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Nachträgliche Preiserhöhungen : Achtung, Pauschalreise!

Sommer, Sonne, Strand Bild: Felix Schmitt

Der Urlaub ist schon gebucht und bezahlt, dann verlangt der Reiseanbieter kurz vor dem Flug noch einen Nachschlag. Diese Brüsseler Idee wird bald Gesetz.

          5 Min.

          Zum Glück fahren Sie jetzt in den Urlaub. Genießen Sie es, denn künftig könnten Sie vor der Abreise ziemlich wütend werden. Nämlich dann, wenn ein neues Gesetz in Kraft tritt. Es erlaubt den Reiseveranstaltern, die Preise von schon gebuchten und bezahlten Pauschalreisen noch kurz vor Reisebeginn zu erhöhen und die versprochenen Leistungen zu reduzieren. Und die Urlauber müssen das akzeptieren.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie das? Der Übeltäter ist die Pauschalreiserichtlinie der EU, die im vergangenen Jahr geändert wurde und nun in deutsches Recht umgesetzt werden muss. Gerade wurde ein Entwurf des zuständigen Bundesjustizministeriums fertiggestellt, der dieser Zeitung vorliegt. Auf 116 Seiten listet er einige Gemeinheiten für die Urlauber auf. So ist es künftig möglich, noch bis 20 Tage vor Reisebeginn die Preise um bis zu acht Prozent zu erhöhen, ohne dass die Reisenden widersprechen dürfen. Hat also eine Familie für 3000 Euro gebucht, könnte der Reiseanbieter bis zu 240 Euro draufschlagen. Er muss dafür lediglich nachweisen, dass sich für ihn bestimmte im Gesetz festgelegte Kosten seit der Buchung erhöht haben. Dazu gehören steigende Treibstoffpreise, höhere Abgaben am Hafen oder Flughafen oder eine Touristenabgabe vor Ort sowie veränderte Wechselkurse, also alles Risiken, die der Anbieter eigentlich in seiner Kalkulation berücksichtigen müsste.

          Erhöht der Reiseveranstalter die Preise aus diesen Gründen um mehr als acht Prozent, kann der Urlauber zwar die Reise stornieren, aber Zeit darf er sich damit nicht lassen. Wer eine vom Veranstalter gesetzte Frist nicht einhält, hat die Preiserhöhung akzeptiert. Doch auch wer rechtzeitig storniert, hat ein Problem: 20 Tage vor Reisebeginn, also sehr kurzfristig, wird er für beliebte, stark nachgefragte Ziele gerade in der Hochsaison keine gleichwertige Ersatzreise finden, die genauso viel kostet wie seine bisher gebuchte. Er muss also auch dann mehr bezahlen.

          Auch „unwesentliche Abweichungen“ von der Reise sind erlaubt

          Noch heikler sind Änderungen am Leistungsumfang. Kleinere („unwesentliche“) Abweichungen von der gebuchten Reise müssen toleriert werden, wenn sie für den Durchschnittsurlauber akzeptabel sind. Das kann für den Einzelnen aber eine gravierende Einschränkung sein. Und größere Abweichungen gelten als angenommen, wenn nicht innerhalb der vom Veranstalter vorgegebenen Frist widersprochen wird. „Solche Änderungen kann der Reiseveranstalter noch kurzfristig vornehmen, theoretisch sogar am Tag des Reisebeginns“, klagt der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Dann noch die Reise zu stornieren und ohne Ersatz dazustehen ist der Horror eines jedes Urlaubers.

          Dieser Gesetzentwurf bedeutet eine Verschärfung bestehender Regeln. Bisher müssen Leistungsänderungen im Einzelfall akzeptabel sein und nicht für den Durchschnittsreisenden. Nachträgliche Preiserhöhungen sind zwar schon jetzt möglich, allerdings frühestens vier Monate nach der Buchung und spätestens 21 Tage vor Reisebeginn. Das betrifft viele gar nicht, denn ein Großteil bucht nicht so weit im voraus. Aber sie tun dies auf jeden Fall vor der nun geplanten Frist von zwanzig Tagen vor Reisebeginn.

          Nachträgliche Preiserhöhungen sind nicht so selten

          Die Preise dürfen bislang auch nur um fünf Prozent angehoben werden, ohne dass die Urlauber ein Stornorecht bekommen. Wird diese Grenze überschritten, muss der Veranstalter bisher eine gleichwertige Ersatzreise anbieten, künftig nicht mehr. Allerdings zeigten sich die Veranstalter bisher sehr kreativ darin, zu begründen, warum sie nichts Gleichwertiges anbieten können.

          Solche Preiserhöhungen nach der Buchung haben die Reiseveranstalter in der Vergangenheit des Öfteren vorgenommen. „Das kam vor einigen Jahren häufiger vor, als die Kerosinpreise noch gestiegen sind“, sagt Paul Degott, Anwalt für Reiserecht aus Hannover, der Reiseveranstalter vor Gericht vertritt. Auch die Verbraucherzentralen bestätigen das.

          Für die Branche der Pauschalreiseanbieter ist das ein großes Entgegenkommen, denn nachträgliche Preisanpassungen sind sonst im Wirtschaftsleben eher unüblich. Ein Autohersteller kann nach der Bestellung des Kunden keinen höheren Preis verlangen, auch wenn danach vielleicht die Energiekosten für das Autowerk gestiegen sind. Zwar gibt es im Bürgerlichen Gesetzbuch einen Paragraphen, der Anpassungen von Verträgen möglich macht, wenn die ursprüngliche Geschäftsgrundlage entfallen ist. Das sind aber Ausnahmesituationen und nicht die tägliche Schwankung des Treibstoffpreises.

          Die Ausnahme für Reiseveranstalter hat ihren Grund offenbar in dem langen Zeitraum, der zwischen Buchung und Reise verstreichen kann. Schließlich darf eine Pauschalreise theoretisch ein Jahr vorher gebucht werden. „In dieser Zeit können sich für den Reiseveranstalter viele Kostenpositionen erheblich ändern, vor allem Währungskurse und Energiekosten“, rechtfertigt das Dietrich Kressel, Leiter Recht der TUI. Allerdings können auch Flüge Monate vorher gebucht werden. Wenn sich dann die Kerosinpreise ändern, darf der Flugpreis nicht erhöht werden. Die Pauschalreise ist also in diesem Punkt sogar innerhalb der Reisebranche privilegiert.

          Die Preise müssen auch sinken – theoretisch

          Als eine Beruhigungspille für die Verbraucher wurde in das Gesetz eine Klausel aufgenommen, nach der die Preise auch gesenkt werden müssen, wenn die genannten Kosten sinken - zumindest dann, wenn der Veranstalter im Reisevertrag auch die Möglichkeit von nachträglichen Preiserhöhungen festgeschrieben hat.

          Allerdings ist die Senkungsoption mit zwei großen Hürden versehen. Der Verbraucher muss vorrechnen, dass die Kosten des Veranstalters gesunken sind. „Das ist in der Praxis kaum zu leisten“, warnt Rechtsanwalt Degott. Schließlich weiß niemand, zu welchem Preis der Veranstalter Energiekosten kalkuliert und welche Wechselkurse er zugrunde gelegt hat. Und selbst wenn das nachgewiesen ist, bekommt der Urlauber am Ende vermutlich nicht sehr viel zurück. Denn die Veranstalter dürfen eine Gebühr dafür verlangen, dass sie die Kostensenkung berechnet haben. Wie hoch die sein darf, werden die Gerichte klären müssen.

          Chancen für die Verbraucher

          Den Berechnungsaufwand haben die Veranstalter allerdings auch bei Preiserhöhungen. Sie müssen genau nachweisen, warum sie die Preise anpassen. „In Anbetracht täglich schwankender Wechselkurse und Kerosinpreise ist das extrem aufwendig“, sagt Dietrich Kressel von der TUI. Hinzu kommt: Die Veranstalter müssen die Verbraucher noch stärker als bisher über ihre Rechte informieren - mit allerlei Papierkram. „Hier wird ein gigantisches Bürokratiemonster herangezüchtet“, klagt Kressel. „Kosten und Nutzen stehen in keinem vernünftigen Verhältnis.“

          So bleibt die vage Hoffnung, dass zumindest einige Anbieter bei kleinen Kostensteigerungen vor Preiserhöhungen zurückschrecken werden. Schließlich verprellen sie ihre Kunden und handeln sich eventuell einen Gerichtsprozess über die korrekte Berechnung ein. Veranstalter könnten Kostensteigerungen eher verdeckt weitergeben, zum Beispiel durch Umbuchung auf einen Flug mit schlechteren Abflugzeiten etwa in der Nacht, der die Veranstalter weniger kostet.

          Immerhin hält das Gesetz auch zwei Verbesserungen für den Verbraucher bereit. Kann der Urlauber wegen höherer Gewalt, etwa einem Gewitter, nicht wie geplant heimfliegen, muss der Veranstalter die Rückbeförderung mit einem anderen Flug und bis zu drei Zusatzübernachtungen im Hotel bezahlen. Bisher war oft der Verbraucher auf den Kosten sitzengeblieben und musste auf die Kulanz des Anbieters hoffen.

          Eine noch größere Verbesserung zugunsten der Reisenden stellen die Regelungen zur sogenannten „verbundenen Reise“ dar. Das sind Reisen, bei denen der Kunde bei einem Anbieter erst einen Flug und innerhalb von 24 Stunden noch ein Hotel oder eine andere „Hauptleistung“ bucht, etwa einen Mietwagen für eine Woche. Bisher wurde das als zwei unterschiedliche Reisen gewertet, künftig gilt das als eine Pauschalreise mit all den Rechten, die das dem Verbraucher bringt. Etwa bei Mängeln oder wenn der Anschlussflug wegen Verspätung des ersten Fluges weg ist.

          Doch das ist nur ein kleiner Trost im Gegensatz zu den Verschlechterungen, die das Gesetz für die Urlauber bringt. Noch kann es verändert werden, allerdings hat der Gesetzgeber dabei nicht besonders viel Spielraum. Und bis zum Inkrafttreten am 1. Juli 2018 bleibt noch ein weiterer Sommer mit den alten Regeln. Genießen Sie es!

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