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„Premium Economy“ : Mehr Beinfreiheit!

Die Sardinenbüchse im Flug. Bild: Reuters

Premium Economy heißt ein neues Angebot der Fluglinien: ein bisschen mehr Platz für mehr Geld.

          3 Min.

          So ein Langstreckenflug kann ganz schön ungemütlich sein. Vor allem, wenn man in der Economy Class zwischen Nachbar und Vordermann eingequetscht ist. Beim Essen stupst der Nebenmann rhythmisch schneidend seinen Arm in unsere Rippe, und beim Schlafen verwöhnt er uns mit brummigen Schnarchgeräuschen in 20 Zentimeter Entfernung.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch deswegen gleich in die deutlich komfortablere Business Class ausweichen? Nicht jeder will den doppelt oder manchmal sogar dreimal so hohen Preis dafür berappen. Für solche Kunden und für Geschäftsreisende, deren Unternehmen keine Business Class mehr bezahlt, haben viele Fluglinien in den vergangenen Jahren die Premium Economy Class erfunden – darunter auch Lufthansa, Condor und Eurowings, nicht aber Air Berlin. Insgesamt 52 Gesellschaften haben sie eingebaut. Die Golf-Airlines Emirates, Etihad und Qatar überlegen noch. Turkish Airlines dagegen hat sie gerade eingestellt.

          So sieht er aus: Der „Premium Economy“-Sitz bei der Lufthansa.

          Die Premium Economy, wahlweise auch Economy Plus oder More Comfort genannt, ist ein Mittelding: Etwas mehr Bequemlichkeit als in der Economy, aber weniger als in der Business Class. Und beim Preis auch dazwischen. Im Schnitt kostet ein Premium-Economy-Ticket 200 bis 400 Euro oder 85 Prozent mehr, hat das Reiseportal Tripdoo in einem großen Vergleich ausgerechnet. Wobei die Spanne groß ist. Eurowings verlangt nur 50 Euro mehr, bietet aber auch nicht viel Zusatznutzen. Nach Asien verlangen manche Fluggesellschaften aber auch schon einmal 1000 Euro mehr.

          Restplätze gibt es oft günstig

          Allerdings ist die neue Klasse selten ausgebucht. Daher gibt es oft günstige Restplätze, die manchmal nur zehn Prozent mehr als ein Economy-Ticket kosten. Sie werden per E-Mail oder teilweise noch am Gate kurz vor Abflug angeboten. Wer da flexibel ist, kann ein günstiges Upgrade bekommen. Manche Fluggesellschaften versteigern diese Plätze sogar. Jeder Economy-Passagier kann dann eingeben, für wie viel Geld er eine Hochstufung kaufen würde. Spätestens 24 Stunden vor Abflug teilt die Fluggesellschaft mit, wer am meisten geboten hat und den Zuschlag erhält. Es gibt ein Mindestgebot, abhängig von der Strecke und der Flugzeit. Die Lufthansa macht das unter dem Namen „myoffer“. Mehr kostet das Premium-Ticket aber immer.

          Die Frage ist nun: Lohnt sich dieser Aufpreis? Wie immer gilt: Das hängt von den Präferenzen ab. Der große Vorteil ist der größere Sitzabstand zum Vordermann, wobei der Unterschied zwischen sechs und fast 20 Zentimetern variiert. Große Leute werden das schätzen, kleine brauchen das nicht. Die Sitze haben zwar eine breitere Armlehne, die Fläche ist hingegen selten größer. Dickere Fluggäste haben also wenig von der Mittelklasse. Und wer vor allem gut schlafen will, könnte enttäuscht sein. Die Sitze lassen sich zwar etwas stärker neigen als die Economy-Sitze, im besten Fall um 130 Grad (zum Beispiel bei Lufthansa und Condor) – im Vergleich zu etwa 100 bis 110 in der Economy. Aber flachliegen wie in der Business Class geht natürlich nicht. Und der Nachbar schnarcht trotzdem direkt daneben wie in der Economy.

          Dafür bieten die Fluggesellschaften einen Teil der Annehmlichkeiten, die aus der Business Class bekannt sind. Dazu gehören etwa beschleunigtes Check-in, schnellere Sicherheitskontrolle, rascheres Einsteigen und bevorzugte Gepäckausgabe. Tickets sind manchmal kostenlos umbuchbar. Das Essen ist etwas besser, bietet mehr Auswahl oder wird zumindest auf Porzellan serviert, das Unterhaltungsprogramm wird aufgewertet. Die Lounge darf bei einigen Fluglinien mitbenutzt werden. Besonders wertvoll kann sein, dass man weiteres Gepäck von bis zu 29 Kilo mitnehmen kann. Gibt man das in der Economy-Klasse separat auf, zahlt man auf Langstrecken manchmal so viel wie den Aufpreis des Premium-Economy-Tickets. Die Gesellschaften bieten immer nur einen Teil dieser Business-Extras an. Besonders viel davon gibt es bei Condor, Singapore Airlines, Air Canada und Finnair. Lufthansa und Eurowings haben hingegen kaum Extras im Angebot.

          Fazit: Die neue Klasse ist etwas für große Menschen und solche, die auf etwas mehr Exklusivität etwa beim Essen und Extras zum Beispiel am Flughafen oder beim Gepäck Wert legen. Condor bietet für einen durchschnittlichen Aufpreis relativ viel Mehrwert, Eurowings verlangt am wenigsten, bietet aber nur etwas mehr Platz. Lufthansa liegt beim Preis-Leistungs-Verhältnis im Mittelfeld. Die amerikanischen Linien Delta und United enttäuschen, sie verlangen viel Geld für wenig Extras. Wer es schafft, ein Sonderangebot zu ergattern, für den kann sich die Premium Economy lohnen. Es ist immer klug, sich auch die Sonderpreise für die Business Class anzusehen. Manchmal sind sie nicht viel höher als die regulären Preise eines Premium-Economy-Tickets.

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