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Ohne Pin : Die kleinen Fallen des kontaktlosen Bezahlens

Häufig ganz ohne Pin oder Unterschrift: Kontaktloses Bezahlen Bild: mauritius images

Bezahlen ohne Pin ist bequem und schnell. Doch warum klappt das so oft nicht?

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          Dem Charme des kontaktlosen Bezahlens erliegen zunehmend auch wahre Bargeld-Fans. Denn schneller und einfacher kann man an der Ladenkasse eigentlich nicht bezahlen, wenn es technisch möglich ist und die Beträge 25 Euro nicht übersteigen. Dann muss der Kunde zum Beispiel die am blauen Wellensymbol zu erkennende Bankkarte eigentlich nur noch nah genug an das kleine Eingabegerät an der Kasse halten. Einen Moment später ist im Idealfall schon alles erledigt. „Zahlung erfolgt“ ist dann auf dem kleinen Bildschirm zu lesen – und dies ohne Eingabe der Geheimzahl (Pin) oder Unterschrift.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Kontaktlos bezahlen ist auf jeden Fall bequem. Daher habe es im Durchschnitt jeder zweite Bundesbürger auch schon einmal getan, wie eine repräsentative Umfrage der Postbank ergibt. Inzwischen ist diese Art des Einkaufens nicht mehr nur mit Kreditkarten möglich, sondern ebenso mit immer mehr Girokarten und Smartphones. Die Karten müssen dazu über einen Chip mit NFC-Technik verfügen („Near Field Communication“).

          Ungewolltes, fremdes Auslesen soll dagegen nur möglich sein, wenn Gauner der Karte sehr nahe kommen. Geeignete Schutzhüllen gibt es zudem. Im Fall des Verlusts oder des Diebstahls der Karte sollte man dies unverzüglich dem Geldhaus melden, damit die Karte sofort gesperrt wird und eventuelle Schäden vom Institut auch übernommen werden.

          In der Praxis klappt noch nicht alles einwandfrei

          Seit September 2018 werden zum Beispiel alle neuen Girokarten der Deutschen Bank mit der Kontaktlos-Bezahlfunktion ausgestattet. Die Umstellung erfolge sukzessiv über den regulären Kartenaustausch und werde voraussichtlich bis Ende 2021 abgeschlossen sein, sagt eine Sprecherin der Bank. Nach Schätzungen der Finanzbranche sollen zum Jahresende 2019 rund 75 Prozent der in Deutschland etwa 100 Millionen Girokarten ausgetauscht sein. Der Handel rüstet seit längerem auf geeignete Lesegeräte um. Von den hierzulande etwa 840.000 Akzeptanzstellen verfügten inzwischen 80 Prozent oder 680.000 schon über eine solche Technologie, sagt Arne Glöde, Fachmann von Euro-Kartensysteme, einem Gemeinschaftsunternehmen der Banken und Sparkassen.

          Um das kontaktlose Bezahlen so schnell und so einfach wie möglich zu gestalten, ist zusätzliche Sicherheit durch die Eingabe einer Pin grundsätzlich nur dann erforderlich, wenn die Beträge 25 Euro übersteigen. In der Praxis klappt das leider nicht immer. Der Rewe-Einkauf kostet 22,40 Euro, und doch will das Gerät an der Kasse die Geheimzahl. Ähnliches erlebt man wenig später beim Discounter Lidl, obwohl Obst, Tomaten und Getränke nur 11,99 Euro kosten. Kurz darauf wird im Hornbach-Baumarkt für 19,98 Euro die Unterschrift verlangt. So toll die neue Technik sei, ganz ausgereift sei sie wohl noch nicht, heißt es in solchen Momenten gern an der Ladenkasse. Man erlebe solcherlei häufiger, zumal Kunden immer öfter kontaktlos bezahlten. Manche reagierten mit Schulterzucken und Ratlosigkeit, andere schimpften kräftig.

          Doch es gibt klare Regeln bezüglich der Zahl der Transaktionen und der Summen, die von der Europäischen Bankenaufsicht stammen. Die Deutsche Kreditwirtschaft habe sich auf den Betrag von 25 Euro und über die Häufigkeit der Pin-Eingabe gemeinsam geeinigt, heißt es vom Bankenverband BdB. Die neue gesetzliche Regelung von September an, erlaube aber künftig mehr als diese Einigung. Aus Sicherheitsgründen seien mit der Girokarte grundsätzlich nur fünf kontaktlose Bezahlvorgänge ohne weitere Eingaben möglich, sagt die Deutsche-Bank-Sprecherin. Danach werde automatisch die Pin erfragt, auch wenn der Betrag 25 Euro nicht übersteige, sagt Glöde.

          Kontaktlos bezahlen mit ein paar Ausnahmen

          Das heißt im Umkehrschluss: Jeder sechste kontaktlose Zahlungvorgang ist grundsätzlich Pin-pflichtig und damit aufwendiger. Bezahlt man mit der Karte vieles an einem Tag, dann kann dies anders sein: Bei täglich mehr als vier kontaktlosen Zahlungen erfolge die Abfrage der Pin schon für die fünfte Zahlung, heißt es zum Beispiel im Kundenservice der Deutschen Bank.

          Es kann weitere Ausnahmen geben. Bezahlt ein Kunde zum Beispiel zwei Euro für seinen täglichen Espresso immer kontaktlos mit der Girokarte und sonst nichts anderes, dann kann das kartenausgebende Finanzinstitut auf die Eingabe der Pin alle sechs Mal verzichten, da die Beträge so gering sind. Hier kommt dann die zweite gesetzliche Grenze ins Spiel. Die Summe von bis zu 150 Euro kann ebenfalls über die Art des Bezahlens entscheiden. Je nach Bank könne dieses Limit auch geringer sein, sagt Glöde. Dies liege im geschäftspolitischen Ermessensspielraum des Kreditinstituts, den der rechtliche Rahmen biete. Das Geldhaus könne zur Begrenzung des eigenen Risikos oder zum Schutz zum Beispiel von Jugendlichen eigene Grenzen setzen oder fallweise entscheiden.

          Wenn diese Summe durch verschiedene kontaktlose Bezahlvorgänge erst einmal erreicht worden sei, müsse zur Sicherheit die Pin eingegeben werden – selbst dann, wenn der neue Einkauf 25 Euro nicht übersteige, sagt Glöde und spricht von einem durch das Kreditinstitut gepflegten Zähler der Karte, der die kontaktlos bezahlten Einkäufe summiere. Und wie stoppt man die fortgesetzte Pin-Abfrage? Der volle Zähler müsse auf „null“ gesetzt werden, sagt Glöde. Hierzu müsse der Kunde die Karte zumindest einmal in ein Lesegerät des Handels einstecken und die Pin eingeben. So werde dieser zusätzliche Sicherungsmechanismus erzwungen. Das Zurücksetzen klappe bisher nicht kontaktlos.

          Es gibt erste Vorstöße von Kreditkartenanbietern, die Grenze für das kontaktlose Bezahlen auf gesetzlich mögliche 50 Euro zu erhöhen. Kontaktlose Transaktionen über Visa könnten seit 2017 grundsätzlich bis zu 50 Euro ohne Pin oder Unterschrift abgewickelt werden, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Dabei hänge die Höhe des Limits für den Karteninhaber jedoch vom kartenausgebenden Institut ab. Die DKB zum Beispiel habe 50 Euro festgesetzt, bei anderen gälten weiterhin 25 Euro als Limit für das Bezahlen ohne Pin oder Unterschrift. Konkurrent Mastercard beobachtet die 25-Euro-Grenze kontinuierlich und würde sie gegebenenfalls anpassen.

          Ob sich in der Praxis jede Pin-Eingabe oder der Verzicht darauf beim kontaktlosen Bezahlen mit diesen Regeln erklären lässt, mag man zuweilen bezweifeln. Aber wenn beim nächsten Einkauf an der Kasse nicht alles so bequem und reibungslos läuft wie erhofft, könnte die Sicherheit ein guter Grund dafür sein.

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