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Online-Handel : Schneller Klick zum Ratenkauf regt Banken auf

In Deutschland kommt jeder fünfte Verbraucherkredit über das Internet zustande. Bild: dpa

Im Internet nützen Händler eine Lücke aus: Sie bieten ihren Kunden Ratenkäufe an. Banken befürchten jetzt Wettbewerbsnachteile für ihre Online-Kredite.

          Der Abschluss geht einfach und schnell: Alle Händler bieten im Internet eine Ratenzahlung an, und die Kunden nehmen das sehr gerne wahr. Den Kaufpreis über eine bestimmte Zeit abzustottern ist aber nach Ansicht der auf Konsumentenkredite spezialisierten Banken eine Form der Kreditfinanzierung. Seit Anfang Juni bietet der Online-Zahlungsdienst Paypal den Ratenkauf an. Schon länger sind auf Internet-Zahlungen spezialisierte Dienstleister wie Billpay oder Klarna dabei.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für die im Bankenfachverband organisierten Konsumentenfinanzierer wird die Konkurrenz bevorteilt, weil für die Ratenzahlung im Internet weniger gesetzliche Hürden bestehen als für die Kreditfinanzierung. Da sind für den Kunden deutlich mehr Klicks nötig, was die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, dass er vor dem Abschluss der Kreditvertrags aussteigt – und sich dann doch für die Ratenzahlung entscheidet.

          Im vergangenen Jahr erreichten die Kreditbanken ein Online-Kreditneugeschäft von 5,8 Milliarden Euro, das war ein Anstieg um ein Fünftel. In Deutschland kommt jeder fünfte Verbraucherkredit über das Internet zustande, deshalb fürchtet der Bankenfachverband um Marktanteile, die von der neuen Konkurrenz erobert werden können.

          Daran ändern auch die am 1. Juli, also an diesem Freitag, in Kraft tretenden Erleichterungen für den Kreditabschluss im Internet wenig. Nach der EU-Richtlinie über elektronische Identifizierung und Signaturen können sich die Kunden per Smartphone, Tablet oder Computer im Video-Chat mit ihrem Ausweis identifizieren und nach Zusendung einer Transaktionsnummer (Tan) auch elektronisch signieren.

          „Atypisch ausgestalteter Kaufvertrag“

          Doch der Geschäftsführer des Bankenfachverbandes, Peter Wacket, ist nicht zufrieden, weil das Bestellen einer Ware deutlich weniger Aufwand erfordert. Händler können den Kunden den Online-Ratenkauf anbieten – ohne Signatur und Geldwäscheprüfung. Die ist aber weiterhin bei Online-Krediten auch für Kleinbeträge nötig.

          Der Bankenfachverband hält Online-Kredit und Online-Ratenkauf für identische Geschäfte, weil in beiden Fällen der Kunde einer Ware erhält, die er in Raten bezahlt. Die Verbraucherfinanzierer fordern gleiche Regeln für gleiches Geschäft, also einen rascheren Kreditabschluss im Internet ohne Signatur und Geldwäscheprüfung.

          Die Finanzaufsicht Bafin macht aber zwischen Darlehen und Ratenzahlung einen Unterschied. In ihrem Merkblatt zum Kreditgeschäft heißt es: „Wer als Verkäufer ... den Kaufpreis stundet, betreibt damit nicht das Kreditgeschäft, selbst wenn er sich den Stundungskredit verzinsen lässt.“ Grundlage ist kein Darlehensvertrag, sondern ein „atypisch ausgestalteter Kaufvertrag“.

          „Wir sind profitabel“

          Den Händlern ermöglichen diese Ratenfinanzierungen Internet-Zahlungsdienste wie Billpay. Das erst 2009 in Berlin gegründete Unternehmen Billpay wurde unter dem Dach der Internetbeteiligungsgesellschaft Rocket Internet groß und vor drei Jahren an den britischen Online-Finanzdienstleister Wonga verkauft. Der Berliner Zahlungsdienst bedient mehr als 9 Millionen Kunden und arbeitet mit 5000 Handelspartnern zusammen.

          Gründer und Vorstandschef Nelson Holzner hebt im Gespräch mit dieser Zeitung hervor: „Wir sind profitabel.“ Zu den Partnern zählen die Eintrittskartenbörse Eventim, der Baumarkt Obi oder die Modekette Esprit. Holzner erwartet in diesem Jahr ein Transaktionsvolumen von mehr als 1 Milliarde Euro. Im vergangenen Jahr waren es 650 Millionen Euro. Das umfasst Ratenkäufe, Lastschriften und Rechnungskäufe.

          Billpay hat von der Bafin die Lizenz für das Finanztransfergeschäft erhalten. „Nach derzeitiger Einschätzung können wir aber auch Ratenkäufe anbieten“, fügt Holzner hinzu, der früher für die auf Finanzdienstleistungen spezialisierte Beteiligungsgesellschaft Cerberus gearbeitet hat. „Der Handelspartner verkauft an uns seine Forderung mit einem Abschlag, was rechtlich ein Factoring-Geschäft darstellt“, erklärt er den Ablauf der Raten-Finanzierung.

          „Hohes Finanzierungsvolumen“

          Unter Factoring wird der Verkauf einer Forderung verstanden. Bei Online-Ratenkäufen ist ein Abschlag von 2 Prozent üblich. Hinzu kommt ein Zins, der selbst in der gegenwärtigen Niedrigzinsphase 10 Prozent betragen kann.

          Zur Finanzierung der Forderungskäufe braucht Billpay aber eine Bank: „Im Hintergrund arbeiten wir mit der Net-M Privatbank zusammen. Das ermöglicht uns ein hohes Finanzierungsvolumen“, sagt Holzner. Die Net-M Privatbank hat der deutsche Zahlungsdienstleister Net Mobile, eine Tochtergesellschaft der japanischen Mobilfunkgruppe NTT Domoco, an die indische Hinduja-Gruppe verkauft.

          Ehrgeizige Ziele

          Die Net-MPrivatbank ist aus dem Bankverein Werther hervorgegangen und hat sich in den vergangenen Jahren auf Dienstleistungen für Fintechs, die keine Banklizenz haben, konzentriert. Der neue Eigentümer dürfte für Billpay vorerst keine Konsequenzen in der Zusammenarbeit mit der Net-M Privatbank haben. Darauf deuten auch Holzners ehrgeizige Ziele: In fünf Jahren soll das Transaktionsvolumen 5 Milliarden Euro betragen, also fast achtmal so viel wie im Vorjahr.

          „Aufgrund unserer Wachstums wollen wir unser Angebot ausweiten und erwägen, in Zukunft noch mehr Ratengeschäft direkt über Billpay abzuwickeln.“ Doch eine Banklizenz will Holzner nicht erwerben. Im Durchschnitt finanziert der Zahlungsdienstleister einen Warenkorb von 500 Euro. Die durchschnittliche Laufzeit der Ratenfinanzierungen beträgt elf Monate. Bei Möbelhändlern können die Finanzierungen 3500 Euro erreichen.

          Finanzaufsicht und Fintechs beschnuppern sich

          Von wegen verstaubte Behörde: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) geht auf ungewöhnliche Weise auf junge Finanzunternehmen (Fintechs) zu. Im neuen Forschungszentrum House of Logistics am Frankfurter Flughafen veranstaltete die Bafin am Dienstag ihre erste eigene Konferenz namens BaFin-Tech. An knallroten Stehtischen und tiefblauen Ledersofas im Foyer konnten Gründer Bafin-Mitarbeitern aufsichtsrechtliche Fragen zu ihren Geschäftsmodellen stellen.

          Drinnen diskutierte Bafin-Präsident Felix Hufeld mit Gründern über Digitalisierung und Regulierung. Der Bafin-Präsident machte deutlich, dass anders als in Großbritannien Fintechs in Deutschland keinen Sandkasten bekämen, in dem sie ihre Geschäftsidee unter abgemilderten Aufsichtsstandards testen könnten. „Nur weil sie cooler sind, werden sie von uns nicht anders behandelt“, stellte Hufeld klar. Das heißt: Wer eine Banklizenz braucht, weil er Kredite vergibt, oder wer eine Zulassung als Zahlungsinstitut benötigt, weil er Geld transferiert, darf auf keine Nachsicht etwa bei Mindestkapitalanforderungen hoffen.

          „Es ist nicht Aufgabe meiner Behörde, Wirtschaftsförderung zu betreiben“, sagte Hufeld. Zu groß sei die Gefahr, in Konflikte mit anderen Aufgaben wie Verbraucherschutz zu geraten. Doch haben seit Jahresanfang 2015 immerhin 170 Unternehmen die Zulassungshürden genommen und eine Erlaubnis der Bafin für ihre Geschäfte erhalten. Allerdings zeigte sich Hufeld als Anhänger hoher Schwellenwerte. Nicht jede Neugründung müsse sofort unter die Zulassungspflicht der Bafin fallen. Dies müsse allerdings der Gesetzgeber regeln. Die Bafin könne nur das Recht anwenden.

          Für die Behörde selbst seien junge Unternehmen auch ein Innovationsmotor. Sie zeigten, dass sich in der Aufsichtspraxis mehr elektronisch regeln ließe, glaubt Hufeld. So hat die Bafin, wie am Dienstag bekannt wurde, an deutsche Banken Fragen geschickt, um zu prüfen, ob sie Zinsänderungen schnell genug an ihre Kunden weitergegeben haben. Dabei geht es um variable Zinsen etwa für Immobiliendarlehen oder den Dispo des Girokontos, die an einen Referenzzins gebunden sind. Sie sinken nach Erfahrung vieler Kunden zu langsam. ham.

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