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Neue Zahlungssysteme : Abzocke im Fußballstadion

  • -Aktualisiert am

Ein Prosit auf die Fußball-Millionäre Bild: pixathlon

Würstchen und Bier gibt es in vielen Stadien nur noch mit eigener Klubkarte. Die Fans zahlen drauf, die Vereine freuen sich über Millionengewinne. Das Bargeld verschwindet zunehmend aus den großen Arenen.

          Das in deutschen Fußballstadien verbreitete bargeldlose Zahlungssystem hat sich zu einer besonderen Einnahmequelle der Clubs zu Lasten der Fans entwickelt. Statt der versprochenen Zeitersparnis für die Zuschauer bringt der Trick mit der Karte vor allem eines: saftige Sondererlöse für die Vereine. Bayern München allein nimmt unverdient Millionen damit ein. Von den 18 Bundesliga-Klubs akzeptieren aktuell nur noch fünf Bargeld in ihren Stadien. Neun beharren auf klubeigenen Geldkarten.

          Die Prozedur läuft folgendermaßen: Der Zuschauer muss im Stadion zuerst eine Karte leihen; bis zu drei Euro beträgt allein das Pfand. Anschließend muss er die Karte aufladen, das ist meistens nur in Fünf-Euro-Schritten möglich. Die Folge: Am Ende des Stadionbesuchs bleiben Restbeträge auf den Karten. „Kein Problem“, sagen die Vereine. Die Karten könnten schließlich an Automaten nach dem Spiel wieder zurückgegeben werden. Dann bekämen die Fans auch ihr Guthaben zurück.

          Überhaupt profitierten ja gerade die Zuschauer vom bargeldlosen Zahlsystem, da die Wartezeiten an den Imbissständen deutlich kürzer ausfielen. Dieses Argument ist jedoch fadenscheinig. Um eine Bratwurst zu kaufen, muss sich ein Stadionbesucher jetzt dreimal anstellen: erst um die Karte zu leihen, dann um die Bratwurst zu kaufen und zuletzt, um die Karte wieder zurückzugeben.

          Mehreinnahmen durch „Schlummergroschen“

          Aber wer möchte schon nach Spielende lange an den Rückgabeautomaten warten, nur um sich dann ganz hinten in das Verkehrschaos rund ums Stadion einzureihen? Daher lassen viele Zuschauer das Geld auf der Karte, ohne es auszugeben. Diese Phänomen nennt sich „Schlummergroschen“. Und da das jedes Wochenende tausendfach so passiert, bringt es einigen Klubs noch mehr Einnahmen.

          Die Allianz Arena Payment GmbH beispielsweise gehört zum Konzernverbund der FC Bayern München AG. Sie ist zuständig für die Zahlungsabwicklung in der Allianz Arena. Im Jahresabschlussbericht zum Geschäftsjahr 2009/2010 heißt es zum Thema Schlummergroschen: „Erstmalig wurden verfallene Kartenguthaben ergebnismäßig vereinnahmt.“ 2,4 Millionen Euro wurden unter dem Posten „sonstige betriebliche Erträge“ aufgeführt. Wer seine Karte dem FC Bayern postalisch zuschickt, bekommt selbstverständlich sein Geld zurück, so der Bericht.

          Für die Überweisung fällt aber genauso selbstverständlich eine Bearbeitungsgebühr an. Viele Stadionbesucher scheinen diese Mühen nicht auf sich nehmen zu wollen. Die Rücklagen der Payment GmbH für diese „Kulanzzahlungen“ liegen weit unter den vereinnahmten Restguthaben. Wie viele dieser „Arena-Cards“ die Stadionbesucher in München insgesamt an einem Spieltag aufladen und wie viele davon die Karte zurückgeben, darüber möchten die Stadionbetreiber keine Auskunft geben. Doch klar ist: Das System bietet den Vereinen nicht nur Mehreinnahmen durch einen schnelleren Zahlungsvorgang. Sie verdienen auch kräftig mit den nicht aufgebrauchten Kundenguthaben und manch einer auch mit nicht zurückerstatteten Kartenpfand.

          Nicht alle Vereine sind überzeugt

          Fanfreundlicher ist dagegen die zweite Variante. Sie beruht auf gängigen Geldkarten. Diese sind in der Bevölkerung relativ weit verbreitet, und zwar auf der girocard. Der goldene oder silberne Chip auf der Oberseite der Karte kann mit Geld aufgeladen werden. Insgesamt nur vier Vereine akzeptieren aktuell die Geldkarte als Zahlungsmittel. Der Vorteil für die Fans gegenüber der geschlossenen Variante liegt hierbei aber auf der Hand: Das Guthaben kann auch außerhalb des Stadiongeländes aufgeladen und genutzt werden, es verfällt nicht und ist auch vergleichsweise leicht auszulösen. Zudem müssen sich die meisten Zuschauer keine Extra-Karte für das Stadion zulegen.

          Den Auswärtsfans kommen die meisten Bundesligavereine entgegen. Oft kann im Gästebereich noch mit Bargeld gezahlt werden. Wie sehr den Fans der Zwang zu Karte dennoch ein Dorn im Auge ist, zeigt das Beispiel Borussia Mönchengladbach. Bei einer Fanumfrage fiel eine mögliche Einführung einer Stadion-Karte glatt durch, und der Verein ließ die Finger davon.

          Ob offene oder geschlossene Variante, eines bleibt sich gleich: Vor allem die Klubs profitieren von der Einführung der Kartenzahlung in ihren Stadien. 2009 stellte beispielsweise Bayer Leverkusen auf das offene System um, seitdem geben die Zuschauer mehr als doppelt so viel Geld für Bratwurst und Bier in der BayArena aus: Statt 1,90 Euro lassen sie fast vier Euro im Schnitt im Stadion. Auch Werder Bremen jubelte über ein Umsatzplus von immerhin 20 Prozent – und das schon im ersten Jahr nach Einführung der „Werder-Card“. Doch offensichtlich konnte das bargeldlose System nicht alle Vereine überzeugen. Manch einer verabschiedet sich schon wieder von der reinen Kartenzahlung: Der VfB Stuttgart hat kürzlich verlautet, dass er ab der kommenden Saison in seinem Stadion wieder Bargeld akzeptieren wird. Auf der Facebook-Seite des Vereins gab es für die Ankündigung reichlich Lob von Seiten der Fans.

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