https://www.faz.net/-hbv-9mp96

Anstieg der Strompreise : Verbraucher zahlen Rekord-Strompreise

Der Strompreis, den Verbraucher in Deutschland zahlen müssen, hat im Mai einen neuen historischen Höchststand erreicht. Bild: AFP

Die Strompreise für die Verbraucher in Deutschland haben einen historischen Höchststand erreicht. An der Strombörse ist dagegen der Preis seit Herbst um 38 Prozent gefallen. Was ist da los?

          Der Strompreis, den Verbraucher in Deutschland zahlen müssen, hat im Mai einen neuen historischen Höchststand erreicht – und das, obwohl die Großhandelspreise und die Strompreise an der Strombörse EEX in Leipzig seit dem Herbst wieder deutlich zurückgegangen sind. „Im Mai verzeichnen wir einen weiteren Anstieg der Strompreise für Verbraucher und damit einen neuen Rekord“, berichtet das Internetportal Verivox.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der durchschnittliche Preis, den Haushalte zahlen müssten, liege jetzt bei 29,60 Cent je Kilowattstunde: „Das ist ein neues Allzeithoch.“ Die Zahl der Preiserhöhungen der Stromversorgungsunternehmen habe zuletzt abgenommen, aber die Tendenz sei ungebrochen: Für Juni und Juli hätten schon zwölf örtliche Stromversorger Preissteigerungen von rund 5 Prozent angekündigt. Nachrichten über Preissenkungen der regionalen Versorger in diesen Zeitraum lägen bislang überhaupt keine vor.

          Dabei ist der Strom an der Strombörse längst wieder billiger geworden. Das Internetportal Check 24 hat beide Entwicklungen verglichen. Im Zeitraum zwischen November 2018 und April 2019 sei der Strompreis an der Leipziger Strombörse um 38 Prozent zurückgegangen. Im selben Zeitraum sei der Strompreis für Verbraucher in Deutschland um rund 3 Prozent gestiegen. Eine erhebliche Diskrepanz also.

          Die sinkenden Großhandelspreise seien jedenfalls noch nicht bei den Verbrauchern angekommen, schreibt Verivox. Valerian Vogel, der bei dem Internetportal die Energiepreise beobachtet, meint, das werde womöglich zumindest kurz- und mittelfristig auch nicht passieren. Viele Stromversorger kauften einen Teil des Stromes langfristig ein, zudem machten die Beschaffungskosten nur einen relativ kleinen Teil des Strompreises für Verbraucher aus. Den größten Anteil hätten Steuern, Abgaben und Umlagen. Sie entsprechen etwa 54 Prozent des Strompreises. Hinzu kommen die Netzentgelte, die rund ein Viertel des Strompreises ausmachen. Nur rund 20 Prozent des Strompreises können die Versorger selbst beeinflussen.

          Saisonale und konjunkturelle Faktoren

          Im vergangenen Jahr war der Strom auch an der Börse und im Großhandel zeitweise sehr teuer gewesen. Im September 2018 hatte der Preis sogar den höchsten Stand seit sechs Jahren erreicht. Steffen Bukold vom Hamburger Beratungsunternehmen Energy Comment hatte damals drei mögliche Gründe dafür genannt: Die hohe Nachfrage, ein gewisses spekulatives Element – und die Reform des Emissionshandels in Europa. Die EU-Kommission hatte damals angekündigt, die Zahl der CO2-Zertifikate im europäischen Emissionshandel („EU Emission Trading System“, kurz ETS) im Zuge einer Reform nachträglich zu verknappen.

          Jedenfalls war der Zertifikatepreis innerhalb einiger Monate von rund 5 Euro je Tonne CO2 auf 15 Euro im Juli 2018 und dann auf mehr als 20 Euro im September 2018 gestiegen. Damals war auch der Großhandelspreis für Strom – beispielsweise die sogenannte Benchmark Cal19, also der Stromterminpreis für das Kalenderjahr 2019 – auf einen Rekordwert gestiegen. Schon im Oktober vorigen Jahres allerdings fiel der Zertifikatepreis wieder. Inzwischen aber hat er die alten Höchstwerte abermals erreicht und sogar überschritten. Am Dienstag kostete ein Emissionsrecht gut 24 Euro – zuvor hatte der Preis am 25. April einen Rekordwert von über 27 Euro erreicht.

          Der Börsenstrompreis aber ist nicht wieder in ähnlicher Weise gestiegen – er liegt deutlich unter den Preisen aus dem vorigen Herbst. Die Gründe dafür dürften vielfältig sein. Es mag saisonale und konjunkturelle Faktoren geben, zudem sind die Beschaffungskosten für Kohle und Gas in den letzten Monaten wieder günstiger geworden, wie die Internetportale berichten. Aber ein Grund sei sicherlich auch eine Art „Ankündigungseffekt“ im Zertifikatehandel gewesen:

          Die Ankündigung, die Emissionszertifikate stärker als bislang zu verknappen, habe im vorigen Jahr zu einem regelrechten Wettlauf der Unternehmen geführt und den Börsenstrompreis hochgetrieben: „Nach dieser kurzfristigen Bewegung scheint sich der Markt wieder zu normalisieren.“ Die EEG-Umlage, mit der die erneuerbaren Energien gefördert werden sollen, hatte in früheren Jahren oft ebenfalls für einen Strompreisanstieg gesorgt. Sie ist allerdings zuletzt gesenkt worden. Dieses Jahr liegt sie bei 6,405 Cent je Kilowattstunde, im Vorjahr waren es 6,792 Cent und im Jahr davor 6,88 Cent.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Topmeldungen

          Eurofighter-Absturz : Nur ein paar Meter vom Kindergarten entfernt

          Ein Schock für die Menschen in Nossentiner Hütte, ein Schock für die Luftwaffe: Was über den Absturz der Eurofighter bislang bekannt ist – und wie die Bevölkerung reagiert. Ein Besuch vor Ort.
          „Medley“ gehört zu beliebten Serien von Finger Haus.

          FAZ Plus Artikel: Fertighäuser : Fertig heißt nicht fix

          Smart, günstig und mit Wohlfühlfaktor – Fertighäuser gibt es für jeden Kundenwunsch. Doch ausgerechnet der größte Vorteil geht jetzt vielfach flöten. Das hat mit den vollen Auftragsbüchern der Hersteller zu tun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.