keine typische Versichereraufgabe ist, Hotels oder Fluglinien zu organisieren“, sagt Nussbaumer. Die Logistik sei nur zu bewältigen gewesen, weil andere Reiseanbieter die Zurich unterstützten.

          Den gesetzlichen Deckel von 110 Millionen Euro je Anbieter hält Nussbaumer für unzureichend. „Für einen angemessenen Versicherungsschutz macht es einen Unterschied, ob das Reiseunternehmen 50 Millionen oder eine Milliarde Euro Umsatz hat“, sagt er. Ein größerer Anbieter müsse mit einem größeren Limit ausgestattet werden. „Durch die nun von diversen Stellen aufgeworfene Diskussion, dass die Rückführungskosten nicht Teil der Versicherungssumme sind, würden Versicherer unkalkulierbare Risiken eingehen“, sagt er. Trotz dieser unbefriedigenden Lage zögen sich Versicherer seiner Erwartung nach nicht aus diesem Geschäftsfeld zurück. „Wir sind so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Ziehen wir uns zurück, tragen wir dazu bei, den Versicherungsfall auszulösen“, sagt er. Auch im Fall Thomas Cook sei das nicht in Frage gekommen, weil es die Insolvenz beschleunigt hätte.

          An den Gesprächen mit dem Verbraucherschutzministerium nimmt Nussbaumer mit Vertretern des Versichererverbands GDV und der Reisebranche teil. „Ich erwarte mir davon Klarheit, wie die Regelung in der Zukunft für alle Beteiligten aussehen wird“, sagt er. Im Fall Thomas Cook sieht die Zurich ihre Verpflichtung erfüllt, sobald sie die 110 Millionen Euro gleichmäßig an betroffene Kunden verteilt hat. Weitere Ansprüche aus der Insolvenzmasse oder der Staatshaftung könnten hinzukommen.

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