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Überschuldung leicht gemacht? : Der Siegeszug der Kreditkarten

Pappkarte mit Mehrwert: Kreditkarten können immer häufiger als Zahlungsmittel eingesetzt werden Bild: AP

In immer mehr Läden können Kunden mit der Kreditkarte zahlen. Die Vorteile sind überschaubar. Wozu braucht man noch ein Zahlungsmittel mehr?

          3 Min.

          Es kommt einer kleinen Revolution gleich: Die Lebensmittelketten Lidl, Aldi und Kaufland haben fast zur gleichen Zeit angekündigt, nun auch Kreditkarten akzeptieren zu wollen. Auch Mediamarkt Saturn möchte bald Visa und Mastercard akzeptieren. Bei Kaufland und Lidl gilt das vom 1. Juli an, bei Aldi Nord und Süd soll die Umstellung bis zum 1. September abgeschlossen sein, und Mediamarkt bietet die neue Bezahlmöglichkeit ab sofort an. Treiber dieses überraschenden Schwungs auf dem deutschen Kreditmarkt ist die Europäische Kommission, die den Markt reguliert hat.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vom 9. Dezember an wird die Gebühr gesenkt, die Banken für eine bargeldlose Transaktion erhalten - von durchschnittlich 1,7 Prozent auf lediglich 0,3 Prozent. Zum Vergleich: Für die Maestro-Karten liegen diese mit 0,2 Prozent dann nur noch geringfügig niedriger. Die Gebühren für die Girocard dürften sich auch in diesem Rahmen zwischen 0,2 und 0,3 Prozent bewegen, werden aber stets zwischen Banken und Handel vereinbart. Damit ist die Kreditkarte für den Handel noch immer das teuerste Zahlungsmittel, wenn bald auch deutlich günstiger.

          Bis heute ist diese Form des Bezahlens noch relativ unbeliebt in Deutschland. Je nach Schätzung besitzt etwa jeder dritte Deutsche eine der Kredit-Plastikkarten, mit der er etwa zwei Transaktionen im Monat vollzieht. Dagegen besitzt fast jeder eine Girokarte. Denn in Deutschland ist eine Kreditkarte eigentlich nicht vonnöten: Jede Bank hierzulande bietet ein Girokonto mit einem Überziehungskredit (Dispo) an. Man darf also mehr Geld ausgeben, als eigentlich auf dem Konto ist. Schon das sollten Kontoinhaber nur in Ausnahmefällen tun. Mit einer echten Kreditkarte baut man oft noch eine zweite Kreditlinie auf, die der Kunde bedienen muss - der erste Schritt in die Überschuldung ist getan. Schöpft man zum Beispiel die Überziehung der Kreditkarte von 5000 Euro komplett aus, fallen Überziehungszinsen in Höhe von 500 bis 800 Euro im Jahr an. Für Verbraucher ist ein Jahreskredit fast immer deutlich günstiger.

          Girokarte zu veraltet für mobiles Bezahlen

          Trotzdem wächst die Zahl der Kreditkarten langsam weiter. Die Bundesbank verzeichnete zwischen den Jahren 2009 und 2013 ein Wachstum von 18 Prozent auf gut 29 Millionen Stück. Dagegen ist die Zahl der Transaktionen, die über das Plastikkärtchen getätigt werden, mit fast 60 Prozent in dieser Zeit rasant gewachsen - die Verbraucher nutzen sie also dem Anschein nach wesentlich häufiger. Dafür ist besonders das Internet verantwortlich, wo andere Zahlungsmittel deutlich seltener sind. Laut einer Studie des Instituts für Handelsforschung werden online etwa 17 Prozent der Transaktionen mit Kreditkarten bezahlt, die Bundesbank geht von einer ähnlichen Zahl aus. Besonders beliebt ist die Kreditkarte demnach bei höheren Beträgen.

          Damit stehen zwei Gründe fest, warum die Discounter nicht mehr nur die Girokarte akzeptieren wollen. Zum einen geht es ums Geld: Unter Umständen kann es nämlich nun sein, dass für die Discounter das Bezahlen mit Girokarte teurer ist als mit einer internationalen Debitkarte. Durch die zusätzliche Konkurrenzsituation können die Discounter außerdem bei den Verhandlungen um die Gebühren für die Girokarte diese vielleicht noch weiter drücken.

          Zwar ist es wegen der teureren Gebühren nicht unbedingt im Interesse der Banken, komplett von der Girokarte auf die Kreditkarte zu wechseln. Aber das Problem der deutschen Kreditwirtschaft ist die unmoderne Girokarte: Gerade beim mobilen Bezahlen hängt diese hinterher, außerdem brauchen die großen Handelskonzerne Bezahlsysteme, welche auch auf dem Weltmarkt mitspielen können - was der Girokarte nicht gelingt.

          Bald weniger Wartezeit bei Aldi und Co?

          Deutsche Kreditkartenzahlungsabwickler wie Concardis, die von den Einzelhändlern Gebühren erheben und Gebühren an die Karten ausgebenden Banken zahlen, erleben unterdessen ein hartes Jahr 2015. Denn wenn an der Einzelhandelskasse gezahlt wird, lassen sich deutsche Banken und Sparkassen in diesem Jahr noch die hohe Interchangegebühr von mindestens 1,5 Prozent von diesen heimischen Zahlungsabwicklern auszahlen. Wenn aber das Institut, das die Kassenterminals betreibt, im Ausland sitzt, erhalten die Banken nur 0,3 Prozent Gebühr.

          Die den deutschen Sparkassen gehörende B+S Card nutzt deshalb ihre Tochtergesellschaft in Belgien. Die der gesamten deutschen Kreditwirtschaft gehörende Concardis hingegen zahlt, um gegenüber dem Einzelhandel konkurrenzfähig zu bleiben, nun drauf und gibt an die Banken mehr weiter als sie von den Einzelhändlern erhält. So hat Concardis nur die Tankstelle Orlen als Großkunden verloren, und kann jetzt sogar einen Achtungserfolg erzielen.

          Beide Aldi-Gruppen haben dem Vernehmen nach Concardis als Akquirer gewählt. Das streng in Aldi Süd und Aldi Nord aufgeteilte Lebensmitteldiscounterreich arbeitet zwar weiterhin mit den beiden verschiedenen Netzbetreibern Ingencio und Telecash. Mit Concardis aber erhoffen sich beide gemeinsam auch eine schnellere Kartenakzeptanz an der Aldi-Kasse. Die Kunden sollen also in der gerade bei Aldi nicht selten langen Schlange vor der Kasse nicht mehr so viel Zeit verbringen müssen.

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