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Lieferdienste : Im Test: Lebensmittel aus dem Internet

  • -Aktualisiert am

Bild: Maximilian Stock LTD / StockFood

Wer seine Einkäufe im Netz bestellen und liefern lassen will, hat ein immer größeres Angebot. Wir haben es ausprobiert und sechs Lebensmittelhändler der Republik ins Haus kommen lassen.

          5 Min.

          Es ist Zeit für ein Bekenntnis: Gewöhnlich kaufe ich mehrmals pro Woche ein, was aber nur daran liegt, dass einem als Städter gar nichts anderes übrigbleibt, als alles in homöopathischen Dosen heranzuschaffen. Außerdem bin ich Späteinkäufer und stürme immer erst kurz vor Schluss den nächsten Laden. Einkaufen gehört daher nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich finde, dass mir auch mal jemand das Tütentragen und Flaschenschleppen abnehmen könnte. Lebensmittel kann man schließlich im Internet bestellen – man kann es zumindest mal versuchen. Vergangene Woche habe ich es getan.

          Bisher wagen das sehr wenige Kunden. Dabei liefern immer mehr Händler direkt ins Haus: Die Handelsketten Rewe, Edeka und Tengelmann haben bundesweit Lieferdienste. Online-Händler wie Lebensmittel.de und Food.de versorgen aus Zentrallagern die Republik. Die Deutsche Post hat sich den Online-Supermarkt Allyouneed einverleibt. Amazon will ebenfalls sein Lebensmittelsortiment ausweiten, und vergangene Woche kündigte die Telekom an, mit Mall2go künftig Mitarbeiter von Großunternehmen am Arbeitsplatz mit Lebensmitteln zu beliefern.

          Kommen die Pakete auch an?

          Zurzeit aber kauft nur jeder Hundertste Deutsche regelmäßig Lebensmittel im Internet. Wieso auch, wo jeder einen Supermarkt direkt um die Ecke hat? Zudem achten wir mehr als andere Nationen auf den Preis, warum also sollten wir für Lieferdienste zusätzliches Geld ausgeben? Nur 500 Millionen Euro setzt der Einzelhandel bisher mit Lebensmitteln online um, das sind 0,3 Prozent dessen, was wir dafür jährlich ausgeben. Vier von fünf Konsumenten haben noch nie ihre Kühlschrankfüllung im Internet geordert, sagen die Unternehmensberatungen A.T. Kearney und McKinsey, denn dreiviertel der Kunden möchten sehen und anfassen, was sie kaufen. Über die Hälfte ist zudem unsicher, ob die Qualität beim Online-Kauf auch stimmt.

          Andererseits verputzen wir auch viele Standardwaren: Milch, Saft, Nudeln, Müsli – abgepackt und eingeschweißt. Nichts, von dessen Zustand man sich im Laden groß überzeugen muss. All das ließe sich ganz praktisch per Knopfdruck bestellen. Deshalb sagen Marktanalysten euphorisch: Bis 2020 werden bis zu 15 Prozent der Lebensmittel übers Internet verkauft. Rund 200 Millionen Fresspakete wären zusätzlich auf dem Weg durch die Republik.

          Bild: F.A.Z.

          Da frage ich mich eines: Kommen die auch an? Von den Paketen, die ich sonst im Internet bestelle, landet nur jedes Zweite bei mir. Die andere Hälfte strandet bei Nachbarn, Postfilialen oder Geschäften ums Eck, die sie oft genug als Irrläufer zurücksenden. Wie viel von meinem Online-Order-Obst steht also diese Woche beim Gemüsemann nebenan?

          Sechs Lieferungen sollen den Weg zu mir finden. Ich teste Rewe, Edeka und Tengelmann. Außerdem Food.de und MyTime. Bei Amazon bestelle ich nicht. Das Sortiment ist zu klein, die Packungen dafür viel zu groß: Was soll ich mit vier Kilo Nudeln und drei Kilo Kaffee? Auch Lebensmittel.de bleibt auf der Strecke. Der OnlineSupermarkt stellt sein Lager um, teilt die Website mit, die meisten Produkte sind gerade nicht im Programm. Dafür setze ich auf die Post und Allyouneed.

          Vier bis fünf Euro pro Lieferung

          Das Wichtigste vorab: Am Ende der Woche ist mein Kühlschrank tatsächlich voll – und mein Konto eine Ecke leerer. Prinzipiell verlangen die Bringdienste vier bis fünf Euro pro Lieferung, das erscheint mir fair dafür, dass sie mir das Essen bis zur Wohnung tragen und ein Kurier sogar alles in die Küche legt. Wer aber frisches Obst und Gemüse bestellt oder Tiefkühlbrötchen, greift bei manchen tiefer in die Tasche: Satte zwölf Euro berechnet MyTime bei 26 Euro Warenwert für „Frischeaufschlag“, Versand und als Kühlboxpfand.

          Bei Edeka24 wird’s teuer, wenn man nicht per Vorkasse Waren zahlen will, an deren Eintreffen man noch nicht glaubt. Und wenn man nicht gleich seine Kreditkartendaten rausrücken, sondern lieber per Nachnahme ordern will. Dafür sind zehn Euro fällig. Andere wie Food.de oder Tengelmanns Bringmeister bieten immerhin die Möglichkeit, ohne Aufpreis bar oder mit EC-Karte an der Haustür zu zahlen. Insgesamt kostet es mich 230 Euro – dafür bekomme ich Lebensmittel im Wert von 160 Euro.

          Die Auswahl der Online-Läden ist reichlich. Vor allem Allyouneed hält, was sein Name verspricht und bietet etwa 126 Sorten Nudeln, 326 Arten Joghurt und 21 verschiedene Kaffees. Meine Wochenration, die ich zum Leben brauche, steht fest: Gemüse, Obst, Saft, Joghurt, Milch, Eier, Käse, Müsli und Nudeln, zehn Standarddinge also. Auf ein paar Marken bin ich dabei eingeschworen, darum bestelle ich im Internet auch nur die Kaffee- und Müslisorten, zu denen ich sonst im Laden greife. Ich will ja nicht möglichst billig einkaufen, sondern gewohnheitsgetreu.

          Rewe macht es unglaublich schwer

          Bei vier Läden klappt das: Allyouneed, MyTime, Rewe und Tengelmanns Bringmeister haben alle Wunschlebensmittel im Programm. Bei Food.de überzeugt mich die Käse- und Gemüseauswahl nicht. Und Edeka24 hat kaum Frisch- und Kühlwaren, sondern nur, was lange haltbar ist. So kommen weder Obst, Gemüse noch Milchprodukte ins Körbchen. Dafür könnte ich mich mit Drogerieartikeln eindecken bis zum Abwinken.

          Flott habe ich bei fast allen den Warenkorb gepackt und ein Kundenkonto angelegt. Bloß an einer Seite scheitere ich fast: Rewe macht es mir unglaublich schwer. Zuerst bringe ich meinen Warenkorb nicht zur Kasse, weil er den Mindestbestellwert von 40 Euro nicht erreicht – ein Warnhinweis wäre nett gewesen. Dann klappere ich so viele Seiten zur Eingabe meiner Liefer- und Bezahldaten ab, bis die Kassenseite meldet: „Ihr Warenkorb ist leer.“ Er hat unterwegs alle Produkte verloren. Erst nach fünf Anläufen und am nächsten Morgen klappt’s. Bis dahin hätte ich unter Normalbedingungen die Nerven verloren und wäre lieber in die Filiale um die Ecke gelaufen.

          Die große Frage aber ist: Kann ich auswählen, wann die Pakete bei mir sind? Da überzeugen mich Food.de, Bringmeister und diesmal auch Rewe. Sie grenzen auf Zwei-Stunden-Zeitslots genau ein, wann mein Essen kommt, und liefern zwischen 8:30 und 22 Uhr (Tengelmann 9 bis 21 Uhr), manche sogar samstags. MyTime kündigt grob an, am nächsten Werktag zwischen 7 und 12 Uhr zu liefern. Edeka24 und Allyouneed lassen mir gar keine Wahl. So warte ich, bis der Paketdienst kommt.

          Die Überraschung: Alle sechs Pakete landen tatsächlich bei mir. Offenbar gelten für Lebensmittel besondere Regeln. „Sofort zustellen!“, mahnt ein Paketaufkleber einen Boten. Nur ist „sofort“ bei manchen Anbietern ein sehr dehnbarer Begriff: Während die erste Essensration nach einem halben Tag bei mir eintrudelt (Food.de), warte ich auf die letzte Kiste knappe zwei Tage (Edeka24). Edeka24 verschickt echte Überraschungskisten: Wann sie geliefert werden, erfährt man bei Bestellung nicht, nur dass sie „in der Regel“ innerhalb von ein bis drei Werktagen ankommen.

          Staunen lässt mich auch die Größe der Pakete: Bei allen Märkten habe ich fast dasselbe bestellt. Der Food.de-Mann lädt 8 Einzelteile auf meinem Küchentisch ab – umweltfreundlich unverpackt – und trägt seine Transportkiste gleich weiter. Rewe und Tengelmann kommen mit je fünf Papiertüten oder Plastikbeuteln. Was Allyouneed dagegen liefert, braucht kein Mensch: zwei Umzugskartons. Aufwendig und bleischwer sind die zehn Produkte verpackt. Fast alles ist einzeln in Noppenfolie gewickelt, jedes Ei, der Joghurt, die Aubergine. Daneben liegen zwei Kilo Kühlpacks. Am Abend sieht meine Wohnung aus, als zöge ich um, so viel Verpackungsmüll habe ich von den Lebensmitteln gewickelt.

          Den Weg zu mir haben fast alle gut überstanden, auch Eier, Salate und Tiefkühlbrötchen. Nur eine Endivie ist so welk, dass sie in den Mülleimer wandert. Und das Ersatzmüsli, das Tengelmann ohne Rücksprache in die Tüte legte, isst jetzt jemand, der Kokosraspeln mag. Ich aber nicht. Mein erster Online-Lebensmittelkauf lief besser als gedacht. Überzeugt haben mich Food.de und – nach der Website-Odyssee – auch Rewe. Die Zeit allerdings, die ich diesmal nicht im Supermarkt verplemperte, verbrachte ich am Müllcontainer: Kartons kleinreißen und Plastikfolien entsorgen. Und morgen muss ich noch zur Post: Die Kühlbox zurücksenden, die mir MyTime gegen fünf Euro Pfand geschickt hat.

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