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Wirtschaft im Fernsehen : Micaela Schäfer und die Handy-Abzocker

Micaela Schäfer bringt immer ein paar Zuschauer – auch dem ZDF. Bild: dpa

Für den Verbraucherschutz tut das ZDF alles. Dafür muss sich selbst ein Erotikmodell vor laufender Kamera ausziehen. Öffentlich-rechtliche Aufklärung - vielleicht läuft die Dokumentation über Abofallen auch deshalb erst weit nach 22 Uhr.

          3 Min.

          Bedrohliche Musik über Smartphone-Bildern und ein Sprecher aus dem Off berichtet: „Viele Deutsche wundern sich über das scheinbare Eigenleben ihres Handys.“ Aha? Warum? „Seltsame Positionen auf der Rechnung treiben die monatlichen Kosten ungewollt in die Höhe.“ Nächste Einstellung – ein Betroffener, offensichtlich aus Bayern. Er versichert: „I hobb nie woss genutzt, es steht nur auf der Rechnung.“ Eine Frau zeigt eine SMS auf ihrem Handy. Dort ist die Rede von der Einrichtung eines „Service-Content Abo mit max. 9,99 Euro/Woche“. Sie weiß von nichts: „Ohne Vorwarnung, ohne alles, ich hatte nur dieses Video geguckt.“

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Damit ist der Ton angeschlagen, die Linie gelegt. Die Story ist schnell erzählt, sie läuft ungefähr so: Böse Geschäftemacher legen Mobilfunk-Nutzer mit Handy-Abo-Fallen herein. Mit einem Klick werden Gebühren für obskure Dienste fällig, die die Kunden eigentlich gar nicht wollen.

          Zwar ist das Abzocken seit 2012 nicht mehr so einfach: Online-Bestellvorgänge müssen seitdem mit einem dicken Kaufen-Button versehen sein. Doch dieses Gesetz werde offenbar immer wieder umgangen, die Quittung komme mit der nächsten Handyrechnung, mit wöchentlichen Kosten für Abo-Dienste im Erotik- oder Spielebereich zwischen vier und zehn Euro.

          „Inkassobüro für betrügerische Drittanbieter“

          Wie groß ist das Problem? Da gibt es nur Schätzungen, aber es sind relevante Zahlen. Angeblich sei jeder achte Handy-Nutzer betroffen, man habe 35.000 Kunden gezählt, die Probleme gehabt hätten, ihr ungewolltes Abo zu kündigen. Fachleute gehen den Angaben zufolge von einem Schadensbetrag im dreistelligen Millionenbereich aus.

          Es ist also aller Ehren wert, Licht in dieses Geschäftsgebaren zu bringen, das sich in der Grauzone der Telekommunikation und am Rande des Legalen bewegt. Und das Telekommunikationskonzerne wie Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica letztlich indirekt unterstützen, indem sie die Zahlungen über ihre Rechnungen abwickeln – als „Inkassobüro für betrügerische Drittanbieter“, wie die Grünen beklagen.

          „Auf solchen Seiten treibe ich mich nicht rum“

          Filmemacher Marc Rosenthal kommt in 28 Minuten zu einigen interessanten Erkenntnissen. Er besucht in Berlin einen Strohmann, der Hartz IV bezieht und ein kleines Zubrot als sogenannter Treuhänder für 40 Unternehmen verdient, die allzu viel Öffentlichkeit scheuen. Er besucht Zahlungsabwickler wie Dimoco, die sich seriös geben, aber am Geschäft von Aboanbietern wie Cocopepper gut mitverdienen.

          Und er besucht einen Sicherheitsexperten, die erzählt, wie der Trick funktioniert: Dass Betroffene wie der Kfz-Meister Michael Lachner oder der Berufsschullehrer Björn Richter aus Neumünster Stein auf Bein schwören, nie ein Erotikabo abgeschlossen zu haben („Auf solchen Seiten treibe ich mich nicht rum“), aber doch irgendwie in die Falle gegangen sind.

          Nackter Verbraucherschutz

          IT-Spezialist Marco Di Filippo klärt auf: „Viele Abos werden den Leute untergeschoben.“ Angreifer können demnach auf dem Bildschirm den obligatorischen Zahlbutton überlagern, mit einem anderen Fenster. In anderen Worten: Kunden klicken auf harmlose Buttons und merken gar nicht, was virtuell wirklich darunter- und dahintersteckt.

          Und jetzt werden Rosenthal und das ZDF originell. Leider auch allzu boulevardesk. Sie lassen Di Filippo eine „Abzock-App“ bauen, die genau so funktioniert. Und in dieser App spielt ausgerechnet das notorische Nacktmodell Micaela Schäfer eine dominante Rolle. Mit Fotos von ihr will man Kunden locken – natürlich nur im Sinne der guten aufklärerischen Sache.

          Wie dieser „Erotikpremiumdienst“ namens Fixxstars entsteht, mit dem man - „natürlich nur zum Schein“, wie versichert wird - ins Handyabogeschäft einsteigen wolle, wird ausführlich dokumentiert. Der Tatort: Ein Fotostudio in Berlin. „Die Aufgabenstellung ist: Wir basteln uns einen Premiumdienst. Und dazu brauche ich Fotos, viele schöne Fotos“, doziert Rosenthal, und Micaela Schäfer nickt verständnisvoll dazu – schließlich wurde sie als „Lockvogel“ angeheuert.

          Und wer es noch nicht weiß, den klärt der Off-Sprecher auf: Schäfer sei „in der Erotikszene ein Star“. Und: Bilder von ihr sind begehrt.“ Sie werden gerade frisch hergestellt. Der Produktion der Fotoköders darf der Zuschauer live beiwohnen. Eine gute halbe Minute dauert im Film die Session, in der sich Schäfer vor der Kamera räkelt.

          Gut, dass wir die Guten sind

          Muss das sein? Wäre die Zeit nicht vielleicht besser genutzt worden, den Zuschauern zu erklären, wie sie bei ihren Telefongesellschaften die sogenannte Drittanbietersperre einschalten lassen, mit der man die teuren Premiumdienste, die allzu häufig dem Abzocken dienen, sperren kann? Am Ende ziehen die Aufklärer ihr Fazit: Mit der eigenen Abzock-App, die kurz online war, habe man fast 38.000 Menschen erreicht, und 557 haben den versteckten Abo-Button angeklickt.

          Man hätte also einige tausend Euro verdient. Gut, dass das ZDF zu den aufklärerischen Guten gehört. Die Nutzer erhielten die Info, eigentlich sei das hier eine Abofalle, aber sie hätten nochmal Glück gehabt: Eine Info zur Sendung gab‘s kostenlos dazu.

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