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Elektrizität : Günstig Strom einkaufen

Bild: dpa

Seit mehr als zwei Jahren fallen die Preise an der Strombörse, ohne dass die Verbraucher davon profitieren. Die Stadtwerke Bad Vilbel und Viernheim bieten jetzt einen Tarif, der die Schwankungen weitergibt.

          Es ist ganz schön ungerecht: Der Strompreis für den Normalkunden steigt und steigt – im vergangenen Jahr um 13 Prozent, und auch davor ging es nur nach oben. Doch an der Strombörse in Leipzig sind die Preise seit Jahren auf Talfahrt. Bloß profitieren die Privathaushalte nicht davon.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein kleiner Anbieter aus dem hessischen Bad Vilbel verspricht, genau das zu ändern. Mit seinem „dynamischen Stromtarif“ will Vivi-Power, ein Unternehmen der Stadtwerke Bad Vilbel und Viernheim, die Kunden direkt an den günstigen Börsenpreisen teilhaben lassen.

          Das funktioniert so: Im Gegensatz zu den meisten anderen Anbietern, die mehrjährige Verträge direkt mit den Stromerzeugern haben, kauft Vivi-Power seinen Strom jeden Monat aufs Neue an der Börse ein. Aus dem aktuellen Börsenpreis errechnet sich dann der Preis für den Kunden. Jeden Monat wird er entsprechend angepasst. Den jeweils neuen Arbeitspreis erfährt der Kunde stets zwei Monate im Voraus. Will er eine Preisanpassung nicht akzeptieren, kann er innerhalb von zwei Wochen kündigen.

          Die oft übliche Preisgarantie über einen gewissen Zeitraum kennt der Tarif nicht. Im Sommer sinkt der Preis in der Regel, weil viel billiger Solarstrom produziert wird, im Winter steigt er dagegen, wenn die Nachfrage zunimmt und die Kraft der Sonne fehlt. Der Kunde wettet also auf eine günstige Preisentwicklung. „Eine Spargarantie gibt es nicht“, sagt auch Geschäftsführer Ralph Franke. Der Tarif biete eben Chancen und Risiken.

          Rückblickend ist die Spekulation aufgegangen. Nimmt man den Durchschnittspreis über das Jahr hinweg, hätte man in Frankfurt 2013 für eine dreiköpfige Familie (3500 Kilowattstunden) 887 Euro gezahlt. Beim günstigsten Tarif des Grundversorgers wären es 1011 Euro gewesen. Da der Ausbau der günstigen regenerativen Energien weiter vorangetrieben wird, deutet auch in Zukunft erst mal nichts auf einen Anstieg des Börsenpreises hin. Entsprechend kalkuliert man in Bad Vilbel „mit stabil-niedrigen Preisen“.

          Seit dem Start im Jahr 2012 hat Vivi-Power für den Stromtarif eine hohe vierstellige Zahl an Kunden gewonnen, sagt Franke. Und diesen wird ein bisschen Mithilfe abverlangt: So muss der Kunde jeden Monat seinen Zählerstand selbst ablesen und in einem Online-Portal eingeben. Die Rechnung erhält er dann per Mail. Auch der gesamte Kundenservice ist auf E-Mail-Verkehr ausgelegt. Eine Telefonhotline existiert zwar, doch ist die nur von 9-12 Uhr geschaltet. „Bei unseren Preisen ist das anders nicht zu realisieren“, sagt der Geschäftsführer. Folglich macht man auch keinerlei Werbung oder lockt mit Prämien und Treue-Boni.

          Das muss beachten, wer seinen Anbieter über Vergleichsportale im Internet sucht. Hier werden in den Basiseinstellungen nämlich meist sämtliche Boni eines Tarifes miteingerechnet. In die üblichen Preisvergleiche passt der dynamische Tarif aber ohnehin nicht. Denn in diesen werden die Stromkosten mit einem jeweils fixen Preis für ein Jahr berechnet und unter den Tarifen verglichen. Das Angebot von Vivi-Power basiert aber gerade auf dem Ausnutzen von variablen Preisen.

          Stiftung Warentest und die Verbraucherzentrale schätzen den Tarif so als „vergleichsweise günstig“ ein. Zudem erkennen sie „keine Fallstricke“. Günstige Preise versprach schließlich auch Teldafax, mit dem entscheidenden Nachteil von undurchsichtigen Geschäftsbedingungen. Rund 700.000 Geschädigte hinterließ die Pleite des Unternehmens im Jahr 2011. Gelockt hatte man mit Billigtarifen, zu zahlen per Vorkasse. Bei Vivi-Power zahlt der Kunde stattdessen am Ende jedes Monats, und zwar exakt seine verbrauchte Menge an Strom plus eine fixe Grundgebühr. Doch könnte gerade das damit einhergehende Zählerablesen viele Leute abschrecken.

          Mit ihrer Stromrechnung beschäftigen sich die Deutschen nämlich nicht gerne. Das bestätigt die Bundesnetzagentur. Danach beziehen 80 Prozent nach wie vor ihren Strom über einen Tarif des örtlichen Grundversorgers. Und das, obwohl der Strommarkt bereits 1998 liberalisiert wurde.

          Geschäftsführer Franke ist dennoch optimistisch: „Bis Jahresende soll unser Tarif für 80 Prozent der Deutschen verfügbar sein.“

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