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Währungskrise : Türkei-Urlaubern bringt der Verfall der Lira wenig

Beim Essengehen können deutsche Urlauber sparen, wenn sie in Lira bezahlen. Bild: AFP

Jetzt schnell in die Türkei reisen, wo die Währung billig ist? Experten winken ab: Urlauber sparen weniger als gedacht. Das liegt vor allem an der Art, wie die meisten buchen.

          Zumindest in Einkaufsstraßen und auf dem Basar können Türkei-Urlauber mehr Schnäppchen ergattern als zuvor. Der Absturz der Landeswährung Lira im Verhältnis zum Euro lässt für Reisende während ihres Aufenthalts vieles günstiger werden – genau genommen nahezu alles, was sie in der Türkei in Lira bezahlen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf insgesamt günstigere Reisen können Urlauber allerdings nicht spekulieren. „Zum einen schlägt sich der Wertverfall der Währung bei einer Pauschalreise nicht unmittelbar nieder. Die eingekauften Hotel- und Flugpreise werden langfristig verhandelt“, sagte Ralph Schiller, Geschäftsführer des Reiseveranstalters FTI der F.A.Z. „Zum anderen bucht die Mehrheit der Türkeireisenden All-Inclusive-Aufenthalte und hat so vor Ort nur wenig Ausgaben in Landeswährung.“ Souvenirs, Speisen, Ausflugstickets und Mietwagenbuchungen vor Ort sind für Besucher aus dem Euroraum aber zuletzt deutlich günstiger geworden. Denn für einen Euro erhielten sie im Tausch am Montag schon bis zu 8 Lira, vor einer Woche waren es erst etwa 6 Lira, zu Jahresbeginn nicht einmal 5 Lira.

          Doch die schon im vergangenen Jahr zwischen Reiseveranstaltern und Hoteliers vereinbarten Übernachtungsraten verhindern, dass Pauschalreisende in der Türkei günstiger residieren. Auch für die europäischen Reisekonzerne gibt es kaum positive Effekte aus dem Lira-Absturz. „Die Reiseveranstalter haben keine Preisvorteile durch den Werteverfall der Währung, da der Hoteleinkauf in Euro stattfindet“, sagt Schiller.

          Reisekonzerne kaufen in Euro

          Wenn Reisekonzerne wie TUI, Thomas Cook und FTI für ihre Kunden Hotelkontingente an den Küsten von Antalya, Alanya und Belek einkaufen, bezahlen sie in Euro. Reiseanbieter aus Russland, dem mittlerweile stärksten Herkunftsland von Türkei-Urlaubern, rechnet mit Herbergsbetreibern überwiegend in Dollar ab – und somit unabhängig von den aktuellen Wechselkursänderungen. Eine Ersparnis könnte sich für Urlauber nur dann ergeben, wenn sie die Unterkunft erst vor Ort buchen.

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          Für die Herbergsbetreiber an den Badestränden hat das ein Gutes, sie können mit festen Einnahmen je Gast kalkulieren und erhalten obendrein Devisen. Unklar ist, ob die Konzerne für das kommende Jahr versuchen, niedrigere Preise bei Hoteliers durchzusetzen. Gestiegene Buchungszahlen aus Deutschland und die anhaltend starke Nachfrage aus Russland dürften aber wenig Spielraum lassen.

          „Die Türkei verzeichnet in der aktuellen Sommersaison hohe Buchungszuwächse, unabhängig vom Wechselkurs“, heißt es von TUI. Insgesamt liege die Türkei im Ranking der beliebtesten Reiseziele aus dem Konzernangebot auf Platz drei. Ähnlich äußert sich FTI-Geschäftsführer Schiller: „Insbesondere die Anzahl der langfristigen Buchungen ist in den vergangenen Monaten angestiegen.“ Im Juni hatte FTI von einem Buchungsstand von 30 Prozent über dem Vorjahresniveau berichtet.

          Urlauberzahlen aus Deutschland steigen

          Norbert Fiebig, der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), hatte jüngst im F.A.Z.-Gespräch gesagt: „In der Türkei sind wir zwar noch nicht wieder ganz auf dem Rekordniveau von 2015 mit 5,6 Millionen Gästen aus Deutschland, wir nähern uns aber wieder sehr deutlich dieser Bestmarke.“

          In der Vergangenheit hatten erst Anschläge, dann der Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan und danach dessen Drohgebärden bis hin zur Festsetzung Deutscher abschreckend auf Urlauber gewirkt. Das galt zuletzt immer weniger. Im Juli hatte Erdogan den Ausnahmezustand, der seit dem Putschversuch 2016 galt, aufgehoben. Das Auswärtige Amt milderte seine Reisehinweise ab.

          So sehr sich die Reisekonzerne mühen, dass die Vorgänge in der Türkei keine Folgen auf ihr Geschäft haben, so skeptisch reagieren Anleger an der Börse. Zum Wochenauftakt sackten die Aktienkurse von TUI und des Wettbewerbers Thomas Cook um mehr als 2 Prozent ab. Auch die Kurse von Fluggesellschaften, die die Türkei ansteuern, sanken.

          Derzeit überwiege die Angst vor einem wirtschaftlichen Kollaps des Landes, kommentierte Analyst Neil Wilson von Markets.com die Kursverluste. Es wachse die Sorge, dass Reisende erwägen könnten, ihren Urlaub in einem anderen Land zu verbringen. Und belastender als schwankende Hotelpreise sind für Reisekonzerne stets vorab gesicherte Zimmerkontingente, die sie nicht an ihre Urlaubskunden vermittelt bekommen.

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