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TÜV, Stiftung Warentest und Co. : Vorsicht, Verbraucherschützer

Bild: Illu F.A.S.

Die Stiftung Warentest hat geschlampt, der ADAC geschummelt. Die Verbraucherschützer verspielen ihren Kredit. Wem kann man noch trauen?

          Selbst der Papst erhebt heutzutage nicht mehr den Anspruch, unfehlbar zu sein. Von manchen Institutionen allerdings glaubten viele Verbraucher, sie machten keine Fehler. Die Stiftung Warentest war quasi die oberste Produktprüfbehörde der Nation und der ADAC der oberste Autotester. Ihre Produktchecks und Pannenstatistiken waren Gesetz. Doch jetzt strafte ein Gericht die Warentester ab (Fall Ritter Sport), und der ADAC gab zu, Daten grob gefälscht zu haben. Fragt man Konsumenten, welchen Organisationen sie jetzt noch vertrauen, sagen 54 Prozent der Befragten: „Ich vertraue niemandem mehr.“

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gibt es in diesem Land überhaupt noch jemanden, auf dessen Urteil sich Verbraucher verlassen können? Danach sehnen sich viele Konsumenten, die täglich vor vollen Regalen stehen: nach einer übergeordneten Prüfinstanz, die hilft, im Überangebot der Waren die richtige Kaufentscheidung zu treffen.

          Kontrolle der Kontrolleure findet nicht statt

          Natürlich ist die Stiftung nicht die einzige Testorganisation. Aber sie ist die bekannteste und immerhin 90 Prozent der Bundesbürger ein Begriff. Dass sie vom Staat mitfinanziert wird, macht sie für viele zur höheren Instanz. Es gibt aber viele andere private Prüflabore, staatliche wie den TÜV, einige Medienunternehmen – wie Ökotest und Guter Rat – sowie Dutzende Internetportale, die an der Verbraucheraufklärung arbeiten, Produkte testen und bewerten.

          Doch wie gut sind sie? Diese Frage ist die schwierigste, die man der Branche stellen kann. Denn eine Kontrolle der Kontrolleure findet nicht statt. Das Verbraucherministerium winkt ab: „Wir können uns nicht anmaßen zu sagen, wer seine Arbeit gut macht und wer nicht“, sagt Ministeriumssprecher Christian Fronczak. „Wir finden: Jeder Test ist eine Orientierungshilfe für Kunden. Aber es gibt natürlich verlässliche und weniger verlässliche.“

          Auch die Wissenschaft hat keine Rankings erstellt. Will man die Tester untereinander vergleichen, sagt Andreas Oehler, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Bamberg und Direktor der Forschungsstelle Verbraucherfinanzen und Verbraucherbildung, gäbe es drei Prüfkriterien:

          Erstens die „Identifizierung“: Gibt sich eine Testorganisation klar zu erkennen? Weiß man, wer dahintersteckt? Legt sie offen, von wem sie Geld bekommt und ob Provisionen fließen? Schon da schneiden vor allem die Bewertungsportale schlecht ab. Bei denen prangen hinter den Siegerprodukten der „unabhängigen Vergleiche“ oft Links zu den Herstellern. Und die zahlen den Portalen meist pro Kaufklick eine Provision.

          Unabhängigkeit steht in Frage

          Die Produkttester der Medienhäuser finanzieren sich durch den Verkauf von Zeitschriften, in denen sie die Ergebnisse veröffentlichen – und durch Anzeigen. Das lässt immer wieder die Frage aufkommen, wie unabhängig die Redaktionen wirklich von Anzeigenkunden sind. In einem Heft etwa empfahl „Öko-Test“ Biosalate, darin fanden sich sechs Anzeigen von Bio-Anbietern, kritisierte 2013 der Industrieverband Agrar. Eine Sonderstellung nimmt die Stiftung Warentest ein. „Werbeerlöse jeglicher Art gibt es bei uns nicht“, sagt Stiftungsvorstand Hubertus Primus. Als Ausgleich dafür bekommt die Stiftung die staatlichen Zuschüsse. „Die machen derzeit 5,5 Millionen Euro aus“, sagt Primus, zehn Prozent der Gesamtumsätze. Die restlichen 90 Prozent bringen der Verkauf der Magazine und Ergebnisabrufe im Internet.

          Zweitens die „Verifizierung“: Kann der Nutzer die Kriterien für Tests nachvollziehen? Sagen die Tester klar und verständlich, wie sie geprüft haben, welche Grenzwerte galten und wie sie gewichteten? „In Zukunft müssen alle wesentlich genauer darstellen, wie sie vorgegangen sind und warum sie Produkte abgewertet haben, auch die Stiftung Warentest“, sagt „Ökotest“-Herausgeber Jürgen Stellpflug.

          Drittes Kriterium ist die „Relevanz“: Prüfen die Tester, was wirklich wichtig ist? Bewerten sie bei einer Waschmaschine nicht nur Programme, Lautstärke und Wasserverbrauch, sondern auch Waschleistung und Haltbarkeit? Hier hapert es besonders bei Bewertungsportalen, bei denen Käufer gerne „den schicken Karton“ oder den „Charme“ von Digitalkameras loben, statt ihrer Funktionen.

          „Ob ein Produkt schmeckt, kann jeder Kunde selbst entscheiden“

          Auch die Großtester der Branche streiten gelegentlich, was bei einem Produkt wichtig ist. So kamen Ökotest und Stiftung Warentest schon häufiger bei den gleichen Produkten zu völlig unterschiedlichen Bewertungen. Bei Lebensmitteln etwa legt Stiftung Warentest viel Wert auf Sensorik, also Aussehen, Geruch und Geschmack. Die Frage, ob Schadstoffe im Produkt sind, gewichtet sie in der Regel weniger stark. „Wir meinen, dass ein ganzheitlicher Test sagen muss, was ein Produkt für den Kunden bewirkt. Umwelt ist da nur ein Teilaspekt“, sagt Stiftungs-Chef Hubertus Primus. Ökotest hingegen nimmt für sich in Anspruch, Schad- und Inhaltsstoffe stärker zu gewichten, sagt Stellpflug: „Ob ein Produkt schmeckt, kann jeder Kunde selbst entscheiden.“ Beide Organisationen haben sich aber in den Prüfkriterien deutlich angenähert.

          Fragt man Verbraucherwissenschaftler wie Andreas Oehler, wer nun der beste Tester im ganzen Land sei, lautet sein Votum: „Wenn man die drei Kriterien zusammennimmt, dann ist die Stiftung Warentest am ehesten diejenige, bei der grundsätzlich alle drei Kriterien erfüllt sind. Je mehr ich dort kennenlerne, desto eher kann ich das untermauern. Natürlich passieren auch hier immer mal Fehler, aber sie bemüht sich um ein ausgeklügeltes Fehlervermeidungssystem.“

          Das jüngste Urteil gegen die Stiftung könnte es aber der ganzen Branche und den Kunden schwerer machen, fürchtet „Ökotest“-Chef Stellpflug: „Der weite Spielraum, den der Bundesgerichtshof den Testveranstaltern bisher eingeräumt hat, wird erheblich eingeengt.“

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