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Mehr Kontrolle über Geldgeschäfte : Angriff auf das Bargeld

„War on cash“ – so nennt der amerikanische Ökonom Joseph Salerno, was derzeit passiert Bild: DIETER RÜCHEL

Banken und Staaten ziehen gegen das Bargeld ins Feld. Ohne Bargeld hätten sie die Kontrolle über uns. Ihre Kampagnen und Argumente sind bisweilen abenteuerlich.

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          Am Straßenrand sitzt ein Mann in abgerissenen Klamotten. Vor sich hat er ein paar Exemplare einer Obdachlosenzeitung ausgebreitet. Wer vorbeikommt, wird angebettelt. Die Ausrede „Kein Kleingeld dabei“ akzeptiert dieser Mann nicht: Dieser Bettler nimmt auch Kreditkarten. Das Lesegerät dafür hat ihm die Obdachlosenzeitung zur Verfügung gestellt – finanziert wurde es von einer millionenschweren Kreditkarten-Gesellschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was in Schweden schon Wirklichkeit ist, zeigt, was in Deutschland noch bevorsteht – zumindest, wenn es nach den Banken geht. In Stockholm ersetzen Kreditkartengeräte in vielen Kirchen schon den Klingelbeutel, und manche Bankfilialen zahlen gar kein Bargeld mehr aus. Aber auch in Deutschland wird das Bargeld immer mehr durch „Electronic Cash“ verdrängt: Kreditkarte, Girocard und ihre kontaktlosen Hightech-Nachfolger sind im Vormarsch. Lag der Anteil des Bargeldes an den Umsätzen im Einzelhandel noch in den 90er Jahren bei fast 80 Prozent, so waren es 2013 nur noch gut 50 Prozent (siehe Grafik). Und jedes Jahr verliert Bargeld weiter.

          Das alles passiert nicht zufällig: Die Umstellung auf das bargeldlose Zahlen hat mächtige Fürsprecher. „War on Cash“, einen „gefährlichen Angriff auf das Bargeld“ hat der amerikanische Ökonom Joseph Salerno die vielfältigen Bemühungen getauft, das Bargeld gezielt zurückzudrängen. Und er hat zwei Akteure ausgemacht, die ein großes Interesse daran haben: Die Finanzbranche, die an der Kartenzahlung einfach mehr verdient. Und die Staaten, die elektronische Geldströme besser kontrollieren können.

          Ein Abba-Musiker boykottiert Bargeld

          Am Bargeld verdient schließlich vor allem die Notenbank. Sie darf den Gewinn aus dem Gelddrucken verbuchen, die Seigniorage. Beim Kartengeld dagegen kassiert die Finanzbranche für jeden Einkauf mit: Die Gebühren für den Handel liegen laut Bundesbank im Schnitt bei 0,3 Prozent des Umsatzes.

          Unglaublich, welche Argumente Banken und Kreditkarten-Firmen daher im Kampf gegen das Bargeld einfallen. Voriges Jahr etwa ließ Mastercard untersuchen, wie dreckig und ungesund Bargeld sei: Wissenschaftler von der Universität Oxford fanden heraus, dass sich auf einer durchschnittlichen Banknote etwa 26.000 potentiell gesundheitsschädliche Bakterien tummelten – dass sich aber nur jeder fünfte Bürger nach dem Kontakt mit Geldscheinen die Hände wasche.

          Im Einzelhandel wird mehr und mehr mit Karte bezahlt

          In Italien unterstützen Kreditkartenfirmen außerdem eine subversive Bewegung, die sich „No Cash Day“ nennt: Diese erbitterten Feinde von Scheinen und Münzen haben den 21. Juni zu ihrem Tag erhoben, an dem weltweit für die Überwindung des antiquierten Zahlungsmittels getrommelt wird.

          Die Bewegung weiß unter anderem den früheren Abba-Musiker Björn Ulvaeus, 69, an ihrer Seite: Er hat ein Jahr lang ohne Bargeld gelebt – und ruft die Welt nun zum Boykott auf. „Die einzige Unannehmlichkeit, die ich erlebt habe, war, dass man eine Münze braucht, um im Supermarkt einen Wagen auszuleihen“, behauptet er.

          Der 500-Euro-Schein und die Finanzkrise

          Die Staaten führen im „War on Cash“ vor allem das Argument ins Feld, Bargeld werde bevorzugt in der Schattenwirtschaft und von Verbrechern benutzt – weil es weniger Spuren hinterlässt. „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“, hat es Stockholms Polizeipräsidentin Carin Götblad formuliert.

          Eine ganze Reihe von Staaten Europas hat deshalb Höchstgrenzen für Bargeldgeschäfte erlassen: In Italien sind seit Anfang 2012 Bargeschäfte über mehr als 1.000 Euro verboten. In Griechenland gibt es eine Grenze bei 1.500, in Spanien bei 2.500 und in Frankreich bei 3.000 Euro – wenn auch mit Ausnahmen.

          Zugleich gibt es eine Debatte über die Abschaffung großer Geldscheine – auch das mit dem Argument, Kriminellen die Arbeit zu erschweren. In Amerika druckt die Fed seit langem keine Banknoten über mehr als 100 Dollar mehr. Früher gab es auch Scheine über 500, 1.000, 5.000 und 10.000 Dollar, die zum Teil noch im Umlauf sind. Europa hingegen druckt nach wie vor 500-Euro-Scheine. Zumindest noch: Im April sorgte Vítor Constâncio, der Vizepräsident der EZB, für Schlagzeilen, als er verkündete, die Abschaffung des Scheines sei „eine Diskussion wert“.

          Dabei hatte gerade der 500-Euro-Schein in der Finanzkrise eine wichtige Rolle gespielt. „Direkt nach der Lehman-Pleite gab es kurzfristig eine sehr starke Nachfrage nach 500-Euro-Scheinen“, sagt Ralph Rotzler, Bargeldexperte der Bundesbank. Die Bürger deckten sich mit Bargeld ein, weil sie den Banken nicht trauten. Und die Banken orderten viele große Scheine, weil sie Angst vor einem Sturm durch die Bürger hatten.

          Wertaufbewahrungsfunktion ist für viele Bargeld-Fans entscheidend

          Den wohl radikalsten Vorschlag zum Bargeld in letzter Zeit allerdings hat der frühere amerikanische Finanzminister Larry Summers gemacht. Er spekulierte, der Staat könnte das Bargeld ganz abschaffen. Wie anders sollten die Staaten reagieren, so fragte Summers in einer Rede, wenn die Zinsen bald auch nominal, also auf dem Papier, negativ werden – und die Leute lieber Geld horten, als es zur Bank zu bringen? Die leidenschaftlichen Bargeld-Fans in aller Welt jedenfalls werteten solche Gedankenspiele als untrügliches Signal dafür, dass die amerikanische Administration im Begriff sei, den „War on Cash“ drastisch zu verschärfen.

          Gerade in Deutschland ist das Bargeld schließlich außerordentlich beliebt, und zwar nicht nur als praktisches Zahlungsmittel. „Nur Bares ist Wahres“, weiß der Volksmund, und „Bargeld lacht“. Für viele Bargeld-Anhänger ist dabei die sogenannte „Wertaufbewahrungsfunktion“ entscheidend – die Möglichkeit, Geld in physischer Form anzusammeln. Laut Bundesbank werden nur 10 bis 15 Prozent des Bargelds für den täglichen Einkauf verwendet. 60 bis 70 Prozent fließen ins Ausland. Und 20 bis 30 Prozent werden im Inland gehortet.

          Heftige Proteste gegen die HSBC

          Helmut Rittgen, Zentralbereichsleiter Bargeld der Bundesbank, nennt dabei fünf Vorteile, die Leute in Umfragen für Bargeld anführen. Die Sicherheit spiele für viele eine Rolle: Bei der Kartenzahlung kann man Opfer von Betrügern werden – allerdings kann Bargeld natürlich auch gestohlen werden. Die höhere Akzeptanz von Bargeld ist vielen wichtig; Kreditkarten werden trotz allem noch nicht überall genommen. Auch die Kosten spielen eine Rolle, bei vielen Karten zahlt man in irgendeiner Form Gebühren. Und auch das Tempo beim Bezahlen führen Leute zugunsten des Bargelds an: Wer je in einer Supermarktschlange gestanden hat, in der viele mit Karten zahlen wollten, der weiß, warum.

          Vor allem aber ist den Menschen die Anonymität des Bargeldes wichtig, sagen sie in den Umfragen: Ausgerechnet jene Eigenschaft also, die den Staaten das Bargeld so verdächtig macht. „Bargeld ist Privatraum. Bargeld ist Freiheit“, beschreibt Geldexperte Rotzler diese Stärke physischer Zahlungsmittel. Bargeld ermöglicht es, zu sparen und zu kaufen, was man will, ohne dass irgendwer das kontrolliert. Finanzielle Autonomie; sie ist es, die bei einer totalen Verdrängung des Bargelds für die Bürger auf dem Spiel stehen würde.

          Kein Wunder, dass der Widerstand gegen jede Form der Beschränkung von Bargeld mitunter heftig werden kann. Das musste unlängst die britische HSBC erleben, die größte Bank Europas. Anfang des Jahres gab es einen öffentlichen Aufschrei, weil Mitarbeiter der Bank sich weigerten, am Schalter große Beträge in bar auszuzahlen, wenn die Kunden keinen Beleg über den Verwendungszweck vorlegen konnten. Es ging um Beträge zwischen 5.000 und 10.000 Pfund. Die Proteste („Willkür“, „Unverschämtheit“) wurden so stark, dass die mächtige Bank sich zu einer Entschuldigung bei ihren Kunden genötigt sah: Das Ganze sei ein Missverständnis. Bargeld werde es weiter geben. Für alle.

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