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Nachhaltiges Textilsiegel : Ethisch Textilien kaufen

Der Krabbelschuh „Sendung mit der Maus“ von Pololo - laut IVN nachhaltiges Leder Bild: naturtextil.de

Entwicklungsminister Gerd Müller will ein neues Textilsiegel für die Modebranche. Das soll soziale und ökologische Mindeststandards bringen. Bisher herrscht dort Wildwuchs. Ein kleiner Wegweiser.

          3 Min.

          Entwicklungsminister Gerd Müller will noch in diesem Jahr ein neues Siegel für nachhaltig produzierte Kleidung einführen. In den kommenden Wochen will Müller einen runden Tisch der deutschen Textilwirtschaft einberufen. Die Branche soll sich zunächst selbst verpflichten, soziale Standards bei Löhnen und im Arbeits- und Umweltschutz einzuhalten.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Laut Müller soll es demnächst auch ein Internet-Portal geben, „das es allen Verbraucherinnen und Verbrauchern möglich macht, zu überprüfen, ob der Hersteller die von uns geforderten Mindeststandards einhält“.

          Müller scheint offenbar mit den bisherigen Anstrengungen der Branche nicht zufrieden zu sein. Denn auch heute schon haben Verbraucher die Möglichkeit, ihren Kleiderkauf nach ökologischen und entwicklungspolitischen Kriterien auszurichten, wenn sie auf die existierenden Siegel achten.

          Öko-, Sozial- oder Nachhaltigskeits-Siegel

          Die bekanntesten davon dürften die Oeko-Tex-Label und der Blaue Engel für Textilien sein. Während die Oeko-Tex-Label hauptsächlich ökologische Kritierien zugrunde legen, hat der Blaue Engel einen umfangreichen Kriterien-Katalog. Unter anderem müssen grundlegende Prinzipien und Rechte laut den geltenden Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) entlang der Wertschöpfungskette erfüllt sein. Doch derzeit gibt es keinen Anbieter, der dieses Siegel trägt.

          Die bekannten herkömmlichen Oeko-Tex-Label sind dagegen weicher gefasst. Der Standard 100 ist ein rein gesundheitsbezogenes Label, der Standard 100plus bezieht einige Kriterien der ILO-Normen mit ein. Unter den Anbietern von fertigen Textilprodukten hat etwa der Hemdenhersteller Eterna das 100plus-Siegel. Dieser führt zudem als eins von acht Unternehmen das im Juli 2013 eingeführte „STeP“-Siegel von Oeko-Tex, das eine ganzheitliche Analyse und Bewertung in Bezug auf nachhaltige Produktionsbedingungen zum Ziel hat. Auch Esquel, chinesischer Hersteller von Baumwollhemden, führt das Siegel, der unter anderem für Abercrombie & Fitch, Esprit und Nike produziert. Das gilt auch für den slowakischen Hersteller Zornica mit dem Label „Max“.

          Weniger bekannte Umweltlabel sind das europäische Umweltzeichen, die „Euroblume“ und der Bluesign Standard. Ein reines Soziallabel ist dagegen „Fairwear“ der gleichnamigen Stiftung. 37 Marken listet Fairwear für deutsche Verbraucher auf. Die meisten davon sind weniger bekannt. Zu den größten zählen Jack Wolfskin und die Textilkette Takko.

          Labels nur für Naturfasern

          Darüber hinaus gibt es einige Labels, die nur für Naturfasern gelten. Das bekannteste davon ist wohl das „Fairtrade“-Siegel, das gleichzeitig eines der am wenigsten breiten Label ist. Fairtrade ist vor allem ein Soziallabel, das aber einen umfassenden Kriterienkatalog zugrundelegt. Allerdings bezieht sich Fairtrade nur auf die Baumwollproduktion. Nichtsdestoweniger listet Fairtrade auf seinen Internet-Seiten 53 Einkaufsmöglichkeiten für Verbraucher in Deutschland, unter anderem die Adler Modemärkte oder Jack & Jones.

          Einen ähnlichen Anspruch scheint auch „Cotton made in Africa“ mit der Fokussierung auf den schwarzen Kontinent zu verfolgen. Allerdings sind die Mindestanforderungen niedrig und liegen unter den ILO-Normen. Als Ausschlusskriterien gelten etwa nur Sklaverei, Menschenhandel und Kinderarbeit. Die niedrigen Standards dürften mit ein Grund dafür sein, dass das Label von zahlreichen namhaften Unternehmen unterstützt wird. Mit dabei sind unter anderem Textilversender wie Otto oder Baur, Einzelhändler wie Tom Tailor, Rewe, Tchibo oder Penny sowie Marken wie S.Oliver, Puma oder H.I.S.

          Daneben gibt es etliche wesentlich umfassendere Label wie BEST vom Internationalen Verband der der Naturtextilwirtschaft IVN, Naturland oder G.O.T.S. Vom IVN gibt es zudem ein Label für Naturleder. An den Vorgaben dieser Zertifizierer orientieren sich allerdings nur wenige namhafte Ketten. So haben in Deutschland der Drogeriemarkt dm und der Übergrößenspezialist Ulla Popken G.O.T.S.-Waren im Angebot. Bei dm gibt es Unterwäsche und Kinderkleidung, bei Ulla Popken Kleidung aus Biowolle und kontrolliert biologischem Anbau.

          Zu guter Letzt gibt es auch einige herstellereigene Label wie Hessnatur oder Bio-Re. Beide Unternehmen haben einen eigenen Kriterienkatalog aufgestellt, der nachhaltig produzierte Produkte garantieren soll. Hess verfügt zudem über etliche andere Zertifizierungen.

          Trotz der Vielfalt an Zertifizierungen und Siegel gibt es aber immer noch viele Hersteller und Händler, die keine oder nur teilweise Siegel-Ware führen. Zudem ist der Wildwuchs schwer zu überschauen. Insofern könnte eine ordnende Hand hier für größere Verbreitung und Transparenz sorgen.

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