https://www.faz.net/-hsn-7n4xu

Mobiles Bezahlen : Die Schwierigkeiten der Handy-Geldbörse

Nur wenige Deutsche nutzen das Handy auch zum Bezahlen. Bild: dpa

In Entwicklungsländern boomt das Bezahlen mit dem Handy. Doch im Hochtechnologieland Deutschland will kaum einer damit bezahlen. Warum eigentlich nicht?

          Kann ich auch mit dem Handy zahlen? Geht es nach Kartenanbietern und den Händlern selbst, sollen Kunden diese Frage an der Kasse demnächst viel häufiger stellen. Irgendwie liegt es auch auf der Hand: Neun von zehn Deutschen über 14 Jahre besitzen dem Branchenverband Bitkom zufolge ein Handy. Doch kaum einer zahlt mit ihm. Laut dem Beratungsunternehmen Bain & Company nutzen hierzulande lediglich 13 Prozent mobile Bezahldienste mit dem Handy. Zum Vergleich: Im Schnitt sind es in Industrieländern rund 20 Prozent. Um das herauszufinden, befragten die Analysten 190.200 Menschen in 27 Ländern.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Entwicklungsländern bezahlen noch deutlich mehr Menschen mit ihrem Handy oder Tabletcomputer: Im Schnitt ist es dort etwa jeder Dritte, in China sogar jeder Zweite. Afrika war in der Befragung nicht mit enthalten, aber man kann sicher davon ausgehen, dass die Zahlen dort ähnlich sind. Ein Beispiel: Mit rund 85 Prozent der Menschen haben dort fast so viele Menschen ein Handy wie in Deutschland. Und von den 38,6 Millionen Einwohnern Kenias nutzen 17,3 Millionen die Handybank Mpesa.

          Warum läuft die Handyzahlung in Entwicklungsländern so viel besser als in Deutschland? Während sich hier an jeder Ecke eine Sparkasse befindet, ist in manchen Ländern die nächste Bank kilometerweit weg. Daher besitzen dort auch die wenigsten ein Konto, die Menschen haben eher ein Handy. Selbst in den entlegensten Gebieten kann man mittlerweile telefonieren und im Internet surfen.

          In Schwellenländern wird deutlich häufiger mit Smartphone oder Tabletcomputer bezahlt als in den Industriestaaten

          Bei Mpesa muss man sich zum Beispiel registrieren und kann dann Guthaben per SMS übertragen. Dieses kann bei den Zehntausenden Mpesa-Läden ausgezahlt werden, das Netz ist engmaschiger als das der Post- oder Bankfilialen. Das Mobiltelefon wird wirklich Konto und Geldbörse. Denn auch Löhne werden auf das Handy überwiesen, die Strom- und Wasseranbieter erlauben das Zahlen mit dem Mobiltelefon, und selbst in Supermärkten ist Bargeld kaum vonnöten. Im Jahr 2010 wurden etwa 200 Millionen Euro monatlich in Kenia mit dem Handy übertragen. Zum Vergleich: Bei Kreditkarten betrug der Gesamtumsatz mit 300 Millionen Euro pro Monat nur unwesentlich mehr.

          Doch in Industrieländern herrscht nicht nur eine größere Technologieskepsis, wie leicht an Angeboten wie Googles Streetview zu beobachten ist. Hierzulande gibt es schlicht und einfach keinen Bedarf für das Zahlen mit dem Handy in seiner jetzigen Form. Fast jeder hat eine EC- oder Kreditkarte, und viele benutzen Online-Banking. An jeder Ecke in jedem Dorf finden sich Geldautomaten. In Deutschland scheint es für Handyzahlung einfach keinen großen Markt zu geben. Das hat mehrere Ursachen.

          Große Anbieter versuchen Standards durchzusetzen

          Zum einen wäre da das Gewimmel der Anbieter. Es gibt ausschließlich Insellösungen und kein großes Unternehmen, das Standards setzt. Für nahezu jeden Supermarkt oder Laden gibt es andere Bezahlprogramme für das Handy. Das ist umständlich und macht den Einstieg in die Handyzahlung schwierig. Außerdem gibt es zahlreiche Varianten, wie genau das abgewickelt wird. Bei manchen muss man einen QR-Code – das ist ein Strichcode fürs Handy – abfotografieren. Bei anderen reicht einfach die Eingabe des Rechnungsbetrags und einer Pin. Bei anderen muss man ein Extra-Gerät an das Mobiltelefon anstecken. Andere nutzen wiederum interne Chips im Smartphone. Die Targobank hat einen Chip entwickelt, den man einfach auf sein Handy klebt und der als Außenstelle der Kreditkarte dient. Ein Gewimmel von unterschiedlichen Angeboten, bei denen kaum noch einer durchsieht. Doch nicht nur die Verbraucher zieren sich, auch der Handel ist noch skeptisch. Sie fürchten, dass ihre Kassen mit verschiedenen Bezahlterminals zugebaut werden und die Gebühren der Kreditkarten- und Mobiltelefonfirmen zu hoch für den Handel sind.

          Daher versuchen nun auch große Anbieter wie Paypal, Mastercard oder Google in den Markt einzusteigen, um mit ihrer vorhandenen Marktmacht einen Standard durchzudrücken und diese Ängste zu zerstreuen. Mastercard hat etwa auf der Mobilfunkmesse in Barcelona ein neues Bezahlsystem vorgestellt und wird dabei von der Telekom, Vodafone und O2 unterstützt. Google möchte sein Geldbörsenprogramm „Wallet“ auch ausweiten. Und Paypal versucht mit einer eigenen Lösung, bei der Strichcodes abfotografiert werden, auch zu punkten.

          Doch ob sich solch eine Lösung durchsetzen wird, steht noch in den Sternen. So ist das mobile Bezahlen zwar ein nettes Extraangebot. Wer aber Online-Banking benutzt oder bereits eine EC- oder Kreditkarte besitzt, hat durch das Zahlen mit dem Handy keinen großen Vorteil.

          Weitere Themen

          Die Quadratur des Kreises

          FAZ Plus Artikel: Reform der Altersvorsorge : Die Quadratur des Kreises

          Die deutsche Altersvorsorge gilt als komplex, stark reguliert und nicht immer logisch. Anlagen mit negativen Zinsen werfen nicht genug ab. Doch die Deutschen wollen nicht auf Garantien verzichten. Versicherer suchen deshalb nach Kompromissen.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.
          Der Hedgefonds Elliott hat seinen Einstieg bei Bayer publik gemacht.

          Wegen seiner Mischstruktur : Elliott macht Bayer jetzt richtig Druck

          Der amerikanische Hedge-Fonds lässt Andeutungen fallen, die als Aufforderung zur Aufspaltung interpretiert werden können. Ganz nebenbei bestätigt er: Man ist mit einem 2-Prozent-Paket am Mischkonzern beteiligt.
          Nur schonungslose Aufklärung kann künftige Unfälle verhindert, sagt Peter Klement, General Flugsicherheit der Bundeswehr.

          Peter Klement : Dieser General untersucht den Eurofighter-Absturz

          Mit der Aufklärung des Absturzes eines Tiger-Kampfhubschraubers in Mali machte er sich im Bundestag einen Namen. Auch bei seinem jüngsten Fall verspricht er schonungslose Aufklärung. Ob es gefällt oder nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.