https://www.faz.net/-hsn-7pfyy

Mehr Kontrolle über Geldgeschäfte : Angriff auf das Bargeld

Zugleich gibt es eine Debatte über die Abschaffung großer Geldscheine – auch das mit dem Argument, Kriminellen die Arbeit zu erschweren. In Amerika druckt die Fed seit langem keine Banknoten über mehr als 100 Dollar mehr. Früher gab es auch Scheine über 500, 1.000, 5.000 und 10.000 Dollar, die zum Teil noch im Umlauf sind. Europa hingegen druckt nach wie vor 500-Euro-Scheine. Zumindest noch: Im April sorgte Vítor Constâncio, der Vizepräsident der EZB, für Schlagzeilen, als er verkündete, die Abschaffung des Scheines sei „eine Diskussion wert“.

Dabei hatte gerade der 500-Euro-Schein in der Finanzkrise eine wichtige Rolle gespielt. „Direkt nach der Lehman-Pleite gab es kurzfristig eine sehr starke Nachfrage nach 500-Euro-Scheinen“, sagt Ralph Rotzler, Bargeldexperte der Bundesbank. Die Bürger deckten sich mit Bargeld ein, weil sie den Banken nicht trauten. Und die Banken orderten viele große Scheine, weil sie Angst vor einem Sturm durch die Bürger hatten.

Wertaufbewahrungsfunktion ist für viele Bargeld-Fans entscheidend

Den wohl radikalsten Vorschlag zum Bargeld in letzter Zeit allerdings hat der frühere amerikanische Finanzminister Larry Summers gemacht. Er spekulierte, der Staat könnte das Bargeld ganz abschaffen. Wie anders sollten die Staaten reagieren, so fragte Summers in einer Rede, wenn die Zinsen bald auch nominal, also auf dem Papier, negativ werden – und die Leute lieber Geld horten, als es zur Bank zu bringen? Die leidenschaftlichen Bargeld-Fans in aller Welt jedenfalls werteten solche Gedankenspiele als untrügliches Signal dafür, dass die amerikanische Administration im Begriff sei, den „War on Cash“ drastisch zu verschärfen.

Gerade in Deutschland ist das Bargeld schließlich außerordentlich beliebt, und zwar nicht nur als praktisches Zahlungsmittel. „Nur Bares ist Wahres“, weiß der Volksmund, und „Bargeld lacht“. Für viele Bargeld-Anhänger ist dabei die sogenannte „Wertaufbewahrungsfunktion“ entscheidend – die Möglichkeit, Geld in physischer Form anzusammeln. Laut Bundesbank werden nur 10 bis 15 Prozent des Bargelds für den täglichen Einkauf verwendet. 60 bis 70 Prozent fließen ins Ausland. Und 20 bis 30 Prozent werden im Inland gehortet.

Heftige Proteste gegen die HSBC

Helmut Rittgen, Zentralbereichsleiter Bargeld der Bundesbank, nennt dabei fünf Vorteile, die Leute in Umfragen für Bargeld anführen. Die Sicherheit spiele für viele eine Rolle: Bei der Kartenzahlung kann man Opfer von Betrügern werden – allerdings kann Bargeld natürlich auch gestohlen werden. Die höhere Akzeptanz von Bargeld ist vielen wichtig; Kreditkarten werden trotz allem noch nicht überall genommen. Auch die Kosten spielen eine Rolle, bei vielen Karten zahlt man in irgendeiner Form Gebühren. Und auch das Tempo beim Bezahlen führen Leute zugunsten des Bargelds an: Wer je in einer Supermarktschlange gestanden hat, in der viele mit Karten zahlen wollten, der weiß, warum.

Vor allem aber ist den Menschen die Anonymität des Bargeldes wichtig, sagen sie in den Umfragen: Ausgerechnet jene Eigenschaft also, die den Staaten das Bargeld so verdächtig macht. „Bargeld ist Privatraum. Bargeld ist Freiheit“, beschreibt Geldexperte Rotzler diese Stärke physischer Zahlungsmittel. Bargeld ermöglicht es, zu sparen und zu kaufen, was man will, ohne dass irgendwer das kontrolliert. Finanzielle Autonomie; sie ist es, die bei einer totalen Verdrängung des Bargelds für die Bürger auf dem Spiel stehen würde.

Kein Wunder, dass der Widerstand gegen jede Form der Beschränkung von Bargeld mitunter heftig werden kann. Das musste unlängst die britische HSBC erleben, die größte Bank Europas. Anfang des Jahres gab es einen öffentlichen Aufschrei, weil Mitarbeiter der Bank sich weigerten, am Schalter große Beträge in bar auszuzahlen, wenn die Kunden keinen Beleg über den Verwendungszweck vorlegen konnten. Es ging um Beträge zwischen 5.000 und 10.000 Pfund. Die Proteste („Willkür“, „Unverschämtheit“) wurden so stark, dass die mächtige Bank sich zu einer Entschuldigung bei ihren Kunden genötigt sah: Das Ganze sei ein Missverständnis. Bargeld werde es weiter geben. Für alle.

Weitere Themen

Wer baut, bekommt Geld geschenkt

Pläne der KfW : Wer baut, bekommt Geld geschenkt

Die Staatsbank will erstmals Kredite mit Negativzinsen vergeben. Profitieren sollen Privatleute, Mittelstand und Kommunen. Bis die Negativzinsen beim Endkunden ankommen, könnte es allerdings noch dauern.

Topmeldungen

Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.