https://www.faz.net/-hsn-7mnyn

U-Bahn, Carsharing und Rad : Ein Leben ohne eigenes Auto?

  • -Aktualisiert am

Frank war ein Sonderfall. Er fährt nur rund 10.000 Kilometer pro Jahr, die dafür aber meist am Wochenende und fast immer spontan, wenn sich eine Ausfahrt mit Freunden in die Natur ergibt. Das Carsharing machte ihn „unlocker“, fand er, damit schaute er ständig auf die Uhr und rechnete, wie viel ihn ein Ausflug gerade kostete. Außerdem war es für ihn viel teurer, wenn er das Auto zwei Tage brauchte und viel Standzeit mitbezahlte. Ein Wochenende Carsharing kostete ihn inklusive 700 Kilometer Fahrt gut 200 Euro. Da er mindestens zwei Wochenenden im Monat „ganz weit draußen“ verbringt, war das eigene Auto für ihn billiger. Ein Mietwagen wäre in dem Fall mit 150 Euro günstiger gewesen. Den hätte er aber jedes Mal frühmorgens an der Station am Rande der Stadt abholen und dorthin zurückbringen müssen. Das machte ihm das Leben nicht gerade leichter.

Natürlich kann man sagen, Frank hatte ein Luxusproblem, er stieg jedenfalls nach einem halben Jahr wieder aufs Auto um. Sein Freund Matthias, der eher Stadtmensch ist und höchstens mal mit der Bahn von Großstadt zu Großstadt pendelt, um Freunde zu sehen, verstand das nicht. Er besitzt seit Jahren kein Auto mehr und findet, dass sich „das bisschen Aufwand sehr wohl lohnt, dass man beim Buchen und Organisieren eines Miet- oder Carsharingwagens hat. Schließlich fällt dafür die ständige Parkplatzsuche weg.“

Stau und Parkplatzsuche oder Spaß und Spontaneität

Mit seinem alten Anwohnerparkausweis konnte er nur noch in einer handvoll Straßen parken. Den geteilten Wagen lässt er einfach überall stehen, wo eine Lücke ist. Die Fahrten zu TÜV, Reifenwechsel und Werkstatt spart er sich außerdem. Er ist Pragmatiker und damit prädestiniert, ohne Auto zu leben.

Susanne weiß noch nicht, ob sie eher Frank oder Matthias zustimmt. Ihr fiel bisher vor allem eines auf: Es ist nicht mehr so oft sie, die über ihre Wochenenden entscheidet, sondern es sind die Mitfahrgelegenheiten, die sich ihr bieten – oder eben nicht.

Vor allem als es zuletzt darum ging, eine Woche mit Freunden in die Berge zu fahren, stieg sie aus. 350 Euro hätte sie allein der Mietwagen gekostet, weil niemand sie mitnehmen konnte. „Das fand ich unverhältnismäßig, da lohnt sich ja kein Kurzurlaub mehr.“ Die Autolosigkeit hält Susanne momentan von einigen Freizeitbeschäftigungen ab, die ihr bisher stets lieb und auch teuer waren. Das ärgert sie so, dass sie angefangen hat, Gebrauchtwagenpreise zu vergleichen.

Was sie dadurch lernte, sagen Mobilitätsberater: Es sind nicht nur die bloßen Kosten, die darüber entscheiden, für wen ein autofreies Leben taugt. Viele unterschätzen die emotionale Komponente. Wer das eigene Auto primär mit Wartungsstress, Stau und Parkplatzsuche verbindet, steigt eher aus, als jemand, der damit in erster Linie Freiheit, Spaß und Spontaneität verbindet. Die Frage ist also: Wie viel Freiheitsdrang und Benzin hat man im Blut?

Besonders schwierig ist das autofreie Leben für alle, die ländlich wohnen, nur schlechte Nahverkehrsverbindungen haben – und auch noch Kinder. So weit ist das vermutlich nicht sonderlich überraschend, aber spannend ist, was auch hier ohne Auto möglich ist, wenn Bewohner Fahrgemeinschaften bilden, Familien sich Autos teilen oder auf Elektrofahrräder und Mopeds umsteigen, so ermuntert eine Verkehrsstudie der TU Berlin, die Vorschläge macht, wie mobiles Leben auch ohne Individualverkehr funktioniert.

Im ländlichen Raum ist autofreies Leben zwar „eine große Herausforderung“, betont der Bonner Verein, aber es ist grundsätzlich möglich. Man müsste es eben nur mal ausprobieren. Warum also nicht mal das eigene Auto für eine Saison abmelden und „Autofasten“? Das kann man auch tun, bevor sich das eigene Auto in Rauch und Schrott auflöst und man um die heikle Frage nicht mehr herumkommt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.
Hans Kammler (Mitte) auf dem Weg zu einer rüstungstechnischen Anlage bei Ebensee (1944).

„Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.