https://www.faz.net/-hbv-8kab7

Zwischenbilanz in Kleve : Kleingeldabschaffung ohne Durchschlagskraft

Kein Kleingeld in Kleve Bild: dpa

Sechs Monate ist es her, seit Kleve das Kleingeld abgeschafft hat. Die Resonanz ist bis dato unterschiedlich. Nachahmer gab es keine.

          3 Min.

          Ein halbes Jahr dauert es jetzt schon, das Experiment in Kleve - und es wird spannend, wie es nun weitergeht: Seit Anfang Februar nehmen mehr als 100 Händler in dem niederrheinischen Städtchen keine Ein- und Zwei-Cent-Münzen mehr, wenn der Kunde nicht ausdrücklich darauf besteht. Sie runden stattdessen alle Beträge an der Kasse auf fünf Cent auf oder ab. Es geht darum, die kleinen Münzen praktisch überflüssig zu machen, die Händler müssen sie nicht mehr einrollen und (zum Teil gegen Gebühr) zur Bank bringen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jetzt aber gibt es in Kleve eine Veränderung, die Folgen haben könnte: Ute Marks, die städtische Marketingchefin und eine treibende Kraft hinter dem ganzen Projekt, räumt nach 14 Jahren ihren Posten bei der Stadt und arbeitet künftig bei der Agentur Stadt und Handel in Dortmund. Wird das womöglich auch das „Aus“ für das bundesweit beachtete Kleingeld-Experiment von Kleve sein?

          Gemischte Resonanz

          „Schau’n mer mal“, zitiert Marks auf Anfrage Franz Beckenbauer. Sie sieht zwar keine starken Kräfte in Kleve, die das Projekt jetzt aktiv beenden wollten. Sie meint aber, die Gefahr, dass es „einschlafe“, wenn nicht regelmäßig dafür getrommelt werde, bestehe schon.

          Dabei ist Kleve durch das Projekt immerhin zu einer gewissen Berühmtheit gekommen. Bei Kunden wie bei Händlern in Kleve sind die Meinungen aber unterschiedlich, was den Sinn des Projektes betrifft. Manche Kunden finden „Kupfergeld“ oder „Rotgeld“, wie es bisweilen abschätzig genannt wird, einfach nur lästig.

          Es gibt aber auch Leute, die aus grundsätzlichen Erwägungen („den Pfennig ehren“) für den Erhalt sind oder fürchten, die Abschaffung der kleinen Münzen könnte ein Schritt zur Abschaffung des Bargeldes insgesamt sein. Andere machen sich offenbar Sorgen, dass trotz der festgelegten Rundungsregeln am Ende zu ihren Ungunsten gerundet werden könnte. Man denke nur an die Euroeinführung, sagen sie.

          Rundungs-Differenzen

          Auch unter Geschäftsleuten in Kleve gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Während Klaus Fischer, Filialleiter eines Geschäftes für Herrenbekleidung, das Projekt leidenschaftlich unterstützt („Der Wert der Münzen steht in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, den sie verursachen“) und sogar eine Ausweitung des Modells auf ganz Deutschland vorgeschlagen hat, verweisen beispielsweise die Apotheken darauf, sie dürften bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, Zuzahlungen und der Rezeptgebühr gar nicht runden.

          Der Chef des örtlichen Saturn-Markts hatte sich auch gegen das Experiment ausgesprochen: Das Risiko, dass durch das Runden Fehlbeträge entstünden, sei ihm zu groß. Wie können überhaupt Nachteile für Käufer oder Händler entstehen, wenn nach einem fairen Verfahren mal auf und mal abgerundet wird, das müsste sich doch ausgleichen? Theoretisch denkbar wären zwei Fälle: Wenn die Kunden immer gern akzeptieren, wenn zu ihren Gunsten gerundet wird, aber im gegenteiligen Fall hartnäckig darauf bestehen, nur den exakten Betrag zu zahlen, könnte es für die Händler ein Zuschussgeschäft werden. Oder aber, wenn in einem Geschäft sehr oft einzelne Waren gekauft werden, deren Preis auf 99 Cent endet, könnte überdurchschnittlich oft zu Lasten der Kunden aufgerundet werden. Zumindest im einzelnen Fall geht es dabei aber natürlich immer nur um sehr kleine Beträge.

          „Geehrte Kunden, wir runden“, konnte man in den letzten Monaten beispielsweise auch in Bäckereien in Kleve lesen. Bäckermeister Gerd Derks hat der örtlichen Lokalzeitung vorgerechnet, wie er dabei kalkuliert: Bei 300 bis 400 Kunden am Tag ergebe sich durch das Runden vielleicht eine Differenz von fünf Euro - dem stünden aber Aufwand und Kosten gegenüber, die entfielen, weil man die Münzen nicht mehr rollen und zur Sparkasse bringen müsse.

          Seine Erfahrung: Anders als die Niederländer wollten die Deutschen manchmal beim Brötchenholen einen einzelnen Cent zurückhaben, wenn zu ihren Lasten gerundet werden solle. Womöglich sei das typisch deutsch. Textilienhändler Fischer dagegen sagte, bei ihm sei das noch nie passiert.

          Eine Fischbude in Kleve soll jetzt sogar eine Waage haben, die automatisch rundet. Andere Geschäfte haben eine Rundungsfunktion in die Kasse integriert. Manche Läden sind sogar dazu übergegangen, die Waren gleich mit auf fünf Cent gerundeten Preisen auszuzeichnen. Das gehe aber nicht bei allem, erzählen die Händler, bei Bekleidung beispielsweise seien die Preise zum Teil vorgegeben.

          Niemand wollte folgen

          In Kleve hatte man sich gewünscht, dass mehr Städte dem Beispiel folgen. In Moers, Dinslaken, Lingen, Braunschweig sowie einigen Städte in Baden-Württemberg und Hessen hätten Leute angeblich damit geliebäugelt, Kleve nachzufolgen, behaupten die Initiatoren. Gefolgt ist aber letztlich niemand. In Österreich, wo das auch ein Thema war, argumentierte die Nationalbank, es sei der Handel, der die Ein- und Zwei-Cent-Münzen als „notwendig für die Preisgestaltung“ erachte. Wohingegen für die Konsumenten das viele Kleingeld in der Geldtasche lästig sei.

          Am 1. September soll es in Kleve nun einen „Runden Tisch“ geben, bei dem man unter anderem besprechen will, wie es mit dem Münzprojekt weitergehen soll. „Wir müssen das wieder etwas anschieben“, meint Filialleiter Fischer.

          Ausgerechnet die Tankstellen

          In jedem Fall hat auch die Wissenschaft mittlerweile begonnen, sich für das Thema zu interessieren. Die Hochschule Rhein-Waal hat angekündigt, sich in einer empirischen Studie mit der Frage nach der lokalen Akzeptanz und der weiteren Umsetzung auseinanderzusetzen. Einer der Ersten, die den Initiatoren des Projekts in Kleve gratuliert haben, war übrigens ein Manager von Shell. Er musste sich allerdings anhören, die Mineralölkonzerne seien ja nicht gerade ein Vorbild beim Runden - auf den Tafeln an den Tankstellen endeten die Benzinpreise ja immer bevorzugt auf neun Zehntel Cent.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

          1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.