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Sparpotential : Gas kann halb so teuer sein

Wer beim Gas sparen will, sollte jedes Jahr wieder nach den Preisen schauen. Bild: dpa

Verbraucher zahlen oft zu viel für Gas. Durch einen Wechsel des Anbieters lassen sich leicht mehrere hundert Euro sparen. In manchen Städten lassen sich die Kosten sogar halbieren.

          Wenn in diesen oder den nächsten Tagen die Gasabrechnungen für das vergangene Jahr eintrudeln, können sich viele Haushalte freuen. Denn ihre Kosten fallen - gleichbleibender Verbrauch vorausgesetzt - geringer aus als ein Jahr zuvor, weil 2015 rund ein Drittel der deutschen Versorger die Gaspreise gesenkt hat.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fraglich ist indes, ob Verbraucher die Ersparnis um durchschnittlich fünf Prozent beziehungsweise rund 70 Euro überhaupt bemerken: Allzu oft werden Jahresabrechnungen nur flüchtig zur Hand genommen und abgeheftet. Diese Bequemlichkeit hat ihren Preis, denn die meisten Haushalte könnten über die Preissenkung hinaus eine Stange Geld sparen, wenn sie sich nicht auf ihren örtlichen Gasnetzbetreiber und dessen Preispolitik verließen, sondern es sich zur Angewohnheit machten, alle verfügbaren Angebote zu vergleichen.

          Ein Tarifwechsel kann sich lohnen

          Eine Familie mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden kann in der Regel mehrere hundert Euro pro Jahr sparen, wenn sie in den günstigsten Tarif wechselt und dabei von Bonuszahlungen profitiert. So muss ein entsprechender Haushalt in Frankfurt 1575 Euro pro Jahr im Grundversorgungstarif und immer noch 1247 Euro im Sondertarif an den örtlichen Gasnetzbetreiber überweisen, während der günstigste Tarif eines alternativen Lieferanten laut dem Vergleichsportal Verivox bei gerade einmal 801 Euro liegt (siehe Tabelle).

          In manchen Städten lassen sich die Kosten sogar halbieren. In Schwerin kostet die Grundversorgung 1956 Euro, das beste verfügbare Angebot liegt dagegen bei 959 Euro. Das Vergleichsportal Check24 hat errechnet, dass die Preise der Grundversorgung im vergangenen Monat im Schnitt 51 Prozent höher lagen als jene der alternativen Lieferanten. Warum also nicht ein wenig Zeit für einen Preisvergleich nehmen und womöglich den Tarif wechseln?

          Der deutsche Verbraucher ist allerdings, was die Energiekosten angeht, ziemlich träge. Gerade einmal jeder zehnte Haushalt hat 2014 den Lieferanten gewechselt, nicht zuletzt aufgrund eines Umzugs. Vier von fünf deutschen Haushalten halten ihrem kommunalen Grundversorger die Treue, hat der jüngste Bericht von Bundesnetzagentur und Kartellamt ergeben. Die allermeisten Kunden haben zwar einen Sondervertrag, doch lässt sich immer noch knapp jeder Vierte sein Gas über einen in der Regel deutlich teureren Grundversorgungstarif liefern.

          Energieexperten ist es schon seit Jahren ein Rätsel, warum die Verbraucher zwar jede Bewegung des Benzinpreises verfolgen und beim Kauf von Konsumgütern nach Schnäppchen jagen, sich aber kaum um ihre Energiekosten kümmern. Dabei könnten sie gemeinsam gehörig dazu beitragen, dass sich der Wettbewerb verstärkt. Wenn nämlich immer mehr Verbraucher den Anbieter wechselten, käme dies nicht nur ihrer eigenen Haushaltskasse, sondern auch allen anderen zugute. Auch das Kartellamt ermuntert die deutschen Gaskunden, öfter einen Wechsel ins Auge zu fassen, um die Gaslieferanten unter Preisdruck zu setzen.

          Lieferanten locken mit Boni

          In den zurückliegenden Wochen haben sich vor allem die Grundversorger einige Kritik anhören müssen, weil sie ihre binnen zwei Jahren um rund ein Drittel gesunkenen Anschaffungspreise nicht in ähnlichem Umfang an die Verbraucher weitergegeben haben. Andernfalls hätte ein Vierpersonenhaushalt mit einem jährlichen Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden 132 Euro weniger zahlen müssen, heißt es in einer Studie von Energy Comment im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion. Die Einsparungen an den Endkunden weiterzugeben, halten die Grundversorger dagegen, sei gar nicht so ohne weiteres möglich. Schließlich machten die Beschaffungskosten nur rund die Hälfte des Preises der Endkunden aus. Die andere Hälfte entfällt auf die Entgelte für das Gasnetz sowie Steuern und Abgaben. Gleichwohl haben laut Verivox 198 der mehr als 700 Gasversorger zum 1. Januar die Preise gesenkt, und zwar im Schnitt um 4,7 Prozent.

          Obwohl Verbraucher in den meisten Kommunen aus bis zu 100 Anbietern wählen können, halten sich die allermeisten zurück. Nur jeder Fünfte vertraut derzeit alternativen Lieferanten - bei leicht steigender Tendenz. An Anreizen zum Wechseln mangelt es nicht, denn Lieferanten locken mit Boni. Für das erste Jahr gibt es oft einen sogenannten Neukundenbonus, ein zusätzlicher Sofortbonus wird in der Regel wenige Wochen nach Lieferbeginn überwiesen. Diese Bonuszahlungen können gut und gerne 200 Euro ausmachen. „Für die meisten Verbraucher rechnen sich die Boni“, sagt Florian Krüger von Verivox. Vorsicht ist allerdings bei Paketen geboten.

          Wer beispielsweise einen Tarif über 30.000 Kilowattstunden wählt, dann aber tatsächlich weniger verbraucht, bekommt kein Geld zurück. „Die persönliche Ersparnis ist am größten, wenn man jedes Jahr wieder nach den Preisen schaut“, sagt Krüger. Warum also die Zurückhaltung der deutschen Gaskunden? Die Angst, in einer kalten Wohnung sitzen zu müssen, ist jedenfalls unbegründet. Denn der kommunale Anbieter bleibt zur Grundversorgung verpflichtet.

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