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Wegen Emissionshandel : Strompreis auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren

Jede Umdrehung könnte bald teurer werden. Das hat das Internetportal Check24 am Dienstag berichtet. Bild: dpa

Der Strompreis könnte bald deutlich steigen. Denn die EU-Kommission hat beschlossen, die Zahl der CO2-Zertifikate deutlich zu verknappen. Damit steigt deren Preis.

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          Auf Verbraucher könnten weiter steigende Strompreise zukommen. Das hat das Internetportal Check24 kürzlich berichtet. Der Strom im Großhandel sei so teuer wie seit sechs Jahren nicht mehr. Bislang hätten vor allem Netzentgelte, Steuern und Abgaben den Preis für Endkunden in die Höhe getrieben. Aber jetzt befänden sich die Einkaufspreise für Energieversorger auf Rekordniveau.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Grund dafür seien vor allem die gestiegenen Kosten für CO2-Zertifikate. „Verbraucher zahlen schon seit langem Rekordpreise für Strom“, sagte Oliver Bohr, Geschäftsführer Energie bei Check24. „Sie müssen sich langfristig auf weitere Preissteigerungen einstellen, da Strom selbst im Preis gestiegen ist. Wann diese Entwicklung beim Endkunden ankommt, hängt von der Einkaufspolitik der einzelnen Versorger ab.“ Aktuell zahlten Verbraucher in Deutschland im Durchschnitt 1399 Euro für den mittleren jährlichen Verbrauch eines Vier-Personen-Haushalts von 5000 Kilowattstunden Strom.

          Tatsächlich habe der Großhandelspreis für Strom – genauer die sogenannte Benchmark Cal19, also der Stromterminpreis für das Kalenderjahr 2019 – einen Rekordstand erreicht, bestätigte Energiefachmann Steffen Bukold vom Hamburger Beratungsunternehmen Energie Comment. Der Kontrakt laufe seit ein paar Jahren und habe ein Allzeit-Kontrakthoch erreicht. Hintergrund seien die hohen Terminpreise für Kohle und Gas sowie insbesondere für CO2-Zertifikate, deren Preis sich innerhalb weniger Monate von 5 auf 20 Euro je Tonne vervierfacht habe.

          EU will Zahl der Emissionszertifikate verringern

          Bei den kurzfristigen Strompreisen gebe es zudem immer wieder ungeplante Ausfälle bei Kernkraftwerken und Flauten in der Windenergie, die den Strompreis nach oben hievten. In den besonders heißen Wochen des Sommers mussten zum Teil Kraftwerke gedrosselt werden, weil in Flüssen, aus denen sie Kühlwasser beziehen, Grenzwerte überschritten wurden.

          Warum aber sind die Zertifikate im europäische Emissionshandel („EU Emissions Trading System“, kurz ETS) plötzlich so viel teurer geworden? Der Anstieg war vor allem in diesem Jahr zu beobachten, ein wenig auch schon im vergangenen Jahr. Der Zertifikatepreis ist von etwa 5 Euro je Tonne CO2 vor einem Jahr auf gut 15 Euro im Juli und zuletzt mehr als 20 Euro gestiegen (siehe Grafik).

          Zumindest ein Grund scheint die Reform des Systems zu sein, bei der die Zahl der Zertifikate deutlich verringert werden soll. „Die EU-Kommission hat beschlossen, die Anzahl der überschüssigen Zertifikate ab der kommenden Handelsperiode deutlich zu verknappen“, berichtet Check24. „Weil sich Zertifikate teilweise übertragen lassen, wirkt sich das schon jetzt auf den Preis aus.“

          Energiefachmann Bukold nennt drei Gründe, die aus seiner Sicht zu den höheren Preisen für die Zertifikate beitragen: Das sei einmal die angesprochene Reform des Systems, aber auch ein – möglicherweise damit ja verbundenes – spekulatives Moment sowie eine hohe Nachfrage. Von der Frage, wie stark der Preisanstieg spekulativ getrieben ist, könnte dessen Dauerhaftigkeit abhängen.

          Verknappung soll Schwierigkeiten lösen

          Hintergrund für die Reform des europäischen Emissionshandels war der Befund, dass das bestehende System nicht richtig funktioniere. Eigentlich soll der Handel mit Emissionsrechten dazu führen, dass die Menge der Emissionen sinkt, indem die Zahl dieser Zertifikate über die Jahre verringert wird und der Markt dafür sorgt, dass die Einsparungen dort vorgenommen werden, wo dies besonders effizient möglich ist.

          Neben den Schwierigkeiten, dass dieses System nur einen kleinen Teil aller Länder einbezieht und bestimmte Wirtschaftsbereiche wie der Verkehr ausgenommen sind, gab es zumindest bei vielen in der Politik den Eindruck, dass grundsätzlich zu viele überschüssige Zertifikate auf dem Markt sind. Entsprechend war der Preis lange niedrig und bewegte sich zwischen ungefähr fünf und sieben Euro. Zum Teil wurden die Überschüsse von Zertifikaten damit begründet, das gleich zu Anfang zu viele veranschlagt worden seien – zum Teil aber auch mit Entwicklungen seither.

          Eine Verknappung soll die Schwierigkeiten nun lösen. Der Schritt war höchst umstritten. Ein Kompromiss zwischen Europäischem Rat, EU-Parlament und EU-Kommission sieht nun vor, einen Teil der Verschmutzungsrechte stillzulegen. Dafür sollen schon von 2019 an jährlich 24 Prozent (von 2024 an 12 Prozent) der ungenutzten Zertifikate aus dem Markt in eine Reserve überführt werden, es geht um mehrere Milliarden solcher Rechte.

          Zudem soll von 2021 an die jährliche Verknappung („Cap“) der Zertifikate steigen, und zwar von derzeit 1,7 auf dann 2,2 Prozent. Damit will die Europäische Union ihrem Ziel näherkommen, den Ausstoß an sogenannten Klimagasen bis 2030 um 40 Prozent unter den Wert von 1990 zu drücken.

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