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Die Bank im Smartphone : Alibaba macht das Bargeld überflüssig

Wer in China ein Smartphone besitzt, bezahlt auch damit – zum Wohle von Ant Financial, einer Tochtergesellschaft von Alibaba. Bild: Intertopics

Die Zahlungsanbieter Alipay und Wechat haben Milliarden Nutzer in China. Denn die Chinesen bezahlen alles Mögliche mit ihrem Smartphone, selbst Bettler. Das gefällt nicht allen.

          „Nur ein paar Kuai“, bittet der Mann, dessen Zahnreihen voller Lücken sind. Mit seinem dünnen Arm streckt er den Schönen und Wohlhabenden links und rechts der Donghu-Straße in Schanghai, auf der des Abends Porsche und Tesla auffahren, ein Pappschild hin: ein QR-Code, umrandet vom Blau des Zahlungsanbieters Alipay.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Kuai nennen Chinesen umgangssprachlich ihr Geld, den Renminbi. Übersetzt heißt es „Volkswährung“. Genannt wird das Geld auch Yuan, was eigentlich der Name der Währungseinheit ist. Der größte Schein ist die 100-Yuan-Note, auf der in Rot Republikgründer Mao prangt. Umgerechnet entspricht der Betrag 12,50 Euro. Noch vor wenigen Jahren legten zu Reichtum gekommene Chinesen aus dem Hinterland bei ihrem Schanghai-Besuch im Grand Hyatt Hotel zehn Zentimeter hohe Geldstapel auf den Tresen, um sich für eine Woche in der Suite des „Vorsitzenden“ einzumieten, die Chinas kommunistischem Einparteiensystem entsprechend einhundert Quadratmeter mehr misst als die „Präsidentensuite“.

          Die Zeit der dicken Bündel ist inzwischen vorüber. Nicht nur im Hotel zücken Chinas Millionäre zum Bezahlen ihr Smartphone, auch für die Gabe an den Bettler auf dem Gehweg. Nachdem das Smartphone dessen QR-Code scannt, gibt der Barmherzige in seinem Smartphone den Betrag für die Spende ein. Ein Klick, ein Bestätigungscode, und das Geld wandert auf das Alipay-Konto des dürren Mannes auf der Donghu-Straße.

          Alipay und Co. realisieren Utopie bargeldloser Gesellschaft

          Zwar ist im bevölkerungsreichsten Land der Welt das Bargeld noch nicht tot. Doch seine Bedeutung nimmt ab. Und zwar rapide. So zeigen Umfragen, dass schon heute 40 Prozent der Chinesen weniger als 100 Yuan Bares mit sich tragen. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres stieg der Wert aller über Smartphone-Apps getätigten Zahlungsvorgänge im Land im Jahresvergleich um 38 Prozent auf 81 Billionen Yuan (10 Billionen Euro).

          Zwar läuft die ganz überwiegende Zahl der Bezahlvorgänge immer noch mit Scheinen ab. Schließlich nutzen von den knapp 1,4 Milliarden Menschen im Land erst 800 Millionen das Internet. Doch die Tendenz ist eindeutig. Von Chinas Smartphonebesitzern gibt schon jetzt eine Mehrheit an, am liebsten mit dem eigenen Telefon zu zahlen – vor Bargeld und ganz weit vor der Kreditkarte.

          620 Millionen Nutzer

          Kinotickets, Miete, das Pfund Äpfel bei der Marktfrau und Kamelreiten in der Inneren Mongolei – jede Rechnung lässt sich mit Alipay begleichen, einem Dienst mit 622 Millionen Kunden. Etwas zu finden, was sich in China nicht mit diesem Dienst oder seinem großen Konkurrenten Wechat bezahlen lässt, fällt zunehmend schwer. Im Reich der Mitte, dessen risikofreudige Bevölkerung neue Technologien begeistert umarmt, ist die bargeldlose Gesellschaft keine Utopie mehr, sondern Realität.

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