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80 Jahre Einkaufswagen : Der Klassiker aus dem Supermarkt

  • -Aktualisiert am
Der „Wiigo“ kann mitdenken, gut rechnen, manchmal sogar reden und vor allem: selbst fahren. Im Grunde ist er ein Einkaufsroboter auf Rädern. Bilderstrecke

Denn nichts nervt den Supermarktkunden so sehr wie das Herumirren zwischen den Regalen auf der Suche nach dem gewünschten Produkt, wissen Marktforscher. Das sagen auch die Einkäufer laut Umfragen von TNS Infratest und der Beratungsgesellschaft Comarch selbst: Die überwältigende Mehrheit der Kunden, 87 Prozent, wünscht sich mehr Hilfe bei der In-Store-Navigation, wie die Wegsuche im Supermarkt auf Neudeutsch heißt. Ein Gerät, das den kürzesten Weg weist von Milch zu Mehl und Eiern und das vorm Regal der 300 Tütensuppen sofort zeigt, wo die richtige Tomatensauce steht, erleichtert demnach den Einkauf enorm. Und es hält die Kunden bei Laune, bei Kauflaune.

Zwischen 90 und 350 Euro

So ein Gerät hat das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) auch längst erfunden und mit Bildschirm an Einkaufswagen verbaut. Es funktioniert so: Der Kunde führt auf seinem Handy eine Einkaufsliste und überträgt sie am Markteingang per Bluetooth auf den Einkaufswagen. Der Wagen führt ihn dann zielsicher zu den Regalen und erfasst mittels Funkchips auch gleich die Preise aller Produkte, die in ihm abgelegt werden. Später muss der Kunde dann nur noch den QR-Code scannen, der am Handlauf des Wagens erscheint, und kann dann per App den Gesamteinkauf bezahlen. Tut er das jedoch nicht, bevor er durch den Kassenbereich gerollt ist, kommt die elektronische Wegfahrsperre ins Spiel: Sie blockiert dann die Wagenräder und legt so den vermeintlichen Dieb am Supermarktausgang lahm.

Auch dieses Navigationssystem, gepaart mit dem funkgesteuerten Bremssystem, ist „noch sehr teuer, deswegen wird es das in naher Zukunft noch nicht geben“, dämpft Sven Gehring vom Innovative Retail Laboratory des DFKI die Erwartungen. Billigere Bremssysteme gibt es aber auch, und die lohnen sich für die Märkte allemal, denn sie können nicht nur die Zahl der Warendiebstähle vermindern, sondern vor allem auch den Einkaufswagenklau. Der ist nämlich für Supermarktbetreiber ein großes Problem: Jeder Einkaufswagen kostet zwischen 90 und 350 Euro, je nach Ausführung. Auf die zehnjährige Nutzungszeit rechnet sich die Anschaffung. Erst recht, wenn man bedenkt, dass jeder Wagen in dieser Zeit rund 40.000 Kilometer zurücklegt, also einmal um die ganze Welt rollt. Doch allein hierzulande werden 100.000 Transportwagen jedes Jahr aus Geschäften geklaut - und enden dann als Blumenkübel in Vorgärten, als Grillersatz an Stadtstränden oder werden von Obdachlosen als Umzugswagen zweckentfremdet. Ein Supermarkt in Köln, der das Bremssystem testete, reduzierte den Wagendiebstahl von 20 bis 30 im Monat auf nur einen einzigen.

Bis heute das Grundmodell in fast jedem Einkaufsmarkt

Wie beliebt und vor allem verbreitet die Drahtwagen heutzutage sein würden, das hätte sich Sylvan Goldman wohl nie träumen lassen. Der Ladenbesitzer aus Oklahoma City war es, der im Sommer 1937, also vor 80 Jahren, den Einkaufswagen erfand. Er führte das Humpty-Dumpty-Lebensmittelgeschäft und war einer der Ersten, der lose Ware wie Linsen, Erbsen und Mehl, die früher noch aus großen Säcken heraus abgewogen und verkauft wurden, in handliche Einheiten abpackte und ins Regal stellte. So konnten die Kunden im Laden herumlaufen und sich selbst bedienen. Goldman beobachtete aber eines: Wenn sie ihre Einkäufe in Körben zur Kasse bringen mussten, kauften die Kunden weniger ein. Stets nur so viel, wie sie tragen konnten. Er wollte ihnen den Transport erleichtern und kam eines Tages durch den Klappstuhl auf seiner Terrasse auf eine Idee: Er nahm den Stuhl, schraubte ein paar Rollen drunter und stellte einen Korb darauf. Fertig war der erste Einkaufswagen.

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