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Rauschgifthandel : Kokain aus dem Netz

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Dem Erfolg der Online-Drogenmärkte hat das alles bisher nicht geschadet. Ganz im Gegenteil sind sie durch den FBI-Coup erst so richtig bekanntgeworden. Bereits wenige Wochen nach Ulbrichts Festnahme eröffneten Mitstreiter „Silk Road 2.0“, unzählige Konkurrenzplattformen sind seitdem hinzugekommen.

Philantropie mit Drogengeld – auf der Silk Road zur besseren Welt

Ähnlich wie Ulbricht, der sich auf diversen Profilen in den sozialen Medien als radikalliberaler Anhänger des Ökonomen Ludwig von Mises und des amerikanischen Politikers Ron Paul präsentierte, propagieren seine Nachfolger eine eigenwillige Form des sozialen Anarchismus: Silk Road, heißt es in einer Nachricht, mit der neue Mitglieder willkommen geheißen werden, sei ein Rückzugsraum, in dem jeder ungestört von staatlichen Eingriffen seine Freiheiten ausleben könne. Keiner solle in seinen Möglichkeiten eingeschränkt werden, solange er niemand anderem damit schade.

Dazu passt, dass viele der Drogenportale im Deep Web einen sehr gentrifizierten Eindruck machen. Oft findet eine regelrechte Markenbildung statt. Manch ein Anbieter wirbt mit „Bio-Cannabis“ oder verspricht, sein Kokain sei „fair gehandelt“: Die Erlöse aus dem Verkauf gingen nicht an böse Kartelle, sondern nur direkt an Kleinbauern in „konfliktfreien“ Regionen, aus deren Kokapflanzen es gewonnen werde. Andere tun sich durch angebliche philanthropische Wohltaten hervor: Man spende an Wikileaks und diverse Open-Source-Projekte.

Diese Rhetorik passt nicht so ganz zum klassischen Bild des Drogenbosses, der mit bewaffneter Eskorte unterwegs ist und seine Gegner auch gerne mal in Salzsäure auflöst. Allerdings ist es eben auch nur Rhetorik: Dem Silk-Road-Gründer Ulbricht wirft das FBI unter anderem vor, er habe im Internet Auftragskiller angeheuert, um Erpresser aus dem Weg zu räumen, die drohten, ihn zu enttarnen. Endgültig geklärt ist das zwar alles nicht. Trotzdem unterscheidet die Silk Road wohl weniger von anderen kriminellen Organisationen, als ihre Betreiber glauben machen wollen.

Der anonyme Drogenkonsument ist weiß, 30 Jahre alt und Akademiker

Doch die rhetorischen Finten der Onlinedealer sind ein Hinweis darauf, an wen sich Angebote wie Silk Road richten: Leute, die offenbar nicht nur bei ihrem Gemüse, sondern auch bei ihren Drogen Etiketten wie „fair“, „ökologisch“ oder „sozial“ schätzen. Die Soziologin Marie Claire Van Hout und der Psychologe Tim Bingham befragten im vergangenen Jahr mehrere Dutzend Nutzer der Seite und fanden heraus, dass es hauptsächlich Männer um die dreißig waren, die entweder noch studierten oder in akademischen Berufen tätig waren - Männer wie Ross Ulbricht also.

Auch der mutmaßliche Silk-Road-Gründer hatte einen akademischen Abschluss, machte in seiner Freizeit Yoga und experimentierte mit halluzinogenen Drogen. Die Kunden, die die Forscher befragten, waren meist Gelegenheitsnutzer von Cannabis oder Partydrogen wie MDMA, die sie der Bequemlichkeit halber im Internet bestellten.

Ermittler vermuten deshalb, dass Plattformen wie Silk Road den Drogenhändlern durchaus neue Käuferschichten erschließen könnten. Ähnliches haben Forscher schon bei der Prostitution beobachtet, die nach wie vor in vielen Ländern verboten ist: Das Internet hilft, zwielichtige Geschäfte aus der Schmuddelecke zu holen. Wenn man nicht mehr ins Rotlichtviertel pilgern muss, um an einer dunklen Ecke seinen Dealer zu treffen, der einen vielleicht auch noch betrügt oder bedroht, sinkt die Hemmschwelle. Anonyme Onlinebestellungen machen illegale Drogen auch für Leute attraktiv, denen der Gang ins Bahnhofsviertel immer zu gefährlich war.

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